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Achim Wendler.
© BR / Jens Müller

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Achim Wendler
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Achim Wendler.

Ein Kommentar von Achim Wendler.

Kundgebungen wie in Chemnitz dürften keinen Platz in Deutschland haben, sagt Angela Merkel. Wir dürften die Demokratie nicht aus der Hand geben, sagt Frank-Walter Steinmeier. Der Staat dürfe nicht wackeln, sagt der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Holger Stahlknecht. Wir dürften Selbstjustiz nicht zulassen, sagt der sächsische Minister Martin Dulig.

Wir dürfen dies nicht und das nicht, sagen andere Palmströms.

In Chemnitz ist geschehen, was nicht sein darf

Tatsache ist aber: In Chemnitz ist geschehen, was nicht sein darf. Deshalb muten all diese Äußerungen hilflos an. Dafür gibt es einen Begriff: den moralistischen Trugschluss. Etwas ist moralisch unerwünscht und wird deshalb für unmöglich erklärt. Selbsttäuschung also. Sie ist ziemlich verbreitet in der Politik.

Zum Beispiel täuschen sich Wahlkämpfer mit schlechten Umfragewerten eisern selbst, was sie davor bewahrt, zu resignieren. Das endet traurig für den Wahlkämpfer, ist aber fürs Land nicht weiter dramatisch. Auf die Ereignisse von Chemnitz mit Selbsttäuschung zu reagieren, kann dagegen sehr dramatische Folgen haben. Denn die Selbsttäuschung ist ja nur ein Ersatz für etwas Schlimmeres: Ratlosigkeit.

Der Politik fällt nichts Besseres ein, als festzustellen, dass das Geschehene doch eigentlich nicht sein dürfte, die Hetzjagden, die Nazi-Symbolik, das Veröffentlichen eines Haftbefehls. Und diese Ratlosigkeit wird lediglich kaschiert durch ein kleineres Übel, nämlich das Beschwören offenbar erschütterter Gewissheiten. Wenn Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit, sollten die Politiker langsam den ersten Schritt machen.