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Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation

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    "Es brennt": Dramatische Lage auf Intensivstationen droht

    Seit Tagen warnen Intensivmediziner davor, dass die deutschen Intensivstationen bald an ihre Grenzen stoßen. Auch heute forderten sie einen strikten Lockdown - und schilderten eine dramatische Situation. Die Lage in Bayern ist ebenfalls angespannt.

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    Von
    • Claudia Grimmer
    • BR24 Redaktion

    "Es brennt. Die Lage ist wirklich sehr dramatisch", sagt der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx. "Unser Appell an die politisch Verantwortlichen ist, akut zu handeln. Jeder Tag zählt." Ohne einen schnellen und harten Lockdown für zwei bis drei Wochen werde es bald Hunderte neuer Intensivpatienten geben. Die Divi schätzt, dass bei anhaltendem Infektionsgeschehen schon in zehn Tagen kein freies Intensivbett mehr zur Verfügung stehen könnte.

    "Wir müssen die Infektionszahlen nach unten drücken." Prof. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin

    4.500 Covid-Patienten auf Intensivstation

    Die Zahl der auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten ist binnen einer Woche von 3.600 auf zuletzt 4.515 gestiegen (Stand: 09.04.2021). Über die Hälfte der Intensivpatienten wird beatmet. Im Moment sind in den 1.260 deutschen Kliniken mit Intensivstation noch 2.087 sogenannte "High-Care-Betten" frei.

    Bis Ende April sei mit mehr als 5.000 Corona-Patienten auf den Intensivstationen zu rechnen, so Marx. Alarmierend sind auch seine Schilderungen zur Corona-Mutation B.117. Immer mehr Patienten mit dieser Virusvariante werden in die Kliniken eingewiesen. Sie zeigen schwerere Verläufe, oft auch Multiorganversagen. Und es treffe immer häufiger Jüngere in der Altersgruppe ab 40 Jahren. 30 Prozent der intensivmedizinisch behandelten Patienten in deutschen Kliniken sind derzeit in einem Alter zwischen 35 und 59 Jahren.

    Kliniken können nur noch mit Mühe Patienten aufnehmen

    Nur jede dritte Klinik in Deutschland kann derzeit überhaupt noch Patienten auf der Intensivmedizinischen Abteilung aufnehmen. Das betrifft nicht nur Covid-19-Patienten, sondern alle, die eine stationäre, notfallmedizinische Versorgung bräuchten, so der Divi-Chef. Die "High-Care Kapazitäten" in den Kliniken kämen an ihre Belastungsgrenze, bestätigt auch der Intensivmediziner und wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis.

    Auch Bayerns Kliniken haben nur noch wenige Betten

    199 bayerische Krankenhäuser sind aktuell im Divi-Intensivregister aufgenommen und melden dorthin täglich, wie es um die Auslastung der 3.353 Intensivbetten im Freistaat steht. Im Moment sind davon 2.973 belegt. Aktuell werden 761 Corona-Patienten behandelt (Stand: 09.04.2021). Damit liegen jetzt mehr Covid-Patienten auf Intensivstationen als am Scheitelpunkt der ersten Corona-Welle (20.04.2020: 716).

    Aktuell werden 431 Patienten invasiv beatmet, das entspricht einem Anteil von 56 Prozent. 380 Betten sind derzeit im Freistaat noch frei, neben einer weiteren Reserve von über 1.000 Betten, die innerhalb von sieben Tagen aufgebaut werden könnte - vorausgesetzt es steht auch Pflegepersonal zur Verfügung.

    "Die Situation ist bei uns angespannt, aber sie ist noch zu bewältigen. Wir merken aber ganz klar: Die Zahlen steigen. Jeder dritte Patient bei uns auf der Intensivstation ist ein Covid-19-Erkrankter." Oliver Schwindl, Pressesprecher Klinikum Neumarkt

    Grafik: So viele Corona-Patienten liegen in Bayern auf den Intensivstationen

    In Nürnberg werden OPs zurückgestellt

    "Die Kapazitäten zur Behandlung anderer Notfälle werden zunehmend eng", schreibt auch das Klinikum Nürnberg, eines der größten kommunalen Krankenhäuser in Europa. Die Patienten lägen bis zu acht Wochen dort, sodass die Zahl der freien Intensivbetten sinke, heißt es in einem Schreiben weiter.

    In Nürnberg ist die Vorgehensweise wie in vielen Kliniken. Die Intensivstation ist in einen "Covid-" und in einen "normalen" Bereichen eingeteilt. Nimmt die Zahl der SARS-Cov-2-Patienten zu, wird automatisch der "normale" Bereich verkleinert. Das bedeutet auch, dass damit weniger Betten auf der Normalintensivstation bereitstehen und nicht dringende Operationen verschoben werden müssen.

    Auch das Personal wird umverteilt. Nach Auskunft des Klinikums Nürnberg werden für eine Rundumversorgung von zwei Covid-19-Patienten auf der Intensivstation im Schnitt 5,5 Pflegekräfte eingesetzt. Auch sie müssen von anderen Stationen, wie zum Beispiel dem OP-Bereich, abgezogen werden.

    Im Allgäu nur noch wenige bis keine freien Betten

    Im schwäbischen Kempten und in Memmingen ist die Auslastungsgrenze bereits erreicht. Dort sind alle Intensivbetten voll, Patienten müssen ins Uniklinikum Augsburg verlegt werden. "Wir sehen einen Anstieg der Intensivpatienten in Augsburg. Der ist allerdings im Moment noch nicht so ausgeprägt wie bei der zweiten Welle", sagt Michael Beyer, der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums in Augsburg. 14 Betten sind dort im Moment noch belegbar.

    Auch am Universitätsklinikum in Augsburg ist nicht allein die aufwendige Versorgung von Corona-Patientinnen und -Patienten eine Herausforderung: Von den 80 Betten sind dort die Hälfte für Pandemie-Fälle geblockt, was die Versorgungskapazität des Hauses faktisch halbiert.

    Laut Beyer werden diese Betten eigentlich dringend benötigt: "Es sind die behandlungsbedürftigen Not- und Eilfälle, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen", so der ärztliche Direktor. Momentan müssten viele Operationen und Behandlungen verschoben werden und sogar Notfälle teilweise bis zu fünf Tage warten, bis ein Bett frei wird. Diese Seite der Pandemie mache dem Klinikum erheblich zu schaffen.

    Engpässe bei Intensivbetten auch in Unterfranken

    In Unterfranken sind derzeit in der Stadt Aschaffenburg, im Landkreis Miltenberg und im Landkreis Kitzingen alle Intensivbetten belegt. In der Stadt Aschaffenburg gibt es insgesamt 42 Intensivbetten. Zehn davon sind mit Covid-19 Patienten belegt. Die Anzahl der schwer kranken Corona-Infizierten steigt laut einer Sprecherin des Klinikums Aschaffenburg tendenziell an. Da die Kapazitäten voll ausgeschöpft sind, müssen auch hier intensivpflichtige Patienten an andere Kliniken weitergeleitet werden.

    Zur Not seien aber noch ein paar Übergangskapazitäten vorhanden, so die Sprecherin. Die Kapazitäten im Klinikum seien aber nicht nur wegen Corona ausgeschöpft. Aktuell seien auch viele andere intensivpflichtige Patienten in der Klinik.

    In Oberbayern sind laut Divi die Intensivstationen der Kliniken in Erding, Fürstenfeldbruck und Dachau ebenfalls voll belegt, in Niederbayern die des Landkreises Landshut.

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