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CDU-Parteitag: Was hinter den Kulissen geschah
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Stephan Mayer
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CDU-Parteitag: Was hinter den Kulissen geschah

Draußen an der frischen Luft treffe ich den Marburger Unternehmer Andreas Ritzenhoff. Eine Stunde, nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen CDU-Chefin gekrönt wurde, und während von den Delegierten gefeiert wird, dass die CDU mit drei Top-Kandidaten pure Demokratie vorgeführt habe.

Ritzenhoff sieht das anders. Er wäre der vierte Kandidat gewesen. Aber er hat in der CDU nicht die notwendigen Unterstützer gefunden. Er ist frustriert, weil er nicht zum Zuge gekommen ist und spricht der CDU demokratisches Verhalten bei der Kandidatenkür ab.

Stattdessen stellt er fest: die CDU sei ein geschlossener Zirkel. In der Tasche hat er seine 20 minütige Bewerbungsrede. Sie wäre ein Plädoyer für eine umfassende Europa-Reform gewesen und eine klare Kante zu diesem Thema im Interesse der Partei. Europa, sagt der vierte Kandidat, befinde sich direkt am Abgrund. Und er ist skeptisch, ob mit dem frisch gewählten CDU-Personal eine Umkehr gelingt.

Die "neue Mutti"

Annegret Kramp-Karrenbauer pflegt einen ganz neuen Stil, erzählt mir einer von der Jungen Union. Ausgiebig getanzt habe sie mit ihrem Mann auf dem Delegiertenabend und eine Stunde lang jeder und jedem die Hand geschüttelt, wo es sich angeboten hat. Ohne Rücksicht auf Rang und Funktion in der Partei. Das sei mit Angela Merkel unmöglich gewesen, sagt da einer, der zu jung ist, um Merkel schon erlebt zu haben, als sie im Jahre 2000 CDU-Chefin wurde.

Aber aus der Schilderung ist zu erkennen, dass die neue Chefin weniger Berührungsängste gegenüber Menschen hat als ihre Vorgängerin. Beeindruckt sind die jungen Leute auch davon, dass Kramp-Karrenbauer und ihr Mann ganz ungeniert in einer WG übernachtet haben. Helmut Karrenbauer habe für alle Rührei gemacht und die CDU-Chefin "Mitübernachtenden" Kaffee ans Sofa gebracht. Das finden Nachwuchspolitiker stark und beeindruckend.

Sollen wir überhaupt in der CDU bleiben?

Die Niederlage von Friedrich Merz scheint mehr Frust hervorgebracht zu haben, als es nach außen sichtbar wurde. Maximaler Satz in die Fernsehkameras: Es brodelt weiter in der CDU. In der persönlichen WhatsApp-Gruppe eines Abgeordneten aus Baden-Württemberg liest sich das anders: "Sollen wir jetzt überhaupt noch weitermachen?" oder auch: "Hat doch alles keinen Sinn mehr". Vermutlich sind Hunderte solcher Kurznachrichten ausgetauscht worden.

Klar ist, dass alle, die auf einen wirtschaftsliberalen Kurs gesetzt hatten, tief enttäuscht sind. Im Landesverband Hamburg, erzählt mir ein Delegierter am Rande, ziehen jetzt bereits Sponsoren ihre Zusagen für die Wahlkampfhilfe für den Kommunalwahlkampf zurück. Aber es sind bereits Aufträge vergeben. Jetzt könnte es zu ernsthaften finanziellen Problemen kommen, sagt mir der junge Mann.

Die Notbremse, damit AKK gewinnt

Ein Sieg für AKK war mehr als wackelig. Also werben bis zum Schluss und mit allen Mitteln kämpfen. Dazu gehört auch, erfahre ich aus zuverlässiger Quelle, dass JU-Chef Paul Ziemiak der Posten als neuer Generalsekretär erst in der Nacht vor der Wahl versprochen worden sei. Er hatte abgelehnt mit der Begründung, er sei eher für die Kandidaten aus Nordrhein-Westfalen. Aber das Angebot brachte dann trotzdem viele Stimmen der JU für AKK.

Und keine Frage, nachdem der Wahlausgang äußerst knapp gewesen ist, es dürften die entscheidenen Stimmen gewesen sein. Einen Tag später, nach der Wahl von AKK, sagte Paul Ziemiak am Rande des Delegiertenabends dann doch noch zu. Jetzt ist er der neue CDU-Generalsekretär.

Pappdeckel im Digitalzeitalter

Es ist eher eine Schmonzette: Die an jedem Delegiertenplatz aufgestellten Pappwände wirkten nicht unbedingt wie der Aufbruch in das neue Digitalzeitalter. Die drei Wände aus Karton sollten eine geheime Wahl ermöglichen - auf bunten Zettelchen. Es hat funktioniert, aber es erinnerte doch sehr an die Lösung "Pickerl" auf die Windschutzscheibe statt elektronische Wegerfassung. Abgesehen davon gab es hohe Tribünen in der Messehalle und einen Fernsehkran. Wirklich geheim war die Wahl deshalb "von oben" betrachtet ohnehin nicht.

BR-Chefreporter Stephan Mayer auf CDU-Parteitag in Hamburg

BR-Chefreporter Stephan Mayer auf CDU-Parteitag in Hamburg