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Corona-Demos: Warum Neonazis zusammen mit Linken protestieren | BR24

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Zuletzt demonstrierten Tausende Menschen in Berlin gegen die Corona-Auflagen, darunter Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger.

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    Corona-Demos: Warum Neonazis zusammen mit Linken protestieren

    Impf- und Kapitalismus-Gegner haben mit Reichsbürgern und Neonazis gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestiert. Der aktuelle Verfassungsschutzbericht für Bayern warnt vor solchen Extremisten. Warum kommen jetzt derart heterogene Gruppen zusammen?

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    Professor Michael Butter ist Lehrstuhlinhaber für Amerikanistik an der Universität Tübingen. Er hat zu Verschwörungstheorien geforscht und publiziert und ist überhaupt nicht überrascht, dass in unsicheren Corona-Zeiten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben. Im Interview mit Susanne Betz aus der BR-Redaktion Politik und Hintergrund erklärt er, warum.

    Susanne Betz, BR-Redaktion Politik und Hintergrund: Herr Professor Butter, warum wurden bei der Demonstration in Berlin nebeneinander Reichsflagge und Regenbogenfahne geschwenkt?

    Professor Michael Butter: Der kleinste gemeinsame Nenner ist ein Zweifeln an der offiziellen Version. Und nicht ein Zweifeln, das besagt: Vielleicht irren die sich. Sondern ein verschwörungstheoretisches Zweifeln, das besagt: Wir werden hier bewusst getäuscht. Und das sorgt dafür, dass gerade linke und rechte Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Impfgegner und Q-Anon-Jünger nebeneinander marschieren.

    Wie schätzen Sie die Gefahr einer Radikalisierung der Szene ein?

    Wir hatten solche Beispiele in den letzten Jahren, ich sage nur Halle und Christchurch. Es gibt immer wieder Männer, die glauben, zur Waffe greifen und in den Konflikt eingreifen zu müssen. Das ist nicht ganz auszuschließen. Aber viel größer ist die Gefahr, dass hier Hygiene- und Abstandsregeln systematisch missachtet werden als Form des zivilen Widerstandes, und man dazu beiträgt die Pandemie weiter auszubreiten.

    Ticken denn die Verschwörungstheoretiker national unterschiedlich?

    Diese Verschwörungstheorien sind internationale Phänomene. Was Corona betrifft, hat sich in Deutschland allerdings besonders die Version herausgebildet, dass es das Virus gar nicht gibt oder dass es völlig ungefährlich ist. Wenn Sie nach Frankreich schauen, wo viel mehr Menschen gestorben sind, das Gesundheitssystem viel mehr an seine Grenzen gekommen ist, da gibt es genauso viele Verschwörungstheoretiker. Nur die glauben, dass es eine bewusst frei gesetzte Biowaffe ist. Und wer das glaubt, geht natürlich nicht auf die Straße und protestiert, wie wir es gerade in Deutschland erleben."

    Aber immer wieder ist der Feind das "System", der Staat?

    Das ist ganz typisch für Verschwörungstheorien in der westlichen Welt in den letzten 50, 60 Jahren. Davor war das anders. Seit die Medien und die Wissenschaft Verschwörungstheorien stigmatisiert haben, sind Verschwörungstheorien ein Mittel von denjenigen, die die offizielle Version anzweifeln und sich gegen den Mainstream und die Eliten wenden. Außerhalb der westlichen Welt ist das ein bisschen anders, da sind Verschwörungstheorien immer noch sehr stark im öffentlichen Diskurs verankert. Und da sind Zweifel an Corona dann die offizielle Version.

    Eine Bewegung gegen das System war ja auch Pegida, die entstand in Ostdeutschland. Jetzt ist der Südwesten, Baden-Württemberg eine Hochburg der Verschwörungstheorien und des Widerstands gegen Corona-Schutzmaßnahmen. Warum?

    Das liegt daran, dass Impf-Verschwörungstheorien besonders in einem eher linken und akademisch, tendenziell gebildeten Milieu verbreitet sind. Und von denen haben wir im Südwesten sehr viele. Auch Leute, die sich alternativer Medizin und Esoterik nahe fühlen. Generell muss man sagen, die Hygiene-Demos des Frühjahrs waren sehr divers. Im Osten waren von Anfang an viele Rechtsextreme dabei, in Stuttgart waren die eine kleine Minderheit und in anderen Orten auch. Und was wir jetzt erleben, ist, dass von den Protesten des Frühjahrs eigentlich nur die Verschwörungstheoretiker aller Couleur übriggeblieben sind. Also die besorgten Bürger, die mit durchaus legitimen Anliegen im Mai protestiert haben, die nicht verstehen konnten, warum sie ihre Angehörigen im Altersheim nicht besuchen durften, die haben wir, glaube ich, auf der Berliner Demo überhaupt nicht mehr gesehen. Übrig geblieben sind die Verschwörungstheoretiker.

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