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Mit einem zentralen ökumenischen Gottesdienst haben die christlichen Kirchen am Sonntag in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche an die Verstorbenen und Hinterbliebenen der Corona-Pandemie gedacht.

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Staatsakt für Deutschlands Corona-Tote: "Sie alle fehlen"

Fast 80.000 Opfer hat Corona bisher gefordert. In Gottesdiensten und mit Kerzen wurde heute vielerorts an sie gedacht. Bundespräsident Steinmeier warnte, die Pandemie, die zum Abstand zwinge, dürfe nicht auch noch die Gesellschaft auseinandertreiben.

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Von
  • Michael Kubitza
  • Gerhard Brack

Brigitte Lückert aus Bremen, Norbert Herr aus Fulda, Robert Bergsch aus Kiel, Gertrud Schott aus Kempten, Yossi Esman aus Berlin - fünf Namen von 120. 120 Porträtfotos, 120 Schicksale, 120 Tote. Die Schwarz-Weiß-Bilder leuchten am Sonntag im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu den eindringlichen Klängen des Adagio for Strings von Samuel Barber auf und geben dem Sterben in der Corona-Pandemie ein Gesicht.

79.914 Menschen sind in Deutschland bereits an oder mit Covid-19 gestorben, rund die Hälfte davon in Pflegeheimen - viele davon allein. Aber auch Menschen, die selbst nicht infiziert waren, sind aufgrund der Kontakteinschränkungen völlig einsam gestorben.

Sie alle sollen heute mit einem nationalen Gedenkakt geehrt werden, zu dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geladen hat.

Steinmeier beschreibt Verzweiflung der Angehörigen

Und Steinmeier spricht von der Verzweiflung der Angehörigen, die "gebangt, gezittert und geweint" haben. "Viele haben vor verschlossenen Krankenhaustüren gestanden und gefleht, noch einmal zu ihrer Frau oder ihrem Mann gelassen zu werden, zu ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrer Tochter, ihrem Sohn."

So wie Michaela Mengel aus Essen, eine von vielen Hinterbliebenen. Sie hat ihre 23 Jahre alte Tochter verloren. Steinmeier hat sie bei einem Online-Gespräch mit Hinterbliebenen Anfang März kennengelernt. An diesem Sonntag bringen sie und vier weitere Hinterbliebene im abgedunkelten Konzerthaus jeweils eine Kerze zu einer Gedenkstelle in der Mitte des Saales. Anita Schedel aus Passau, die um ihren Mann trauert, macht dies zusammen mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Esrin Korff-Avunc aus Ritterhude, deren Vater an einer Covid-19-Infektion gestorben ist, stellt mit Kanzlerin Angela Merkel je eine Kerze auf. Am Ende stehen zehn Kerzen in einem Kreis um bunte Blumengestecke.

Steinmeier: "Eine Gesellschaft, die dieses Leid verdrängt, wird Schaden nehmen"

Täglich würden die Menschen auf Infektionsraten und Todeszahlen blicken und sie vergleichen und bewerten, so Steinmeier in seiner Rede. Sein Eindruck aber sei, dass die Gesellschaft sich nicht genug bewusst mache, dass hinter all den Zahlen Schicksale, Menschen stünden. "Sie alle fehlen – in ihren Familien und Freundeskreisen, in der Nachbarschaft, im Kreis der Kollegen, in unserer Gesellschaft", so Steinmeier.

Der Bundespräsident erinnert auch an jene Menschen, die zwar nicht am Virus erkrankt sind, aber dennoch in den vergangenen Monaten durch die Pandemie Schaden genommen haben. "An jene, die seelisch krank geworden sind vor Einsamkeit und Enge. An Menschen, die Gewalt erlitten haben. Wir denken an jene, die in wirtschaftliche Not geraten sind und um ihre Existenz bangen."

In seiner Rede dankt der Bundespräsident auch den Ärzten und Pflegern, die Tag und Nacht um jedes Leben kämpften: "Wir verneigen uns mit Respekt vor ihrem selbstlosen Engagement."

Angehörige: "Halten sie durch. Es kommt auf jeden Einzelnen an."

Auch Angehörige sprechen beim Staatsakt. Der Kreis wird klein gehalten - fünf Hinterbliebene mit Begleitpersonen. Eindrücklich sprechen die Angehörigen von den verstorbenen Liebsten und dem fehlenden Abschied. Anita Schedel aus Passau etwa erinnert an ihren Mann, der als Arzt vor einem Jahr an Covid-19 starb. Zehntausende seien alleingelassen mit der Trauer, weil selbst tröstende Rituale wegen der Pandemie unmöglich seien. Immer noch würden Menschen sterben. Mittlerweile sei bekannt, wie richtig und wichtig die Einhaltung der Hygieneregeln sei. Angesichts zunehmender Corona-Müdigkeit appellierte Schedel: "Halten Sie durch. Es kommt auf jeden Einzelnen an." Niemand könne ihr ihren Mann zurückbringen. Aber jeder Einzelne, dem ihr Schicksal und das der Angehörigen und Freunde der 80.000 Corona-Toten in Deutschland erspart bleibe, sei es wert. "Bleiben Sie stark und zuversichtlich, ich versuche es auch zu sein."

Pflegevertreter fordern mehr als Respekt

Vielen Pflegevertretern allerdings sind Verneigungen und Balkonapplaus nach über einem Jahr Arbeit am Limit nicht mehr genug. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie erinnerte daran, dass zur "erweiterten Trauerarbeit" der Gesellschaft auch gehören müsse, das Gesundheits- und Sozialsystem für die Zukunft pandemiefest zu machen.

"Wir brauchen eine Daseinsvorsorge, die alle mitnimmt in unserer immer älter und vielfältiger werdenden Gesellschaft. Ein Mehr an sozialer Gegenseitigkeit und ein Weniger nur an materiellem Wachstum um jeden Preis wäre ein gewaltiger gesellschaftlicher Fortschritt für unser Land." Diakonie-Präsident Ulrich Lilie

Das Gedenken in Bayern

Auch im Freistaat schlossen sich viele Landkreise dem zentralen Gedenken an, so in Ostbayern und Unterfranken. In der Nürnberger Innenstadt wurde ein interreligiöser Corona-Gedenkort eröffnet. An der feierlichen Zeremonie auf dem Klarissenplatz vor dem Neuen Museum erklärte Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König, Nürnberg habe bereits 873 Tote durch die Pandemie zu beklagen. Sie seien Mütter, Väter, Omas, Opas oder Tanten und Onkel.

Auch in anderen Orten Bayerns erinnern die Bürger an diesem Wochenende mit Glockenläuten, brennenden Kerzen, mit Gottesdiensten und Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Coronavirus'.

Lichter der Trauer - und des Protests

Nicht alle Kerzen leuchten allerdings nur zur Erinnerung an die Toten. Einige sollen auch ein Zeichen der Unzufriedenheit mit der Politik setzen und wurden deshalb nicht angezündet. Seit Samstag werden sie vor etlichen Staatskanzleien und Verwaltungsgebäuden abgestellt.

Die Aktion geht auf eine Twitter-Botschaft mit dem Hashtag #Einkerzen zurück - einer Reaktion auf den Trauer-Appell der Berliner Stadtregierung. Gegenüber t-online sagt Initiator Marcus Ewald: "Zugespitzt bedeutet das: Hier schreiben die Schuldigen den Opfern vor, wie zu trauern ist."

Krankheit und Tod als kollektive Erfahrung

Steinmeiers Rede vorausgegangen war ein ökumenischer Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, den die drei großen christlichen Kirchen zusammen mit jüdischen und muslimischen Religionsvertretern feierten. Trauerreden hielten unter anderem der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Beide thematisierten die psychischen Folgen der Pandemie, das "Trauma unserer Seele" (Bedford-Strohm), das noch lange nicht bewältigt sei.

"Krankheit, Sterben und Tod lassen sich in diesem langen Jahr nicht wegdrücken, sie schneiden tief ein in das Leben vieler Menschen. Ihr Bild hat sich auch verändert. Tod und Sterben sind uns näher gerückt als zuvor." Bischof Georg Bätzing
"Wir werden viel Zeit brauchen, erst recht unsere Kinder, unsere Heranwachsenden, für die diese Krise die Ausdehnung einer gefühlten Ewigkeit hat." Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm
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Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Weg zum Gottesdienst.

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