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Spritze mit Impfstoff

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Impfstoff-Zulassung: EU wird noch im Dezember entscheiden

Eine Corona-Impfung rückt immer näher: Biontech und Pfizer haben für ihr Präparat die Zulassung in der EU beantragt, noch heuer soll darüber entschieden werden. Bayerns Gesundheitsministerin Huml plant derweil auch mobile Impfteams für Seniorenheime.

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Von
  • Florian Haas

Bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff geht es Schlag auf Schlag: Das Mainzer Pharmaunternehmen Biontech und sein US-Partner Pfizer haben eine bedingte Zulassung für ihren Kandidaten in der EU beantragt. Der Antrag sei gestern bei der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) eingereicht worden, hieß es von den kooperierenden Firmen. In den USA hatten sie bereits vor rund eineinhalb Wochen eine Notfallzulassung beantragt.

Beginnen die Impfungen noch in diesem Jahr?

Gestern erst hatte der alleine agierende US-Konzern Moderna ebenfalls einen Antrag in der EU angekündigt. Der Einreichungsprozess für beide Impfstoffprojekte lief bereits. Für EU- und Bundesbürger sind das wichtige Nachrichten. Denn die EU-Kommission hat mit allen Unternehmen bereits Vorverträge über insgesamt bis zu 460 Millionen Dosen abgeschlossen, dürfte also nach einer Zulassung schnell beliefert werden. Biontech wie Pfizer äußerten sich in diese Richtung zuversichtlich: Wenn es grünes Licht gebe, könne der Impfstoff BNT162b2 noch vor dem Jahresende erstmals verabreicht werden.

Doch ist es möglich, große Mengen an Impfstoff bereits in den nächsten Wochen zu produzieren und vor allem: zu verteilen? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Biontech und Pfizer sind zuversichtlich, sowohl was Herstellung als auch Verteilung betrifft. Die beiden Unternehmen rechnen damit, in diesem Jahr noch 50 Millionen Dosen herstellen zu können - bis Ende 2021 sind dann bis zu 1,3 Milliarden Dosen geplant. Finanzvorstand Sierk Poetting sagte überdies, nach einer Zulassung durch die Behörden könne man das Präparat "innerhalb von wenigen Stunden" ausliefern; man habe auf Halde produziert, sei gut auf die Verteilung vorbereitet.

Der Impfstoff wird laut Poetting in Boxen geliefert und kann in diesen mit Trockeneis bis zu 30 Tage im jeweiligen Impfzentrum gekühlt werden - oder auch bis zu fünf Tage in einem normalen Kühlschrank. Letzteres dürfte sehr wichtig werden, wenn - wie bei anderen vorhandenen Impfstoffen - Hausärzte und Fachärzte bei den Impfungen mit eingebunden werden sollen.

Huml lobt Fortschritt bei Impfzentren

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) ist optimistisch, was den Aufbau von Impfzentren in Bayern angeht. Man stehe in engem Austausch mit Landkreisen und kreisfreien Städten. Ziel sei, so Huml im BR, dass es mit Ausnahmen "möglich in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt mindestens ein Impfzentrum" gebe. Geplant sind laut Huml auch mobile Impfteams, etwa für Seniorenheime.

"Ich sehe uns da auf einem wirklich guten Weg." Bayerns Gesundheitsministerium im Gespräch mit der radioWelt auf Bayern 2

Ausreichend Personal solle ebenfalls über die Kreisverwaltungsbehörden organisiert werden. Mehr als 2.500 Ärzte hätten sich schon bereit erklärt, sich an den Impfungen zu beteiligen. Huml spricht von einer "guten Startzahl". Dennoch müssten es noch mehr werden, schließlich müssten einige Ärzte ihre Praxen weiter betreiben. Dass in den Praxen nicht von Anfang geimpft wird, hält Huml für sinnvoll. Weil es zunächst nicht genügend Impfstoff für alle gebe, sei Priorisierung notwendig. Deshalb sei es zunächst sinnvoller, die Impfungen über Impfzentren zu organisieren.  

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Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml ist optimistisch, was den Aufbau von Impfzentren in Bayern angeht. Ziel seit es, dass möglichst in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt mindestens ein Impfzentrum da sei.

Sind die Impfzentren wirklich bereit?

Experten haben allerdings Zweifel, ob die logistischen Hürden so schnell zu überwinden sind. BR-Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski etwa sagt: In den geplanten Impfzentren herrsche noch Unklarheit, etwa bei organisatorischen Fragen. Deshalb vermutet Turczynski, dass mit den Impfungen in Deutschland erst im neuen Jahr begonnen wird.

"Dieses Jahr kann ich mir noch nicht vorstellen, dass wir wirklich impfen werden." BR-Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski im Gespräch mit Bayern 3

Ob in diesem oder im nächsten Monat - viel deutet darauf hin, dass der erste Corona-Impfstoff bald zugelassen wird. Denn die bisherigen Daten der Unternehmen sind vielversprechend. Das Produkt von Biontech und Pfizer verhindert nach bisherigen Ergebnissen den Ausbruch einer Corona-Erkrankung in 95 Prozent der Fälle; auch nennenswerte Nebenwirkungen sind den Unternehmen zufolge bisher nicht aufgetreten.

Biontech-Finanzvorstand Poetting hat diese Resultate nun bekräftigt. Die ausgewerteten Daten zeigten, dass der Impfstoff gut verträglich und gleichzeitig hochwirksam sei. Man sei überzeugt, "dass dieser Impfstoffkandidat wirklich einen Schutz bieten kann vor Covid-19". Moderna hatte bei seinem Vakzin ähnliche Daten geliefert, auch hier sorgten die Resultate zu Wirksamkeit und Sicherheit im vergangenen Monat weltweit für Euphorie. Hinzukommt: Die Zahl der Probanden ist außergewöhnlich hoch. Biontech und Pfizer testeten ihren Impfstoff an rund 44.000 Personen, Moderna an mehr als 30.000 Menschen.

Entwicklung in Rekordzeit, sehr viele Probanden

Dass die Firmen in der Rekordzeit von weniger als einem Jahr derart gute Resultate erzielen und damit die normalen Entwicklungszeiten von Impfstoffen drastisch unterbieten konnten, ist nach Ansicht von BR-Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski deshalb kein Grund zu Argwohn.

Die Impfstoffe würden anders als sonst bei "unglaublich vielen Menschen getestet", man sehe anhand einer sehr breiten Datenbasis die Wirksamkeit. Kein Unternehmen könne es sich zudem leisten, hier ein Risiko einzugehen.

"Die haben auch nichts davon, wenn wir plötzlich in einigen Jahren ganz, ganz viele Nebenwirkungen sehen. Ausgeschlossen ist das nicht. Aber ich glaube schon, dass alles angewandt wurde, was man anwenden kann." Jeanne Turczinsky, BR-Wissenschaftsredakteurin

Auch dass beide derzeit führenden Impfstoffprodukte auf der neuartigen Technologie der Boten-Nukleinsäuren basieren, ist nach Ansicht Turczynskis nicht problematisch. Der Impfstoff sei zwar neu, "aber nicht neu in der Forschung".

Experten: Impfung allein wird Pandemie nicht stoppen

Spannend, bedeutsam und noch nicht geklärt ist die Frage, ob Geimpfte das Coronavirus weitertragen können. Wenn ja, wäre das vor allem für Risikogruppen und das Gesundheitssystem im Allgemeinen hoch problematisch.

Laut Experten ist es denkbar, dass Geimpfte sich mit dem Virus infizieren und es unbemerkt weitertragen; die Studienerkenntnisse zeigen, dass die ersten Impfstoffe "nur" verhindern, dass geimpfte Menschen an Covid-19 erkranken - und dass sie, so die Hoffnung, weniger Viren ausscheiden. Fachleute sind sich aber sicher: Die Impfung alleine wird die Pandemie nicht stoppen.

EMA will über Biontech-Impfstoff noch 2020 entscheiden

Aber: Eine Impfung könnte die Virusausbreitung bremsen und so wieder eine zunehmende Rückkehr in den Alltag ermöglichen. Deshalb richtet sich nun auch in den nächsten Wochen der Blick öfter nach Amsterdam. Dort hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ihren Sitz, dort soll noch in diesem Jahr eine Entscheidung fallen.

So kündigte die EMA an, den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer zu prüfen - und bis spätestens 29. Dezember ein Ergebnis der Prüfung mitzuteilen. Was den Zulassungsantrag des US-Konzerns Moderna anbelangt, so werde eine Entscheidung womöglich am 12. Januar getroffen; erste Prüfungen laufen schon, so die EMA. Gibt die Behörde ihr Okay, wäre in einem nächsten Schritt die EU-Kommission an der Reihe: Sie muss die Verwendung der Impfstoffe für alle Mitgliedsländer genehmigen. In der Regel folgt die Kommission dabei der Empfehlung der EMA.

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Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, dämpft die Hoffnungen nach Einführung eines neuen Impfstoffes: Erst einmal müssten die Schutzmaßnahmen weiter beibehalten werden.

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