BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Civil: Plattform für unabhängigen Journalismus in den USA | BR24

© pa/dpa/Photoshot

US-Zeitungen

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Civil: Plattform für unabhängigen Journalismus in den USA

Unabhängiger Journalismus jenseits von New York Times und Washington Post hat es schwer in den USA. Ein ambitioniertes Projekt will gegensteuern: Civil, eine Plattform auf Blockchain-Technologie, bei der auch die User mitreden können.

Per Mail sharen
Teilen

Eine dezentrale Plattform für nachhaltigen Journalismus – das ist die Idee hinter Civil. Und die ist dringend notwendig, denn Journalisten stehen in den USA derzeit doppelt unter Druck: Zum einen politisch, durch den Krieg gegen die Medien von Präsident Trump. Und zum anderen ökonomisch: Immer mehr Regionalzeitungen müssen schließen, da die meisten Werbeeinnahmen inzwischen bei Facebook und Google landen.

"Wir wollen ein besseres soziales Netzwerk sein, unsere Inhalte sind ausschließlich unabhängiger Journalismus, es geht um den Diskurs der Zivilgesellschaft und das in Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit." Matthew Iles, CEO der Civil Media-Company

Schon seit Monaten wird auf Civil publiziert, ganze Redaktionen, einzelne AutorInnen oder Blogger können hier ihre Inhalte verbreiten. So ist zum Beispiel die "Colorado Sun" dabei, eine Online-Zeitung, die gegründet wurde, nachdem viele RedakteurInnen der "Denver Post" entlassen worden waren. Oder "Documented", ein Non-Profit Nachrichtenportal aus New York, das sich mit ImmigrantInnen und ihren Problemen beschäftigt. Auch die Nachrichtenagentur AP ist ein Partner. Hunderte solcher Newsrooms wünschen sich die Gründer in den kommenden Jahren.

Am Start: Zahlende Mitglieder gesucht

Civil versteht sich selbst als Netzwerk für unabhängigen, ethischen Journalismus, das den Machern und Nutzern gehört. Seit dieser Woche können User Civil-Token kaufen – das ist, so wie Bitcoins, eine Art virtuelle Onlinewährung. Damit soll eine Art digitale Genossenschaft begründet werden. Im Herbst war der erste Anlauf gescheitert, das System ist kompliziert.

Eigentümer solcher Token dürfen mitreden bei Civil, auf Basis einer eigenen Verfassung: Wer als Redaktionsteam auf der Plattform veröffentlicht, muss einen Ethikkodex unterzeichnen. Und die Genossenschaft muss entscheiden, welche Teams bei Civil publizieren dürfen oder wer bei Missbrauch ausgeschlossen werden soll. Die Idee ist ambitioniert.

Soziales Gegenmodell zu Facebook

Civil will auch ein Gegenmodell zu Facebook & Co. sein: Dort liegen alle Daten auf den Servern der Konzerne, Rechte, Zugriff, Auswertung inklusive. Hier werden die Daten dank Blockchain-Technologie dezentral organisiert und gespeichert. Der eine Vorteil: Das macht es unmöglich, Inhalte zu löschen, unbefugt zu verändern, zu fälschen. Dass das wichtig ist, zeigt, was in Chicago mit einem populären Lokalmedium passiert ist: Die Redaktion wurde auf die Straße gesetzt, ihre gespeicherten Artikel gelöscht.

"Wir haben es erlebt, dass ein Millionär aus einer Redaktion einfach sein Geld abgezogen hat, und das Archiv im Internet war weg! Wirklich alarmierend für jeden Journalisten, dass so etwas möglich ist. Bei Blockchain sind die Inhalte theoretisch auf zehn- oder hunderttausend Computern weltweit abgelegt, das heißt, wenn man einen Computer oder Server dichtmacht, existiert alles noch anderswo." Daniel Sieberg, Journalist und Co-Founder von Civil

Alternative Finanzierungsmodelle

Der zweite Vorteil der Blockchain für Civil: Journalisten können ihre Arbeit damit einfacher finanzieren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: Sie können pro Artikel kassieren oder ein Modell auflegen, bei dem man Mitglied werden muss. Sie können sich bestimmte Angebote längerfristig finanzieren lassen oder Spenden annehmen. Civil will ihnen so viele Optionen bieten wie möglich, erläutert Mitbegründer Daniel Sieberg, der vom Google News Lab kam und das Unternehmen inzwischen wieder verlassen hat.

Die Einnahmen gehen übrigens in erster Linie an die AutorInnen, die JournalistInnen, nur ein kleiner Teil ans Management, betont CEO Matthew Iles: "Kann man uns trauen? Naja, wenn wir es nicht hinkriegen und Mist bauen, dann können uns die Tokeninhaber ja abwählen. Das ist das Einzigartige."

Fünf Millionen Dollar Anschubfinanzierung hat das Start-Up aus Brooklyn mit gut 20 Mitarbeitern erhalten, von Consensys, einem Blockchain-Entwicklungslab, das Ethereum angestoßen hat, die zweiten großen Kryptowährung neben Bitcoin. Jetzt haben die KundInnen das Wort.

© BR

Journalismus in den USA ist doppelt unter Druck: Politisch durch Präsident Trump und durch die Schließung von immer mehr Zeitungen. Die Plattform Civil will Redaktionen eine neue, unabhängige Heimat bieten. Daniel Sieberg hat das Startup vorgestellt.