BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Corona-Impfstoffe: Hitzige deutsche Debatte und Brüssels Antwort | BR24

© picture alliance/dpa/BELGA | Laurie Dieffembacq

EU-Fahnen vor dem EU-Parlament

42
Per Mail sharen

    Corona-Impfstoffe: Hitzige deutsche Debatte und Brüssels Antwort

    In Deutschland wird heftig darüber gestritten, ob Berlin und Brüssel wirklich alles getan haben, um für genügend Impfstoff zu sorgen. Zuständig ist die EU-Kommission und die Behörde weist den Vorwurf zurück, nicht schnell genug gehandelt zu haben.

    42
    Per Mail sharen
    Von
    • Jakob Mayr

    Gegen Corona hilft die Impfung, bei überhitzten Debatten hilft manchmal Geduld. Nach Ansicht der EU-Kommission wird sich das Problem Impfstoffknappheit jedenfalls bald erledigen. "Im zweiten Quartal werden wir alle Vakzine bekommen, die wir wollen", sagt die für Gesundheit zuständige Generaldirektorin Sandra Gallina. Ab April werde die Liefermenge deutlich steigen, betont Gallina. Sie leitet für die EU die Verhandlungen mit den Pharmakonzernen. Denn die Mitgliedsstaaten haben im vergangenen Frühsommer die Kommission beauftragt, in ihrem Namen Impfstoffe einzukaufen. Aber die Spitzenbeamtin versteht nach eigenen Worten die Diskussion nicht über angeblich zu wenig bestellten Impfstoff: "Wir haben gekauft, was wir konnten", sagt Gallina.

    Impfstoff-Bestellungen aus Brüssel und Berlin

    Was verfügbar ist, geht entsprechend der Bevölkerungszahl an die Mitgliedsstaaten. Das Vakzin des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer wird schon angewendet, zu den bereits bestellten 300 Millionen Dosen hat Brüssel nochmals die gleiche Menge geordert, 200 Millionen Dosen fest, 100 Millionen weitere als Option - macht zusammen 600 Millionen. Dazu kommen 160 Millionen Dosen vom US-Hersteller Moderna, ebenfalls schon genehmigt. Das allein reicht nach der Rechnung aus Brüssel für 80 Prozent der EU-Bürgerinnen und Bürger.

    Die Bundesregierung hat darüber hinaus eigene Vereinbarungen ("Memorandums of Understanding") mit zwei Herstellern getroffen, um sich zusätzliche Dosen zu sichern: 30 Millionen von Biontech und 20 Millionen von Curevac. Dabei wurde nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums klargestellt, dass zuerst die EU beliefert wird und danach Deutschland – ein Umstand, den Kommissionsbeamtin Gallina in einer Anhörung vor dem EU-Parlament bekräftigt hat: "Die Lieferungen an Europa haben Vorrang."

    Streit über Haftung

    Der Haken: Es wird dauern, bis die Unternehmen so viel produzieren und liefern können. Hätte die Kommission durch eine frühere Bestellung bei Biontech/Pfizer schneller mehr bekommen können? Vermutlich ja, aber im Sommer waren Haftungsfragen ungeklärt, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der christdemokratischen EVP-Fraktion im EU-Parlament, Peter Liese: "Wenn man gewusst hätte, dass Biontech/Pfizer den ersten Impfstoff auf den Markt bringt gegen das Coronavirus hätte man sicher mehr bestellt. Aber das konnte man im August nicht wissen und außerdem gab es das Problem, dass von August bis November Pfizer Druck auf Biontech ausgeübt hat, um die Haftungsregeln der EU nicht zu unterschreiben. Es geht aber beim Impfen nicht nur um Schnelligkeit, sondern auch um Sicherheit und Vertrauen. Und dass die Firma haftet, wenn sie einen Fehler macht, ist nun mal wichtig für das Vertrauen."

    Vakzin Nummer drei und vier in Aussicht

    Anfang der Woche hat auch der schwedisch-britische Pharmakonzern Astrazeneca die EU-Zulassung seines Impfstoffes beantragt. Der könnte zum 29. Januar auf den Markt kommen und er ist billiger und einfacher zu nutzen, weil er sich bei normalen Kühlschranktemperaturen lagern lässt. Eine tolle Neuigkeit, sagt der SPD-Europaparlamentarier Tiemo Wölken: "Dieser Impfstoff ist sicher, hat eine gute Wirksamkeit und ist leicht zu transportieren und zu lagern, kann deshalb auch in Hausarztpraxen zur Verfügung gestellt werden. Wenn dieser Impfstoff wirklich Ende des Monats zugelassen wird, bringt uns das einen wahnsinnigen Schritt nach vorne in der Bekämpfung der Pandemie."

    Im Februar will dann das US-Unternehmen Johnson&Johnson, das in den Niederlanden produziert, offenbar einen Zulassungsantrag stellen für seinen Impfstoff. Das wäre das vierte Corona-Vakzin, das auf den Markt kommt – und es hat den anderen eines voraus, erklärt CDU-Gesundheitsexperte Liese: "Johnson&Johnson hat den Vorteil, dass man mit dem Impfstoff nur einmal impfen muss, um ausreichend geschützt zu sein und dann wird es mit der Impfstoffversorgung in der Europäischen Union noch ein bisschen schneller gehen als wir erwarten. Dann werden wir möglicherweise schon in der ersten Jahreshälfte sehr, sehr vielen Menschen ein Impfangebot machen können."

    EU-Absprachen mit acht Herstellern

    Johnson&Johnson, Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca – außerdem hat die EU-Kommission noch Verträge unterschrieben mit dem Tübinger Unternehmen Curevac und mit Sanofi-GSK aus Frankreich, immer in enger Absprache mit den Mitgliedsstaaten. Mit dem französischen Konzern Valneva und der US-Firma Novavax wurden Vorgespräche abgeschlossen – insgesamt acht Hersteller, von denen sich die EU 2,3 Milliarden Dosen Corona-Impfstoff gesichert hat. Mehr als genug – wenn er da ist.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!