BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Corona sorgt für erhöhte Nachfrage bei Paartherapeuten | BR24

© BR

Durch Corona verbringen Familien besonders viel Zeit miteinander. Während Scheidungsanwälte keine Zunahme feststellen, bemerken bayerische Paartherapeuten eine erhöhte Nachfrage. Die Ursachen dafür reichen oft auf die Zeit vor Corona zurück.

6
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Corona sorgt für erhöhte Nachfrage bei Paartherapeuten

Durch Corona verbringen Familien besonders viel Zeit miteinander. Während Scheidungsanwälte keine Zunahme feststellen, bemerken bayerische Paartherapeuten eine erhöhte Nachfrage. Die Ursachen dafür reichen oft auf die Zeit vor Corona zurück.

6
Per Mail sharen

„Hätten wir den Lockdown unter einem Dach verbracht, es hätte Tote gegeben.“ Petra B. und ihr Mann haben die Scheidung eingereicht: Zu viele Auseinandersetzungen, nicht erfüllte Sehnsüchte, Leere in der Beziehung. Die Entscheidung sich zu trennen, haben sie und ihr Mann kurz vor der Ausgangssperre gefasst, in ihrer Beziehung habe es aber schon länger gekriselt. Durch die physische und psychische Trennung während des Shutdowns, erzählt die zweifache Mutter, blieb den beiden erspart, was viele andere Paare unerbittlich zu spüren bekamen: Probleme haben sich verstärkt, Differenzen wurden nach oben gespült - und in manchen Fällen sogar unüberwindbar.

Corona-Katalysator: Was sowieso schon brüchig war, entzweit sich

Statistische Zahlen gibt es noch keine, wohl aber Tendenzen. Der Würzburger Paartherapeut Andreas Arnold beispielsweise hat inzwischen doppelt so viele Trennungsberatungen wie vor Corona. Corona sei aber nicht unbedingt schuld an Trennungen, sondern fungiere eher wie ein Katalysator oder ein Beschleuniger. „Viele Paare hätten sich vielleicht noch bis zum Rentenalter durchgemogelt“, sagt der Regensburger Paartherapeut Engelbert Ober. Corona wirke bei diesen Beziehungen wie ein Brennglas auf schon bestehende Probleme und Ungleichheiten in der Partnerschaft.

In dieser Krise verdichte sich letztlich, was Paare schon vorher immer wieder unterschwellig erlebt haben, sagt Paartherapeutin Lisa Camen aus München. Auch sie hat festgestellt, dass der Lockdown Konflikte zu Tage gefördert hat, denen Paare bisher in einem geregelten Alltag, durch Freunde, Freizeit, Beruf und vielleicht sogar Außenbeziehungen entfliehen konnten: „Partnerschaften wurden auf die Probe gestellt. Corona kann in diesem Sinn vielleicht der Auslöser für eine Trennung sein, früher oder später wären diese Ehen aber wahrscheinlich sowieso auseinander gegangen.“

Laut der Nürnberger Therapeutin Evelyn Richter-Schäfer fragen sich Paare seit Corona immer häufiger: Macht es Sinn, was ich tue, wie ich lebe und mit wem? „Eine ganz wesentliche Lebensfrage, die man sich gar nicht oft genug stellen kann“, so Richter-Schäfer.

Krise als Gewinn: Manche Paare nutzen Corona als Chance

Es gibt aber auch Partnerschaften, die gestärkt aus der Krise hervorgehen, auch hier sind sich Paartherapeuten einig. Beispielsweise jene, die durch Kurzarbeit und Lockdown wieder mehr zueinander gefunden haben, weil das ständige Erledigen von Aufgaben und Terminen nicht mehr mit der gemeinsamen Paar-Zeit konkurrierte.

Manche Paare konnten die gemeinsame Zeit genießen und für sich nutzen. Zum Beispiel, wenn man den Partner in der Krise als sehr stark, konstruktiv und klar erlebt habe oder aber die Kooperation besser klappte als erwartet. Kleinere Probleme zwischen den Eheleuten verlieren an Bedeutung, wenn sich Zeiten verschlechtern und wirtschaftliche Risiken bestehen, stellt der Augsburger Rechtsanwalt Mathias Grandel fest.

Allerdings könne er, wie viele seiner bayerischen Kollegen, aktuell noch keinen Scheidungsanstieg oder Auswirkungen auf die Scheidungsbereitschaft erkennen. „Eine Scheidung ist im Regelfall ja auch erst nach dem Ablauf des Trennungsjahres möglich“, so der Nürnberger Rechtsanwalt Michael Eitel. Inwiefern Corona also tatsächlich einen Einfluss auf Scheidungen haben wird, lasse sich statistisch wohl erst im kommenden Jahr nach Jahresabschluss beantworten. Letztlich komme der Gang zum Paartherapeuten auch vor dem Gang zum Scheidungsanwalt, so Eitel.

Beziehungen stehen generell mehr auf dem Prüfstand als früher

Der Würzburger Paartherapeut Andreas Arnold sagt, ein „für immer“ gibt es heutzutage generell viel seltener. Moderne Partnerschaften stünden auch unabhängig von Corona viel häufiger auf dem Prüfstand als früher, weil es mehr Möglichkeiten gäbe.

„Man denke nur an die Patchwork-Familien, die heutzutage völlig normal sind. Deswegen muss man ständig überprüfen, ob die Beziehung noch Qualität hat. Sich auf einen Partner zu fixieren und zu sagen, mit dir gehe ich durch das Leben, bedeutet Verzicht. Verzicht auf all die anderen Möglichkeiten. Und wenn ich verzichte, muss ich auch in gewissem Sinne etwas davon haben. Auf Dauer nur verzichten, wenn die eigenen Bedürfnisse und Wünsche ständig zu kurz kommen, das funktioniert oft nicht mehr.“ – Andreas Arnold, Psychotherapeut

Üblicherweise sei der häufigste Grund für Scheidungen, dass sich Partner unterschiedlich entwickeln, so Arnold. „Man lebt nebeneinander her wie in einer WG, wie eine Art Gentlemen‘s Agreement.“ Das könne funktionieren, aber es schaffe auch Unglück, weil man gewisse Erwartungen nicht ganz auf null Schrauben könne.

In Bayern weniger Scheidungen, bundesweit nehmen sie zu

Allgemein ist die Zahl der Scheidungen im Freistaat seit 2011 rückläufig. Im vergangenen Jahr beendeten laut Landesamt für Statistik 22.317 Paare ihre Ehe. Bundesweit sieht es anders aus: Hier lassen sich tendenziell mehr Leute scheiden. So endeten im vergangenen Jahr 149.000 Ehen durch einen richterlichen Beschluss, knapp 1.000 mehr als im Vorjahr. Im Schnitt waren die scheidungswilligen Paare 14 Jahre verheiratet, in etwa der Hälfte der Fälle lebten noch nicht erwachsene Kinder im Haushalt.

Dass der Gang zum Scheidungsanwalt manchmal jahrelange Überwindung kostet, erleben Paartherapeuten häufig. Auch aktuell komme es vor, dass Paare seit der Lockerung der Corona-Auflagen von ihrem Vorhaben abrückten, berichtet beispielsweise Coaching-Expertin Sandra Schubert: „Seit sie sich wieder aus dem Weg gehen können, ist es nicht mehr ganz so dringend.“ Dass Corona die Scheidungsbereitschaft erhöhen werde, glaubt Paartherapeutin Lisa Camen daher nur bedingt.

„Der Entschluss zu einer Scheidung ist das Ende eines langen Weges des Zweifelns, des Streitens, des Wiederversuchens, des Versöhnens, der Enttäuschungen, des Festhaltens am Eheversprechen sowie an den eigenen Werten und schließlich dem Loslassen.“ – Lisa Camen, Paartherapeutin aus München

Hilfesuchende können sich an diese Beratungsstellen wenden

Evangelisches Beratungszentrum München

Paarberatung der Caritas

pro familia München und pro familia Bayern

Diakonie Bayern

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!