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Jan Ribbeck: Arzt bei Tag, Seenotretter bei Nacht | BR24

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Jan Ribbeck

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    Jan Ribbeck: Arzt bei Tag, Seenotretter bei Nacht

    Jan Ribbeck ist leitender Arzt in einer Allgäuer Klinik. Und er ist Einsatzleiter für die aktuelle Seenotrettungsmission von Sea-Eye. Von einem Mann, der gerade an zwei Fronten gleichzeitig kämpft.

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    Jan Ribbeck arbeitet in einer Klinik im Allgäu - die Lage dort sei ernst, sagt er. Es mangele an verschiedenen Materialien wie überall in der Republik: Mundschutz, Schutzanzüge, Handschuhe. Gleichzeitig sei das Verständnis der Patienten für die nötigen Hygienemaßnahmen, wie zum Beispiel Abstand halten, "nicht sehr ausgeprägt". Man brauche viel Verständnis, um sie immer wieder daran zu erinnern. Außerdem müsse die Klinik täglich damit rechnen, Patienten von anderen Orten zu bekommen. Aus all diesen Gründen verbringe der 56-jährige Ribbeck gerade noch mehr Zeit dort als ohnehin schon. Als leitender Arzt muss er bleiben, bis alles fertig ist. Das sind schon mal zehn Stunden am Tag.

    Aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus in Schwaben finden Sie hier.

    Nächtliche Telefonate mit der "Alan Kurdi"

    Nach zehn Stunden in der Klinik ist noch nicht Feierabend für Jan Ribbeck. Dann beginnen meist die Telefonate. Denn gleichzeitig ist er einer der Einsatzleiter der aktuellen Mission der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye. Ribbeck ist auch Teil des fünfköpfigen Vorstandes von Sea-Eye. Wenn die Klinik nicht wäre, sagt er, wäre er gern an Bord gewesen.

    Dieses Mal unterstützt er das Team von zu Hause. Täglich spricht er mindestens ein bis zwei mal mit der Einsatzleitung an Bord der "Alan Kurdi", dem Schiff von Sea-Eye. Besprochen werden die Einsatztaktik, Politisches, Logistisches, die Trainingseinheiten der Crew. Gerade ist die "Alan Kurdi" im Mittelmeer nördlich von Tunesien, also noch nicht in der Rettungszone vor Libyen. Am Montag hat sie den Hafen in Spanien verlassen, zwei Wochen später als geplant. Die Crew hat an Bord noch einige Trainings nachzuholen. Mit denen bereitet sich das Rettungsteam auf die tatsächlichen Rettungen vor. Damit, erzählt Ribbeck, sei die Crew an Bord gerade sehr beschäftigt. Deswegen gäbe es für ihn als Einsatzleiter an Land noch nicht so viel zu tun.

    Sicherheitsvorkehrungen gegen das Coronavirus

    In den letzten beiden Wochen gab es für die Mitarbeiter von Sea-Eye viel zu tun. "Die Corona-Krise setzt Europa zu, auch den Hilfsorganisationen", sagt Ribbeck. Sea-Eye habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, trotz der Pandemie auf Mission zu fahren. "Wir haben vorher intensive Gespräche mit allen Crewmitgliedern geführt – alle waren bereit, trotz der aktuellen Situation herauszufahren."Außerdem habe Sea-Eye weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen: "Bevor das Schiff den Hafen verlassen hat, hat die Crew in der Werft zwei Wochen miteinander verbracht." In der Zeit habe keines der Crewmitglieder Covid-19-Symptome entwickelt. "So konnten wir sagen, wir können sie medizinisch guten Gewissens rausfahren lassen."

    Außerdem habe Sea-Eye an Bord Schutzausrüstung wie Handschuhe und Mundschutz aufgestockt, so dass für den Ernstfall genug für alle da ist. Eine Möglichkeit, auf das Virus zu testen, habe man an Bord jedoch nicht. Aber man habe für jeden möglichen Fall genaue Pläne gemacht, was an Bord passieren müsse. Falls zum Beispiel eine Person an Bord Symptome zeige, würde sie in einer Kabine isoliert werden und nur noch vom medizinischen Team an Bord betreut werden – zur Not zwei Wochen lang. Im Notfall, sollte ein Situation eintreten, die man an Bord nicht handhaben könnte, müsste das Schiff evakuiert werden.

    Noch mehr Menschen in Italien?

    Trotzdem – die Flüchtenden, die die "Alan Kurdi" bald retten könnte, wird das Schiff wahrscheinlich nach Italien oder Malta bringen. Kein anderer Staat ist geographisch nah genug dran. Italien – dessen Gesundheitssystem ohnehin schon komplett überlastet ist. Wie kann Ribbeck als Einsatzleiter das verantworten?"Wir wissen, dass wir Italien und Malta viel zumuten. Wir sehen, dass bestimmte Mittelmeerländer gerade in einer nationalen Katastrophe stecken – weil Europa sie allein gelassen hat."

    Die "Alan Kurdi" fahre nicht auf Mission, um Italien blöd dastehen zu lassen oder um in Italien Kräfte zu binden, die das Land selbst dringend brauche. Aber: "Für uns gibt es keine andere Alternative, als Menschen vor dem Ertrinken zu retten."

    Menschenleben auf See und an Land

    An den Fluchtursachen habe sich nichts geändert. Libysche Lager seien wegen des Coronavirus nicht leerer. Es würden nicht weniger Menschen sterben, die Situationen in den betreffenden Staaten sei höchstens schwieriger geworden. "Die Rettungsdienste an Land fahren ja auch noch raus. Die sagen ja auch nicht: Wir lassen die Leute in dem Autounfall sterben, weil wir in einer Pandemie stecken." Auf dem Wasser müssten dieselben Regeln gelten wie an Land. "Und ich denke, dass Deutschland trotz allem noch in der Lage ist, humanitär tätig zu sein." Vor allem, weil es auf See immer noch keinen staatlichen Rettungsdienst gebe – so wie an Land.

    Die Klinik hat Vorrang

    24 Stunden am Tag ist Ribbeck für die "Alan Kurdi" erreichbar. "Ich hatte schon Missionen, da wurde ich nachts alle zwei Stunden raustelefoniert", erzählt Ribbeck. Erschwerend komme hinzu, dass er als Arzt auch dem medizinischen Team der "Alan Kurdi" manchmal mit Ratschlägen zur Seite stehen müsse.

    Warum nimmt er die ganze Arbeit auf sich – zusätzlich zu seiner Verpflichtung in der Klinik? "Es stimmt", sagt Jan Ribbeck, "wenn man eine Klinik leitet, hat man auch ohne Corona und ohne Seenotrettung genug zu tun." Aber: "In all dem Komfort, in dem wir hier in Europa leben, kann ich es mir einfach nicht leisten, mir dafür keine Zeit zu nehmen." Seine Aufgabe als Arzt – Leben zu retten – wolle er auch privat realisieren. Seine Verantwortung in der Klinik habe in der aktuellen Situation oberste Priorität. Das zu betonen, ist ihm wichtig: "Denn mittlerweile ist die Pandemie in Deutschland angekommen und die Situation droht zu entgleiten." Und schließlich gebe es bei Sea-Eye auch viele Menschen, die ihn unterstützen.

    Zukunft überall ungewiss

    Sowohl in der Klinik als auch an Bord der "Alan Kurdi" ist unklar, was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird. Wenn das Schiff nach einer Rettung an Land zurückkehrt, müssen wahrscheinlich sowohl die Crew als auch die Geretteten in Quarantäne. Wie und wo das realisiert werden soll, kann vorher keiner so recht sagen.

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