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Corona bremst Pflege-Anwerbung im Ausland | BR24

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Bildrechte: pa / dpa / Marijan Murat

Pflegekraft aus China in einem deutschen Altenheim

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    Corona bremst Pflege-Anwerbung im Ausland

    In der Pflege in Deutschland sind Fachkräfte aus dem Ausland nicht mehr wegzudenken. Die Corona-Krise erschwert allerdings die Anwerbung. Fachleute fordern deshalb, noch stärker auf Nachwuchsgewinnung im Inland zu setzen.

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    Von
    • Nikolaus Nützel

    Rund 1,7 Millionen Menschen arbeiteten zum Stichtag 30.06.2020 in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie in der Altenpflege in Deutschland. Etwa 194.000 davon hatten nach Daten der Bundesagentur für Arbeit keinen deutschen Pass. Ihre Zahl ist innerhalb von vier Jahren um 73 Prozent gestiegen. Allerdings hat sich der Anstieg zuletzt verlangsamt, auch schon vor der Corona-Krise. Die Pandemie hat den Zuwachs aber weiter gebremst. Im ersten Halbjahr 2020 betrug der Zuwachs nur noch knapp 3,5 Prozent.

    Lange Wartezeiten bei den Botschaften

    Siegried Benker, der Geschäftsführer der kommunalen Pflegeeinrichtung Münchenstift, hat die Erfahrung gemacht, dass die Wartezeiten bei Konsulaten und Botschaften im Ausland dramatisch gestiegen sind. "Es dauert teilweise sechs Monate, um überhaupt einen Termin zu bekommen", berichtet Benker. Seine Einrichtung bemüht sich schon seit langem um Fachkräfte auch von außerhalb der EU, wie etwa den 26-jährigen Albaner Ahmet Meti.

    Er habe in seiner Heimat eine dreijährige Ausbildung absolviert, dann aber in seinem Beruf keine Arbeit gefunden, erzählt Meti. Nur Praktika seien ihm angeboten worden. Deshalb habe er in einer Internet-Firma als Techniker gejobbt, bis er auf ein Angebot der deutschen Dekra-Akademie aufmerksam wurde. Er lernte Deutsch und arbeitet seit dem vergangenen Jahr in München als Pfleger. Seine bisherige Bilanz ist eindeutig: "Super!"

    BRK-Programm in Mexiko

    Auch beim Bayerischen Roten Kreuz setzt man auf Nachwuchskräfte aus dem Ausland, wie etwa Edgar Bacab Chan aus Mexiko. Auch er hat in seiner Heimat, wie Ahmet Meti, nach einer Ausbildung zum Pfleger keine passende Arbeit gefunden. Deswegen hat er das Angebot des BRK gerne angenommen, zunächst in seiner Heimat Deutsch zu lernen, um dann in Deutschland zu arbeiten. "Wegen Corona ging vieles aber nur online", sagt Bacab Chan. Inzwischen aber sei er als Fachkraft im BRK-Seniorenwohnen Buchenau in Fürstenfeldbruck fest integriert.

    Insgesamt 40 Mexikanerinnen und Mexikaner will das Bayerische Rote Kreuz für seine Einrichtungen anwerben. Ein großer Teil sei bereits im Land, sagt der stellvertretende BRK-Landesgeschäftsführer Wolfgang Obermair. Er hofft, in den nächsten Wochen die erste Runde des Anwerbeprojekts abschließen zu können. "Die Pflegekräfte aus Mexiko sind hochmotiviert", betont er. Allerdings räumt auch Obermair ein, dass das Anwerbeprogramm durch die Pandemie ins Stocken geraten ist: "Auch in Mexiko gab es Lockdowns, die Leute konnten sich innerhalb ihres Landes nicht mehr bewegen."

    Auslands-Anwerbung nicht als Dauer-Lösung

    Für den Präsidenten der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), Georg Sigl-Lehner, bestätigt sich durch die Probleme bei der Fachkräfte-Anwerbung während der Coronakrise eine Einschätzung, die er schon länger hat: "Ich glaube nicht, dass wir unser Pflegepersonal-Problem in Deutschland über ausländische Kolleginnen und Kollegen lösen können."

    Fachkräfte fehlen in ihrer Heimat

    Diese Einschätzung teilt grundsätzlich auch der Geschäftsführer des Münchenstift, Siegfried Benker – auch wenn er weiter neue Kräfte aus dem Ausland anzuwerben versucht. Und er kennt Warnungen, dass Pflege-Fachkräfte, die aus Albanien, Mexiko oder Serbien nach Deutschland kommen, in ihren Heimatländern fehlen. "Das ist ein Problem, das man im Blick haben muss", findet Benker.

    Oftmals hätten die Pflegekräfte in ihren Heimatländern allerdings gar nicht die Möglichkeit, ihre Qualifikation einzusetzen, fügt er hinzu. Und viele würden aus Deutschland Geld in ihre Heimatstaaten überweisen, das dort dringend gebraucht werde. "Man muss das von mehreren Seiten anschauen", sagt Benker.

    Mehr Wertigkeit für die Pflege

    Ihm ist dabei eines wichtig: "Die Pflege muss hier eine andere Wertigkeit bekommen." Damit die Nachwuchsprobleme bewältigt werden können, müsse eine Voraussetzung erfüllt sein: "Dass dieser Beruf bei uns so angesehen und so anerkannt ist, dass auch in Deutschland junge Menschen sagen: Ich will in die Pflege gehen, das ist ein Zukunftsberuf."

    Zum Artikel "Fokus Pflege: Mehr Geld, mehr Personal, mehr Ansehen"

    Genau das ist der Grund, warum der junge Albaner Ahmet Meti gerne in München arbeitet: "Ich bin gekommen für meine Zukunft." Er weiß, dass es nicht gut für sein Heimatland ist, wenn qualifizierte und motivierte junge Leute abwandern. Aber er bereut seine Entscheidung nicht. Er habe für 200 Euro im Monat gearbeitet, erzählt er: "Es ist schwer, in Albanien zu leben."

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