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Chefarzt: Bis zu zwei Drittel aller Covid-19-Toten in Heimen | BR24

© dpa-Bildfunk/Sebastian Kahnert

Wichtige Corona-Empfehlungen für Pflegeheime

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    Chefarzt: Bis zu zwei Drittel aller Covid-19-Toten in Heimen

    Schätzungen zufolge haben ein bis zwei Drittel aller an Covid-19 Verstorbenen zuletzt in Heimen gewohnt. Professor Markus Gosch, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Klinikum Nürnberg, über die Bedeutung des Immunsystems und Therapien für Senioren.

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    Von
    • Ulrike Nikola

    Warum sind Therapie-Empfehlungen für Pflegeheime wichtig?

    Prof. Markus Gosch: "Es besteht ein enormer Bedarf an medizinischen Management-Empfehlungen von COVID-19 für Langzeitpflegeeinrichtungen. Denn Bewohner von Pflegeheimen werden als größte Risikogruppe angesehen. Schätzungen aus verschiedenen Staaten legen nahe, dass ein bis zwei Drittel aller an COVID-19 Verstorbenen zuletzt in einem Heim gewohnt haben."

    Was sind erste, wichtige Therapieschritte?

    Prof. Markus Gosch: "Die Gabe eines Gerinnungshemmers wie beispielsweise Heparin und die Gabe von Sauerstoff sind erste wichtige Maßnahmen, mit denen wir die Sterblichkeit reduzieren können. Das Ziel ist eine Sauerstoffsättigung von mehr als 90 Prozent. Der Einsatz von ASS ist eine weitere Option in der Reduktion von COVID-19 Komplikationen, insbesondere bei Bewohnern mit einem hohen kardiovaskulären Risiko. Auch eine Cortison-Behandlung bei einem schweren Krankheitsverlauf ist im Pflegeheim möglich."

    Was empfehlen Sie zur Stärkung des Immunsystems bei älteren Menschen?

    Prof. Markus Gosch: "Auch im Alter ist eine gute Vitaminversorgung wichtig. Die Empfehlungen richten sich daher vor allem auf das Vitamin D. Die Überlegung pro Vitamin D3 basiert auf den immunmodulatorischen Effekten, welche möglicherweise vor einen COVID-19 Infektion schützen bzw. einen positiven Einfluss auf die Schwere der Erkrankung haben könnten. Außerdem schützt ausreichend Zink vor Entzündungsreaktionen im Körper. Der mit der Alter häufig assoziierte Zinkmangel könnte ein möglicher Mechanismus sein, der die vermehrte Inflammation im Alter erklären könnte. Man sollte die Heimbewohner darüber hinaus zu körperlichen Übungen motivieren, wenn es ihr Gesundheitszustand zulässt. Es ist wichtig, dass die Menschen mobil bleiben und beispielsweise kleine Übungen im Zimmer machen."

    Wie gut ist die medizinische Versorgung in Pflegeheimen?

    Prof. Markus Gosch: "Die medizinische Versorgung von Menschen in Langzeitpflegeeinrichtungen ist in Deutschland sehr heterogen. In anderen Ländern wie beispielsweise den Niederlanden und Großbritannien gibt es das Modell des Heimarztes, der ausschließlich Pflegeheim-Patienten versorgt. Für die Zukunft müssen wir uns auch für Deutschland neue Konzepte überlegen, so dass ein Arzt verantwortlich ist für die medizinische Versorgung in einem Pflegeheim. Er sollte auch in die Entscheidungsabläufe eingreifen können."

    Wieviel medizinische Versorgung kann in Pflegeheimen geleistet werden?

    Prof. Markus Gosch: "Wir müssen aufpassen, dass das Pflegeheim kein Krankenhaus zweiter Klasse wird. Das heißt: wir müssen genau unterscheiden zwischen den Menschen, die eine intensivmedizinische Versorgung wünschen und daher mit entsprechender Indikation nach wie vor in ein Krankenhaus gebracht werden. Die anderen Pflegeheimbewohner, die sagen, dass sie am Ende ihres Lebens stehen und keine intensivmedizinische Versorgung und keine Verlegung in ein Krankenhaus wollen, die sollen bestmöglich im Pflegeheim versorgt werden. Da haben wir viele Möglichkeiten, dies zu tun. Die Erfahrung zeigt, dass viele ältere Menschen am Lebensende im Pflegeheim bleiben möchten. Dies sollte mit den Angehörigen, Betreuern und dem Pflegepersonal abgestimmt werden."

    Wann werden Sie den Fachartikel veröffentlich?

    Prof. Markus Gosch: "Beim Wissenstransfer über COVID19 drängt die Zeit sehr, und so ist es auch bei unserer Empfehlung, die wir noch im Dezember veröffentlichen möchten. Doch jede wissenschaftliche Arbeit muss von Gutachtern bewertet und einem Prozess unterzogen werden, bei dem Kommentare hinzukommen. Wir versuchen, dass wir den Fachartikel so schnell wie möglich zugänglich machen können. Es soll ein erster Schritt sein, damit Pflegekräfte und betreuende Hausärzte in Heimen über wirksame Maßnahmen informiert werden. Die Empfehlungen bauen auf der aktuell zur Verfügung stehenden Literatur sowie der klinischen Expertise aus der Sichtweise der Geriatrie auf."

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