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Bildrechte: dpa/pa/CTK/Vit Simanek

Resignation und Unmut über Corona-Politik in Tschechien

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Corona-Dauerschleife: In Tschechien wächst der Unmut

Tschechien steckt in der dritten Corona-Welle fest: Schlechte Zahlen, miese Stimmung und eine katastrophale Kommunikation der Regierung haben zum Vertrauensverlust geführt. Die Resignation wächst, viele Menschen tragen die Maßnahmen nicht mehr mit.

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Von
  • Peter Lange
  • Florian Haas

Der tschechische Gesundheitsminister Jan Blatny machte sich gar nicht erst die Mühe, der aktuellen Corona-Entwicklung etwas Positives abzugewinnen. "Es ist offensichtlich, dass die Zahlen nicht weiter sinken", sagte er. Es seien immer noch ungefähr 400 Menschen pro Tag, die ins Krankenhaus müssten. Auch wenn es gut weitergehen würde, sind noch "weitere zwei bis drei Wochen nötig", bis sich die Lage entspanne.

Teils Inzidenzwerte von über 1.000

Quälend langsam bewegt sich Tschechien durch die dritte Welle der Pandemie. Zuletzt stiegen die Infektionszahlen sogar wieder etwas. Egal, ob Intensivpatienten, Neuinfektionen oder Todesfälle: Tschechien bewegt sich weiter in der traurigen europäischen Spitzengruppe. Im Sieben-Tage-Schnitt steht Prag mit 311 Infektionen auf 100.000 Bewohner noch relativ gut da - zumindest im Vergleich zu manch anderen Regionen. In Cheb ganz im Westen und in Trutnov im Norden liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei über 1.000!

Für den Soziologen Daniel Prokop ist es kein Zufall, dass gerade in den Gebieten die Werte besonders hoch sind, in denen die Einkommen weit unter dem Durchschnitt liegen. Viele Beschäftigte dort seien nicht motiviert, sich bei Symptomen testen zu lassen - denn sie befürchteten Einkommensverluste durch die Quarantäne. Sie meldeten häufig auch nicht alle Kontakte, sodass die Nachverfolgung scheitere.

Das Vertrauen in die Politik ist weiter gesunken

Die Stimmung sei schlecht, lautet Prokops Diagnose. Und: Viele Menschen halten sich nicht mehr an die Auflagen der Regierung, mit denen die Pandemie eingedämmt werden soll. Es wachse die Zahl der Leute, die die Maßnahmen gelockert sehen wollen. Das, so Prokop, "ist auch Ausdruck des gesunkenen Vertrauens in die Kommunikation der Regierung".

Martin Cervicek, Hauptmann der Region Ostböhmen, sagt: Manche Maßnahmen seien unverständlich gewesen, nicht richtig erklärt worden.

"Ich denke, die Regierung hat es in den letzten zwei bis drei Monaten nicht geschafft, glaubwürdig zu kommunizieren. Deshalb wird sie in der Öffentlichkeit nicht mehr respektiert." Martin Cervicek, Hauptmann in Ostböhmen

Impfstrategie kaum vorhanden

Auch bei der Impfstrategie klemmt es hinten und vorne. In Südböhmen mussten 1.500 Termine storniert werden. Ministerpräsident Andrej Babis gab die Schuld den örtlichen Verantwortlichen. Der Ärzteverband wiederum beschuldigte die Regierung, die Impfkampagne nicht richtig vorbereitet zu haben.

Es sei "eigentlich nichts vorbereitet" worden, erklärt Verbandspräsident Milan Kubek. "Als die ersten Impfdosen kamen, wurden die Uni-Krankenhäuser zu Impfzentren erklärt. Sie begannen, ohne Anleitung zu impfen. Es war rein intuitiv."

Viele wollen mit Tricks den Regeln entkommen

Hinzu kommt, dass nun ein Teil jener Mentalität wieder sichtbar wird, die schon in kommunistischen Zeiten beim Überleben half: Regeln sind dazu da, missachtet oder umgangen zu werden. Da werden Ski-Wochenenden als Dienstreisen deklariert, denn die sind zulässig. Kneipenbesitzer richten auf einmal politische Versammlungen aus, auch das ist nicht verboten.

Und wenn die Oberen selbst dabei ertappt werden, wie sie die Regeln verletzen, dann ist es mit der Akzeptanz völlig vorbei. Beispiel: eine Geburtstagsfeier eines Regionalpolitikers mit 50 Gästen in einem Hotel in Teplice, darunter sogar der regionale Polizeichef. Er musste inzwischen seinen Posten räumen.

"Da ist es dann logisch, dass sich immer mehr von den einfachen Menschen überlegen, warum für sie ein anderer Maßstab gelten soll." Lukas Jelinek, Politologe

Statistik zeigt erhöhte Sterblichkeit

Just heute hat die Zahl der nachgewiesenen Infektionsfälle im Land die Marke von einer Million überschritten. Die Behörden registrierten binnen eines Tages gut 9.000 weitere Neuinfektionen - die Zahl der Toten stieg auf knapp 16.700. Zum Vergleich: Das Nachbarland Deutschland verzeichnet bei fast achtmal so vielen Einwohnern bisher rund 58.000 Covid-Tote, steht also - obwohl es auch hierzulande viele Probleme gibt - hier doch um einiges besser da.

Auch die gestern veröffentlichten Daten der nationalen Statistikbehörde in Tschechien waren alles andere als ein Hoffnungsschimmer. Demnach gab es im vergangenen Jahr deutlich mehr Tote als sonst. Insgesamt starben mehr als 129.000 Menschen, knapp 17.000 mehr als ein Jahr zuvor. Von einer "markanten, außergewöhnlichen Veränderung" sprach der Leiter der Behörde, Marek Rojicek. Zu den Todesursachen machte die Behörde keine Angaben.

Die schwierige Corona-Lage in Tschechien und in einigen bayerischen grenznahen Region hat derzeit auch gravierende Folgen für Menschen, die regelmäßig zwischen Bayern und Tschechien pendeln. Sie müssen sich alle 48 Stunden auf Corona verpflichtend testen lassen. Zu Beginn der Tests gab es Staus an der Grenze und Wartezeiten vor den Testzentren; inzwischen hat sich die Situation weitgehend entspannt. Allerdings klagen tschechische Pendler, dass die Wartezeiten bis zum Eintreffen des PCR-Testergebnisses oft sehr lange sind.

Corona dürfte auch die anstehende Wahl in Tschechien beeinflussen

Übrigens: Nicht nur in Deutschland wird im Herbst ein neues Parlament gewählt. Auch in Tschechien. Die Corona-Politik dürfte hier wie dort mit wahlentscheidend sein. Stand heute und angesichts der gegenwärtigen Stimmung braucht es wohl ein mittleres Wunder, damit sich in Prag die Regierung von Babis halten kann.

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