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Corona bedroht indigene Völker: Stille Katastrophe im Urwald | BR24

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Indigene Völker, wie etwa die Angehörigen des Volkes der Yanomami, werden in Südamerika besonders stark von Covid-19 bedroht.

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Corona bedroht indigene Völker: Stille Katastrophe im Urwald

Covid-19 explodiert nicht nur in Brasiliens Metropolen, sondern auch in den entlegensten Landesteilen. Besonders stark sind indigene Völker im Amazonasgebiet betroffen. Hilfsorganisationen versuchen dort, eine minimale Versorgung sicherzustellen.

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Ihr Reservat liegt im äußersten Norden Brasiliens, an der Grenze zu Venezuela, abgelegen und schwer erreichbar tief im Urwald. Doch auch diese Abgeschiedenheit schützt das Volk der Yanomami nicht mehr vor der Pandemie.

"Das Coronavirus ist schon im Gebiet der Yanomami angekommen. Und die infizierten Goldsucher dringen immer weiter in unser Gebiet vor", erzählt Dario Kopenawa, einer der Anführer des indigenen Volks. "Wir vom Yanomami-Verband überwachen das per Radio-Funk, wir stehen mit den Dorf-Ältesten in Kontakt, und sie sagen, dass diese Krankheit immer stärker in unseren Dörfern ankommt."

Indigene versuchen sich zu isolieren

Die Indigenen-Vereinigung Abip zählt bereits mehr als 200 Tote durch die Pandemie in den Gebieten der Indigenen. Dabei hatten die meisten sich schon tief in die Wälder zurückgezogen, als das Virus Brasilien erreichte.

Viele haben den Zugang zu ihren Dörfern untersagt und versuchen, ihre Reservate wie auch die Yanomami abzuschotten. "Die Yanomami dürfen derzeit nicht ihre Dörfer verlassen, dürfen nicht in die Städte, weil sie sich sonst dort anstecken und die Krankheit mit ins Dorf schleppen", so Kopenawa. "Wir haben das blockiert. Heute sind die Yanomami also in ihren Dörfern, isoliert mit Social Distancing und in Quarantäne."

"Neue Welle von Invasionen in das Gebiet"

Die Angst vor Seuchen sitzt tief. Denn in der Vergangenheit haben eingeschleppte Infektionskrankheiten immer wieder grausam in den Dörfern der Indigenen gewütet. Tausende Menschen starben an Masern oder an relativ einfachen Erkältungskrankheiten, weil das Immunsystem der Indigenen überhaupt nicht auf diese Erreger vorbereitet war. Deswegen waren die Kaziken, die Anführer der Indigenen alarmiert, als Covid-19 auch in Brasilien festgestellt wurde.

Doch auch diese Abschottung rettet sie nicht vor der Pandemie, solange immer mehr Menschen in die Gebiete der Indigenen eindringen. Holzfäller, Rinderzüchter, aber bei den Yanomami vor allem Goldsucher. Zu tausenden durchwühlen sie den Urwald mit schwerem Gerät, hinterlassen Mondlandschaften und mit Quecksilber verseuchte Flüsse. Und jetzt tragen sie auch noch das Virus in die eigentlich geschützten Reservate.

"Wir erleben eine neue Welle von Invasionen in das Gebiet", sagt Antonio Oviedo vom Instituto Socioambiental, einer Organisation, die den Umweltschutz und die Rechte der Indigenen im Amazonasgebiet verteidigt. "Von den vier Ibama-Posten, die geschlossen wurden, ist bisher nur eine wieder geöffnet worden. Das zeigt, dass die Rechtslage, dass die Schließung des Gebietes für Eindringlinge praktisch kaum durchgesetzt wird. Und so haben wir ein Reservat mit 27.000 Indigenen in dem fast ebenso viele Goldsucher leben, nämlich fast 20.000."

Hilfsorganisationen unterstützen Indigene Völker

Falls einer der Infizierten schwer erkrankt, kann er nicht adäquat versorgt werden. Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen versuchen, medizinische Hilfsgüter auch in entlegenere Gebiete zu bringen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat dafür ein kleines Flugzeug zur Verfügung gestellt.

In Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaats Amazonas, entspannt sich die Lage etwas. Wochenlang konnten Covid-19-Patienten dort nicht mehr behandelt werden, alle Intensivbetten des riesigen Bundesstaats waren belegt. Inzwischen haben die Krankenhäuser in Manaus selbst wieder Kapazitäten.

Schwierige Nachverfolgung der Pandemie im Urwald

Aber Cecilia Hirata von "Ärzte ohne Grenzen" sagt, ihre größte Sorge sei jetzt, dass sich die Krankheit im "Interior", also im Hinterland, in den endlosen Wäldern des Amazonasgebiets weitgehend unbemerkt ausbreitet. "Und damit dringt sie in Regionen, wo wir weniger Informationen bekommen, also verlieren wir den Überblick über das Geschehen", erklärt Hirata.

Dort werden Kameras keine grausamen Bilder von Särgen einfangen oder von Patienten, die um ihr Leben ringen. Im Amazonasgebiet bahnt sich eine stille Katastrophe an.

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