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Corona-Ausbruch in Ischgl: Erste Klagen gegen Österreich | BR24

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Von Ischgl im Tiroler Paznauntal aus hat sich das Coronavirus europaweit verbreitet. Tausende Betroffene haben sich inzwischen in ein Beschwerderegister eingetragen. Nun hat in Wien die juristische Aufarbeitung begonnen.

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Corona-Ausbruch in Ischgl: Erste Klagen gegen Österreich

Nach dem Corona-Ausbruch im Skiort Ischgl im März haben sich über 1.000 Menschen bereit erklärt, gegen die Republik Österreich und das Bundesland Tirol zu klagen. Bundeskanzler Kurz habe fahrlässig gehandelt, so einer der Vorwürfe.

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"Ich bin 52 Jahre alt und habe mich im März in Ischgl mit dem Corona-Virus infiziert." Martina B, Beamtin aus Deutschland

Wie jeden Winter fährt die Frankfurter Beamtin Martina B. mit ihren beiden erwachsenen Töchtern und ihrem Mann zum Snowboard-Fahren ins Tiroler Paznautal. Am 8. März reisen sie an, sie hatten sich vorher noch im Hotel erkundigt, ob es sicher sei zu kommen.

"Nachdem wir das Gefühl hatten und auch nachgefragt hatten, dass das Gebiet soweit okay ist, und der Hotelier uns unsere Sorgen nahm, haben wir am Montag dann unseren Snowboard-Urlaub im Skigebiet begonnen", erzählt Martina B. "Das bedeutete, dass nichts, rein gar nichts darauf hinwies, welche Problematik schon in Tirol, beziehungsweise dort, herrschte."

Zehntausend Gäste verlassen überstürzt und unkoordiniert das Tal

Am 13. März, einem berüchtigten Freitag, den 13., mussten sie, zusammen mit rund acht- bis zehntausend anderen Gästen, überstürzt und vollkommen unkoordiniert das Tal verlassen, nachdem am frühen Nachmittag die Quarantäne über Ischgl und die umliegenden Skigebiete verhängt worden war. Sie kehrten um sechs Uhr am Samstagmorgen nach zwölfstündiger Autofahrt nach Frankfurt am Main zurück. Kurz darauf zeigten sich bei Martina B. deutliche Symptome.

Sie sagt, ihren Verlauf bezeichne man als "mittelschwer". Das bedeutet, dass sie im Krankenhaus lag, aber nicht intensivmedizinisch beamtet wurde. Sie war insgesamt fünf Wochen in Einzelisolation. Die Folgen von Corona spüre sie heute noch extrem. "Ich habe seit fast sechs Monaten meinen Geruchs- und meinen Geschmackssinn komplett verloren. Ich habe einen Lungenschaden erlitten, der irreparabel ist und meine Lebensbedingungen stark einschränkt und eventuell auch meine Lebenserwartung." Und sie habe einen leichten Herzschaden erlitten und auch heute noch Nervenprobleme im Hirnbereich, die sich auf ihre Motorik und auch auf ihre Hirnleistungen auswirken.

Aus 45 Ländern meldeten sich Geschädigte

Martina B. ist eine von über 6.000 Ischgl-Urlaubern, die seit Ende März dem Aufruf des österreichischen Verbraucherschutzvereins gefolgt sind, sich zu melden, wer durch den Skiurlaub in Ischgl Schäden davongetragen hat. Aus 45 Ländern meldeten sich Geschädigte, darunter 4.000 Menschen aus Deutschland, 500 aus den Niederlanden, 500 aus Großbritannien, aus den skandinavischen Ländern.

Davon erklärten sich über 1.000 Menschen bereit, gegen die Republik Österreich und das Bundesland Tirol zu klagen, auch Martina B. aus Frankfurt am Main. Vom Ausmaß der Rückmeldungen sei er überrascht worden, sagt Peter Kolba, der Vorsitzenden des Verbraucherschutzvereins in Wien. Am Mittwoch gab er bekannt, dass zunächst vier Musterklagen beim Wiener Landgericht eingereicht wurden.

Wer ist verantwortlich? Wo liegen die Versäumnisse?

"Unser Pfand sind 6.000 Leute, die vor Ort waren und die ganz genau beschreiben, was war vor Ort, und dann natürlich auch ihren weiteren Leidensweg mit Infektion, viele waren dann in Heimquarantäne, und ein bis zwei Prozent waren im Krankenhaus, Intensivstation, und bis heute zählen wir 32 Verstorbene." Peter Kolba, Vorsitzender des Verbraucherschutzvereins in Wien

Wer ist dafür verantwortlich? Wo liegen gegebenenfalls die Versäumnisse? Und bei wem? War es Fahrlässigkeit oder Vorsatz, Überforderung oder Unvermögen?

Isländische Behörden warnen über Europäisches Frühwarnsystem

In der Nacht vom 4. auf den 5. März schicken die isländischen Behörden ihre Warnung über das Europäische Frühwarnsystem an das Gesundheitsministerium nach Wien: Acht Rückkehrer aus Ischgl seien positiv getestet. Zu diesem Zeitpunkt halten sich rund 11.000 ausländische Touristen im Paznautal auf. Am 7. März wird der Barmann des "Kitzloch" positiv getestet.

Am 10. März werden alle Aprés-Ski-Lokale geschlossen, die Skilifte laufen weiter. Am Vormittag des 13. März greift Tirols Landeshauptmann Günther Platter zum Telefon und informiert die Clubobleute - also die Fraktionschefs – im Tiroler Landtag. Der Fraktionschef der liberalen NEOS in Innsbruck, Dominik Oberhofer erinnert sich an das Telefonat.

Lokalpolitiker über unkontrollierte Abreise: "Wie naiv muss man sein"

"An dem besagten Freitag, den 13., hat mich Vormittag der Landeshauptmann persönlich angerufen, und hat mich informiert darüber, dass eben über das Paznaun-Tal, insbesondere Ischgl, die Quarantäne ausgerufen wird." Es sei unmittelbar vor der Pressekonferenz - "das wird jetzt gleich medial groß aufschlagen", seien seine Worte gewesen.

Oberhofer kann sich sehr gut daran erinnern, dass er am Freitag um 15 Uhr nach Hause gefahren sei, und dann im österreichischen Rundfunk Radio gehört habe, "dass kolonnenweise Staus aus dem Paznaun-Tal sind und sich Tausende Touristinnen und Touristen auf dem Weg aus Ischgl befinden." Und das Erste, was ihm in den Sinn gekommen sei, war: "Wie naiv muss man sein, die tragen ja den Virus in ganz Europa."

Anklageschrift mit schweren Vorwürfen gegen Kanzler Sebastian Kurz

Die "Amtshaftungs-Anklageschrift" – so die offizielle Bezeichnung - gegen die österreichische Bundesregierung und die Tiroler Landesregierung, die der Verbraucherschutz-Chef Kolba beim Wiener Landesgericht einreicht, basiert auf drei Vorwürfen: Erstens, in der Woche vom 7. bis 13. März seien die notwendige Schließung des Paznauntals sowie zumindest die Warnung der Touristen unterlassen worden, nachdem das Coronavirus in Ischgl nachgewiesen war.

Zweitens: Im Gegensatz zur vorbildlich durchgeführten Quarantäne eines 5-Sterne-Hotels in Innsbruck am 25. Februar – dort war eine italienische Mitarbeiterin positiv getestet worden, das Hotel wurde von der Polizei abgeriegelt, alle Gäste und Mitarbeiter wurden getestet und erst danach wieder konnte das Hotel aufsperren – hätten die Tiroler Landesregierung und die Sanitätsbehörden aus vermutlich wirtschaftlichen Gründen den Skibetrieb in Ischgl bis zum 13. März aufrechterhalten.

Und schließlich drittens: Die Bundesregierung, insbesondere Bundeskanzler Sebastian Kurz, habe durch die abrupte Verhängung der Quarantäne am frühen Nachmittag des 13. März das chaotische Abreise-Desaster der ausländischen Gäste ausgelöst und somit fährlässig zur Verbreitung des Virus beigetragen.

Druck der Tourismusindustrie führt zu verzögerter Reaktion

Verbraucherschützer Peter Kolba sagt, der Druck der Tourismusindustrie habe dazu geführt, dass man verzögert reagiert habe.

Andreas Steibl, seit 18 Jahren Geschäftsführer des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl, sitzt zusammen mit Werner Kurz, dem Ischgler Bürgermeister, im Besprechungszimmer der Gemeindeverwaltung. Er sagt: "Natürlich tut es uns leid, wenn sich Leute bei uns infiziert haben letzten Winter. Das ist ganz klar."

Eine Entschuldigung sei immer dann angebracht, wenn man etwas vorsätzlich mit zu verschulden habe. Wenn man aber 80 Prozent Stammgäste habe, "dann ist hier ein total familiärer direkter Kontakt auch zu dem Gast vom Gastgeber vorhanden und davon bin ich überzeugt, dass kein Gastgeber vorsätzlich gehandelt hat und in irgendeiner Form dem Gast falsche Informationen übermittelt hat."

Geschädigte verbindet mit Klage große Hoffnung

Martina B., die unter den Folgen ihrer schweren Virus-Erkrankung zu leiden hat, verbindet mit der Einreichung der Klage gegen die Bundesrepublik Österreich und das Bundesland Tirol große Hoffnungen:

"Ich hoffe, dass diese Klage Recht spricht am Ende, also dass es zu einem Urteil kommt, wo Gerechtigkeit gesprochen wird. Weil, viele Menschen sind betroffen. Einige sind so schwer betroffen, dass sie ihre Lieben verloren haben und ich möchte einfach Gerechtigkeit." Martina B., Geschädigte

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