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Europas Impfstrategie: Verhandelt, versprochen, versäumt?

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    Europas Impfstrategie: Verhandelt, versprochen, versäumt?

    Die Corona-Impfstoffe kamen schnell auf den Markt. Und doch geht es vielen mit dem Impfen nicht schnell genug und sehen die Ursache dafür in Brüssel. Die EU und ihre gemeinsame Impfstrategie, Absichten, Versäumnisse, Erklärungen – ein Überblick.

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    Von
    • Philip Kuntschner

    Juni 2020. Europa öffnet nach Monaten der Abschottung die Grenzen - selbst an Tourismus ist wieder zu denken. Die erste Corona-Welle liegt zurück, doch klar ist auch: Das Virus wurde eingedämmt, nicht aber besiegt. Letzteres kann nur mit einem wirksamen Impfstoff gelingen, da ist sich die EU-Kommission sicher.

    EU stellt sich auf lange Entwicklungszeit von Corona-Impfstoff ein

    Wann dieser vorliegen wird, ist zu diesem Zeitpunkt ungewiss, aber man will vorbereitet sein. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigt an: "Die Europäische Union wird alles in ihrer Macht stehende tun, damit alle Menschen Zugang zu einem Impfstoff haben - egal, wo auf der Welt sie leben." Daher die europäische Impfstrategie, mit der auch eine Prognose einhergeht – Entwicklung und Verbreitung eines Impfstoffs, das könne bis zu 18 Monate in Anspruch nehmen.

    Rund vier Monate später. Die zweite Corona-Welle bahnt sich an, in Berlin ist die Rede von "besorgniserregenden Inzidenzwerten", einen "zweiten Lockdown" wolle man aber verhindern.

    In Brüssel macht sich auf dem EU-Gipfel Ende Oktober dennoch verhaltener Optimismus breit. Einige Pharmahersteller befinden sich mit ihren Corona-Impfstoffen bereits in der finalen Testphase. Die Staats- und Regierungschefs legen sich auf einen Mechanismus fest: Alle EU-Staaten erhalten zum gleichen Zeitpunkt ihre Anteile aus einer gemeinsamen europäischen Impfstoffbestellung. Diese werden nach der Bevölkerungsstärke der Mitgliedstaaten verteilt. Eine hohe Priorität habe auch die ordnungsgemäße Zulassung – "Genauigkeit und Schnelligkeit" stünden an erster Stelle, so von der Leyen

    Biontech und Pfizer: Durchbruch noch im ersten Corona-Jahr

    Anfang November. An einem Montagmorgen verkünden die Mainzer Firma Biontech und ihr US-Partner Pfizer den Durchbruch: Ihr Corona-Impfstoff bietet einen mehr als 90-prozentigen Schutz. Umgehend soll in den USA und in der EU die Zulassung beantragt werden. Nur einen Tag später gibt die EU-Kommission bekannt: Die Verhandlungen mit den Herstellern seien abgeschlossen, die Staatengemeinschaft habe 200 Millionen Impfstoffdosen bestellt und eine Option über weitere 100 Millionen abgeschlossen.

    Schnell folgt die Kritik, die bestellte Menge reiche nicht für rund 450 Millionen EU-Bürger. Doch die Kommission verweist auf ihre Strategie der Risikostreuung. Mitte November steht die Brüsseler Behörde kurz vor dem Abschluss des sechsten Impfstoffvertrags. Das bringe Vorteile mit sich, erklärt von der Leyen. Die Firmen würden auf verschiedene pharmazeutische Ansätze setzen. Das sorge für eine bessere Vergleichbarkeit und ermögliche eine zielgerichtete Anwendung. Außerdem sei nach wie vor unklar, welches Produkt als erstes zugelassen wird.

    Erste Zulassung im Dezember – im regulären Verfahren

    Im Dezember richten sich dann alle Blicke nach Amsterdam. Drei Tage vor Heiligabend spricht die Europäische Arzneimittelagentur EMA auf einer Pressekonferenz ihre Empfehlung für den Impfstoff von Biontech und Pfizer aus. Die Zulassung durch die Kommission folgt umgehend. Brüssel betont, es handele sich dabei um keine Notzulassung. Die Prüfung des Impfstoffs sei in einem regulären Verfahren erfolgt.

    Rund zehn Monate nach dem Ausbruch der Pandemie in Europa beginnt auf der Zielgeraden des Jahres 2020 der lang ersehnte Impfauftakt – später allerdings als in vielen anderen Ländern, wo die Impfstoffzulassung häufig im Schnellverfahren durchgeführt wurde.

    Impfstart läuft langsam an

    Im internationalen Vergleich beginnt für die EU damit auch eine Aufholjagd, die Erwartungshaltung der Bevölkerung ist hoch. Schon wenige Tage nach dem europäischen Impfstart häuft sich die Kritik. Zu wenige Impfstoffdosen lägen vor, der Auftakt verlaufe zu langsam. In Deutschland sitzen währenddessen tausende Mitarbeiter in leeren Impfzentren, ausgelegt für ein Vielfaches dessen, was tatsächlich an Vakzinen ausgeliefert wird. Daran kann auch die zweite Zulassung in Europa – diesmal handelt es sich um ein Produkt der Firma Moderna – vorerst nichts ändern.

    Deutschland will reagieren, verspielt damit aber viel Vertrauen der europäischen Partner. Mitte Januar kündigt das Gesundheitsministerium an, Deutschland habe sich eigens 30 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs "aus bilateralen Verträgen beziehungsweise Absprachen" gesichert.

    Hersteller können nicht liefern – Kritik am "Impf-Desaster"

    Ein Verstoß gegen die gemeinsame EU-Linie, die zwei Ziele verfolgt: Möglichst günstige Konditionen durch die Marktstellung der 27 EU-Staaten und das Verhindern eines innereuropäischen Wettbewerbs, bei dem sich Mitgliedsstaaten im Rennen um Impfstoffe ausstechen. Deutschlands Alleingang sorgt nicht nur für Unmut, er bleibt zudem wirkungslos. Denn die Order des Gesundheitsministeriums wird erst dann bearbeitet, wenn die gemeinsame europäische Bestellung ausgeliefert ist. Doch auch diese erfährt kurz darauf einen weiteren Rückschlag.

    Zuerst kündigt Biontech an, aufgrund von Problemen in einer belgischen Produktionsstätte nicht wie gewünscht liefern zu können. Und als wenig später der dritte Impfstoff die Zulassung in der EU erhält, gibt der britisch-schwedische Hersteller AstraZeneca zu, die Verträge mit der Kommission nicht einhalten zu können. Kritiker sprechen nun von einem "Impf-Desaster", mitverschuldet von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die auch mit dem Europaparlament aneinandergerät. Dort fordern die Abgeordneten Einsicht in die Impfstoffverträge. Die Kommission hält diese aber wochenlang unter Verschluss und verweist auf "laufende Verhandlungen" – Ihre Gegner wiederum unterstellen gezielte Vertuschung.

    Von der Leyen räumt Fehler ein

    Tatsächlich stellt sich heraus, dass die EU lange mit ihrer Bestellung bei Biontech und Pfizer gewartet hat. Erst im Februar räumt von der Leyen ein: "Wir waren spät dran bei der Zulassung. Wir waren zu optimistisch bei der Massenproduktion. Und vielleicht waren wir uns zu sicher, dass das Bestellte auch tatsächlich pünktlich geliefert wird." Auf die Versäumnisse will die Kommission mit schnelleren Zulassungen und einer erhöhten Produktion reagieren.

    Die Kommission gibt sich am Ende selbstkritisch, Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zufolge könnten aber auch die Preisvorstellungen von Biontech und Pfizer für die lange Zurückhaltung aus Brüssel ursächlich sein. Noch im Juni sollen die Hersteller pro Dosis 54,08 Euro verlangt haben – bei einer Abnahme von 500 Millionen Dosen. Mit dem deutlich späteren Vertragsabschluss im November hat sich die EU nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters die Impfstoffdosen zum Preis von jeweils rund 15,50 Euro gesichert und damit eine deutliche Preissenkung gegenüber der ersten Forderung erreicht.

    Aktueller Stand: Rund 2,6 Milliarden Dosen sind bestellt

    Derzeit gelten rund fünf Prozent der EU-Bevölkerung als geimpft. Inzwischen hat die Kommission Bestellungen über rund 2,6 Milliarden Impfstoffdosen unterschrieben. Mit dieser Menge plant die EU nicht nur für sich selbst, auch "Nachbarn und Partnern" soll damit geholfen werden.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verspricht weiterhin allen Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland ein Impfangebot bis Ende September. Gelingen kann das nur mit ausreichend Lieferungen und Zulassungen. Vor wenigen Tagen hat der Pharmakonzern Johnson & Johnson die Zulassung bei der EMA beantragt. Es wäre die Vierte in der Europäischen Union.

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