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Corona-Impfstoffe

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    Europaweit unseriöse Impfstoff-Angebote von dubiosen Händlern

    Corona-Impfstoff ist weiterhin knapp – private Vermittler versprechen europäischen Behörden Abhilfe, vorbei an den offiziellen Beschaffungswegen. Auch das Bundesgesundheitsministerium und mehrere Bundesländer erhielten Angebote.

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    Von
    • Arne Meyer-Fünffinger
    • Julia Schuster
    • Ann-Kathrin Wetter
    • Maximilian Zierer

    Vier Millionen Dosen des Covid-19-Impfstoffs von Astrazeneca: Diese Menge wollte die Regionalregierung Apuliens offenbar kaufen, genug, um der gesamten Bevölkerung der süditalienischen Region eine Impfdosis verabreichen zu können. So steht es in einem Brief, den der Leiter des apulischen Krisenstabs Ende Januar an Astrazeneca schickte.

    Er liegt dem Bayerischen Rundfunk und seinen internationalen Recherchepartnern IrpiMedia in Italien und Follow the Money in den Niederlanden vor. Geplant war demnach offenbar ein direkter Deal zwischen einer Regionalregierung und Astrazeneca, eingefädelt über private Vermittler, abgewickelt über ein komplexes Firmengeflecht. Der Deal kommt nicht zustande, inzwischen hat die Staatsanwaltschaft in Perugia Ermittlungen wegen Betrugsverdachts eingeleitet.

    Spahn spricht von Goldgräberstimmung

    Nach gemeinsamen Recherchen des BR mit internationalen Recherchepartnern bieten Händler europaweit Behörden und Regierungen Impfstoffe an - vorbei an der zentralen Beschaffung über die EU-Kommission: in den Niederlanden etwa, in Estland oder in Dänemark. Angeboten werden Impfstoffe von AstraZeneca und BioNTech, auch der in der EU bislang nicht zugelassene russische Impfstoff Sputnik V. Auch dem deutschen Gesundheitsministerium werden immer wieder Impfstoffe verschiedener Hersteller angeboten, bestätigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vergangene Woche in Berlin: "Es ist ein bisschen - wie eigentlich in dieser Pandemie immer wieder mit verschiedenen Produkten: Es entsteht dann so eine Goldgräberstimmung."

    Das Pharmaunternehmen Astrazeneca schreibt auf BR-Anfrage, dass es derzeit keine Lieferung, keinen Verkauf oder Vertrieb des Impfstoffs durch den privaten Sektor gebe. Wenn jemand private Impfstoffe anbiete, handele es sich "wahrscheinlich um Fälschungen", erklärt eine Sprecherin.

    Geflecht um Stuttgarter Geschäftsmann

    Hinter dem geplanten Deal in Apulien steckt ein kompliziertes Geflecht von beteiligten Unternehmen: Eine zentrale Figur ist offenbar ein Arzt in Stuttgart. Er trat dabei als Geschäftsführer einer Schweizer Firma auf, die seiner Tochter gehört. Er selbst mache keine Deals, sondern sieht sich als Vermittler zwischen Pharmaunternehmen und Regierungen, sagt er Reportern von BR Recherche/BR Data am Telefon. Eine detaillierte schriftliche Anfrage bleibt unbeantwortet.

    Aus einer Rechnung, die dem BR vorliegt, geht hervor, dass die Dosen offenbar über einen Händler in den USA beschafft werden sollten. Angebliche Herkunft des Impfstoffes: das Vereinigte Königreich. Zudem involviert: zwei ungarische "Partnerunternehmen" des Stuttgarter Geschäftsmannes. Eins davon ein Möbelhersteller. Dort weiß man auf Nachfrage nichts von Impfstoffen für die Region Apulien.

    Europäische Anti-Betrugsbehörde ermittelt

    Der Europaparlamentarier Andreas Glück, FDP, spricht von "schwarzen Schafen" auf dem Impfstoffmarkt: "Das dürfen wir auf jeden Fall so nicht hinnehmen. Am besten schützen wir uns davor, wenn wir europäisch zusammenarbeiten. Vermutlich ist bei der Impfstoffbeschaffung auf europäischer Ebene nicht alles glatt gelaufen, da müssen wir besser werden."

    Bei der EU-Kommission ist das Thema bekannt. Auf Anfrage verweist ein Sprecher auf die Ermittlungen der europäischen Anti-Betrugsbehörde OLAF: "Diese Angebote kommen in vielen verschiedenen Formen vor. Die Betrüger bieten beispielsweise an, große Mengen an Impfstoffen zu verkaufen, liefern eine Probe, um die erste Vorauszahlung zu kassieren und verschwinden dann mit dem Geld. Sie können Chargen von gefälschten Impfstoffen liefern. Oder sie geben sich als Vertreter eines seriösen Unternehmens aus und behaupten, im Besitz von oder Zugang zu Impfstoffen zu sein. Alle diese Behauptungen haben eines gemeinsam: Sie sind falsch." Die EU-Kommission fordert lokale Behörden daher auf, sehr vorsichtig zu sein, sollten sie Angebote dieser Art erhalten.

    Zweifelhafte Angebote auch in Deutschland

    Auch einige Bundesländer haben Angebote für Impfstoffe erhalten, Schleswig-Holstein zum Beispiel. Das dortige Gesundheitsministerium schreibt auf Anfrage, dass Ende März eine Einzelperson per E-Mail an das Land herangetreten sei und vorgab, Kontakt zu einem Großhändler herstellen zu können. Es ging um etwa fünf Millionen Impfdosen des Biontech-Impfstoffes. Zum Preis keine Angabe.

    Der Mainzer Impfstoffhersteller Biontech teilt dem BR mit, der Verkauf seines Impfstoffes erfolge ausschließlich an Regierungen und regierungsähnliche Organisationen wie die Europäische Kommission. "Seitens Biontech gibt es keine anderen Verkaufswege", schreibt das Unternehmen.

    Beim baden-württembergischen Gesundheitsministerium ging nach BR-Informationen ein Angebot ein, zum russischen Impfstoff Sputnik V. "Bitte erstellen Sie uns ein formales Angebot mit Angabe eine Abnahmemenge von zunächst 1 Million und das Preisangebot", schrieb eine Firma aus Singen, die sich auf den Import von medizinischem Cannabis aus den Niederlanden spezialisiert hat.

    Bundesländer haben Angebote abgelehnt

    In Stuttgart ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft, "nachdem eine Privatperson gegenüber einem Ministerium als (angeblicher) Vermittler von Impfstoff aufgetreten sein soll", wie es auf Anfrage heißt. Die Prüfung des Sachverhalts dauere an.

    Auch in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bremen gab es derartige Angebote. Alle Bundesländer haben sie nach eigenen Angaben abgelehnt.

    Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen betont auf BR-Anfrage, bei Corona-Impfstoffen sei immer Vorsicht geboten, "wenn sich "Vermittler" bei staatlichen Stellen melden". Der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels geht noch einen Schritt weiter und fordert, der Vertriebsweg von Impfstoffen auf die Lieferung vom Hersteller über den pharmazeutischen Großhandel und Apotheken an Arztpraxen müsse festgeschrieben werden. Alle alternativen Vertriebswege und Strukturen würden die Gefahr bergen, dass die legale Lieferkette unterlaufen, die Sicherheit der Impfstoffe und damit die Sicherheit der zu impfenden Bevölkerung aufs Spiel gesetzt werde.

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