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Europe first? Wie es um die internationale Solidarität steht | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Farouk Batiche

In den Industrienationen laufen die Impfungen gegen das Coronavirus. In vielen afrikanischen Ländern ist noch so gut wie kein Impfstoff angekommen. Und das birgt auch Risiken für die wohlhabenden Staaten.

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Europe first? Wie es um die internationale Solidarität steht

In den Industrienationen laufen die Impfungen gegen das Coronavirus. In vielen afrikanischen Ländern ist noch so gut wie kein Impfstoff angekommen. Und das birgt auch Risiken für die wohlhabenden Staaten.

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Von
  • Jean-Marie Magro
  • Carola Brand

Es ist erst zwei Wochen her, da legte WHO-Chef Tedros Ghebreyesus der Weltöffentlichkeit entlarvende Zahlen vor: In den reichen Staaten seien schon 39 Millionen Impfstoffdosen verabreicht worden.

Kein Impfstoff für arme Staaten?

In einem der besonders armen Länder waren es 25. Nicht 25 Millionen, nicht 25.000. Sondern 25. Die Welt stehe am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens, sagte Ghebreyesus.

Inzwischen stehen allein die USA bei weit über 30 Millionen Impfungen. Bei den ärmeren Nationen dagegen hat sich kaum etwas getan. Stephan Exo-Kreischer ist der Direktor der Organisation One, die sich für eine faire Verteilung von Impfstoffen gegen das Coronavirus einsetzt. Er kritisiert, reiche Nationen würden Impfstoff "horten".

Warten auf Impfstoffe: "Das trifft vor allem Afrika"

One-Direktor Stephan Exo-Kreischer prognostiziert, dass zwei Drittel der Menschen weltweit jahrelang auf eine Impfung warten müssen, wenn es in dem Tempo weitergeht. "Das trifft vor allem Menschen in Afrika", so der Experte.

Bisher sehen er und seine Organisation kein reiches Land auf der Welt, das nicht irgendwie impfnationalistisch handele. Und das könnte sich rächen, sagt Exo-Kreischer.

"Ein Impfstoffnationalismus, der wird Menschenleben kosten weltweit, zahlreiche, mehr als notwendig. Und der wird auch dazu führen, dass die Pandemie an sich wesentlich länger dauern wird. Das wird auch uns auf die Füße fallen." Stephan Exo-Kreischer, NGO One

Denn wie schon in Südafrika oder Brasilien geschehen: Dort, wo sich das Coronavirus unkontrolliert ausbreiten kann, mutiert es. Und wer garantiert, dass die gerade entwickelten Impfstoffe auch gegen weitere Corona-Mutanten schützen?

Wie solidarisch ist die EU im Vergleich?

Der Europaabgeordnete Peter Liese von der CDU denkt jedoch nicht, dass eine einigermaßen gleiche Verteilung von Anfang an durchsetzbar wäre. Im Vergleich zur Europäischen Union verhielten sich Länder wie die USA, Großbritannien und Israel wesentlich unsolidarischer als die Europäische Union, sagt Liese, der als Arzt selbst in einem Entwicklungsland gearbeitet hat.

"Ich habe auch schon von Freunden aus Guatemala die Frage gehört: Wann kriegen wir den Impfstoff? Aber ich kann als Europaabgeordneter nicht sagen, ich sorge dafür, dass ihr eine Million Dosen von den Europäern kriegt. Das würden meine Wähler nicht akzeptieren." Peter Liese, CDU

Afrikanischer Wissenschaftler: Afrika muss selbst mehr tun

Wie sehen das die Betroffenen in Entwicklungsländern selbst? Ein Blick nach Sierra Leone. Dort forscht der Gesundheitswissenschaftler Jia Kangbai am Coronavirus. Er sagt: "Afrika ist nicht vorbereitet auf eine breit angelegte Impfung gegen Covid-19."

80 Prozent der Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent wollen schätzungsweise geimpft werden, so Kangbai. Man könne aber jetzt nicht einfach die reicheren Staaten beschuldigen, findet der Wissenschaftler und fordert: "Was Afrika tun muss, ist eine afrikanische Covid-Impfstoff-Allianz zu formen, die Ressourcen sammeln kann."

Erfahrung mit Seuchen, aber nicht überall Strom

Sierra Leone hätte sogar Standortvorteile: Wegen des Ebola-Ausbruchs in Westafrika 2014 sind spezielle Kühlschränke dorthin geliefert worden. Diese könnten auch für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna hergenommen werden, die stark gekühlt werden müssen. Aber:

"Sie müssen diese Kühlschränke auch in die entlegenen Orte bringen. Und das bringt logistische Herausforderungen mit sich. Viele ländliche Räume in Afrika haben keinen Strom." Jia Kangbai, Gesundheitswissenschaftler

Bis die Bevölkerung im ländlichen Raum in den westafrikanischen Ländern geimpft ist, werden wohl selbst im günstigsten Fall mindestens zwei Jahre vergehen, schätzt Kangbai, wahrscheinlich eher mehr. So lange sind die wohlhabenderen Staaten, und sollten sie noch so schnell impfen, darauf angewiesen, dass die ärmeren Länder das Virus einigermaßen unter Kontrolle halten.

Für Westafrika ist der Sierra Leoner Jia Kangbai da gar nicht so pessimistisch. Denn im Gegensatz zu den Europäern habe man hier schon mit einigen Seuchen Erfahrungen gemacht.

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