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In ganz Europa schnellen die Infektionszahlen nach oben. Schon jetzt leiden viele Volkswirtschaften massiv an den Folgen der Corona-Pandemie. So auch in Südosteuropa.

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Corona-Folgen in Südosteuropa: Rückstand als Standortvorteil?

In ganz Europa schnellen die Infektionszahlen nach oben. Schon jetzt leiden viele Volkswirtschaften massiv an den Folgen der Corona-Pandemie. So auch in Südosteuropa.

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Von
  • Andrea Beer

Jovance tippt den Preis für ein paar Getränke in die Kasse seines kleinen Ladens in Zilce, einem Dorf in Nordmazedonien rund 20 Kilometer westlich von Skopje.

"Ich habe 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz. Die Menschen haben kein Geld mehr. Viele hier in der Gegend nähen oder schneidern. Sie sind abhängig von den Textilfabriken hier, die wegen geschlossener Grenzen kaum Aufträge haben", klagt der Kaufmann.

Wirtschaftlicher Rückstand als Vorteil in der Krise

Die Corona-Krise schaffe in allen Ländern Südosteuropas immense Probleme, meint Mario Holzner, Geschäftsführer des Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche in Wien. Er erklärt, dass es für einige Länder in diesem Teil des Kontinents sogar ein Vorteil sein könne, dass sie wirtschaftlich in gewissem Maße zurückhängen. Denn diese Staaten hätten einen ausgeprägten Agrarsektor und seien nicht so stark abhängig vom Tourismus und dem internationalen Handel. Sie hätten "in dieser Pandemie einen gewissen Vorteil, dass es quasi von einem niedrigen Niveau nicht so wahnsinnig viel Rückgang geben kann", erklärt Holzner.

Das gelte beispielsweise für den Kosovo, Bosnien und Herzegowina sowie teilweise auch für Albanien. Dieses lebe allerdings auch vom Tourismus. Und in diesem Sektor gebe es große Schwierigkeiten, genau wie in Montenegro und Kroatien. Denn dort wurde vor der Pandemie ein Viertel der volkswirtschaftlichen Leistung direkt oder indirekt vom Tourismus getragen.

Ein weiterer wichtiger Faktor sei der Handel, erklärt Holzner: "Da ist Albanien viel weniger als Montenegro und Montenegro wiederum viel weniger als Kroatien abhängig. Das heißt, das sind Gradierungen, die dann zu unterschiedlichen Verläufen der Rezession 2020, aber auch eines etwaigen Aufschwungs 2021/2022 führen werden."

Angst vor dem Kollaps des Gesundheitssystems

Zudem habe die Krise vielen erneut die fehlende Entwicklung ihrer Länder vor Augen geführt, etwa in der maroden und oft korrupten Gesundheitsversorgung. Die jüngsten Antiregierungsproteste in Serbien und Bulgarien führt Holzner unter anderem darauf zurück: "Die Länder in Südosteuropa waren die, die zu Beginn der Pandemie die massivsten und stärksten Maßnahmen eingeleitet haben, zumindest in Europa, aus der Angst heraus, aufgrund des extrem schwachen Gesundheitswesens keine andere Möglichkeit zu haben".

Ausgangsbeschränkungen und andere Maßnahmen seien dann aber schnell gelockert worden, etwa für Wahlen, so wie in Serbien: ein Land, das wie alle sechs EU-willigen Westbalkanländer mit der Abwanderung vieler seiner Bewohner fertig werden muss. Das ist ein Prozess, den die Corona-Krise beschleunigt.

Auch aus Nordmazedonien wollen viele weg, wie beispielsweise ein Polizist aus Radusa. Er habe drei Kinder und verdiene umgerechnet 400 Euro im Monat.

Abwanderung schwächt die Gesellschaften zusätzlich

Mittel- und langfristig sei die Abwanderung aus den Balkanländern der meist jungen Menschen das größte Problem, so bewertet Wirtschaftsexperte Holzner die Situation. Denn ohne sie würden die Gesellschaften schneller altern, was das Aufholen noch schwieriger mache.

Als Stützen der Gesellschaft blieben die Millionen Jungen jedoch auch als Auswanderer enorm wichtig: Denn sie überweisen Milliarden an Euro und Dollar in die alte Heimat und ersetzen damit fehlende oder viel zu niedrige Arbeitslosen- oder Sozialhilfe.

Die Regierung in Skopje hat zwar einiges an Corona-Hilfen für die Wirtschaft beschlossen, doch Ladenbesitzer Jovance ist dennoch nicht zufrieden: "Es gibt Armut. Viele Betriebe wurden wegen Corona geschlossen, so dass viele zu Hause geblieben sind, ohne Lohn zu bekommen".

Die Corona-Krise hat auch in den Ländern Südosteuropas die Schwäche der Systeme sichtbarer gemacht. Weitere Proteste hält Mario Holzner deswegen nicht für ausgeschlossen und prophezeit: "Das wird zunehmend wahrscheinlich auch ein Problem für die politischen Eliten werden".

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