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Bundeswehr in Mali: "Noch schlimmer, wenn wir nicht hier wären" | BR24

© Ludger Smolka

Bundeswehrsoldaten in Mali

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    Bundeswehr in Mali: "Noch schlimmer, wenn wir nicht hier wären"

    Erst am Pfingstmontag wurden in Mali fast 100 Menschen bei einem Blutbad getötet. Innerethnische Konflikte und eine zunehmende Islamisierung destabilisieren den afrikanischen Staat. Auch deshalb beteiligt sich die Bundeswehr mit 900 Soldaten im Land.

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    Es sind 47 Grad, die Sonne brennt. Die rote Erde scheint zu glühen. Und doch muss Markus H. hochkonzentriert sein. Der 26-jährige Feldwebel aus Rosenheim sichert hier in Mali seine Kameraden.

    42 Männer und Frauen sind auf einer Fußpatrouille durch die Provinz Gao unterwegs. Dabei suchen sie Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Unter einer Akazie trifft der Trupp zwei Viehhirten, mit Turban und den traditionellen Umhängen bekleidet. Baba, der malische Sprachmittler, nimmt für die Soldaten das Gespräch auf.

    "Der Sinn dieser Gesprächsaufklärung ist zum einen, dass wir mit den Leuten reden. Über die Lage, wie geht's ihnen, an was fehlt es den Leuten. Und ganz gezielt, was fällt den Leuten auf", erklärt Markus H. Er ist seit April bei der Minusma-Mission im Einsatz.

    Zehn verschiedene Ethnien in Mali

    Für diese UNO-Friedensmission sind rund 750 Bundeswehrsoldaten in Gao. Sie sollen helfen, das Land zu stabilisieren, vor der drohenden Radikalisierung zu bewahren. Zehn verschiedene Ethnien leben hier. Zwischen ihnen flammen immer wieder Konflikte auf - um Vieh, um Ländereien. Und: Islamistische Gruppierungen, die unter anderem mit der radikalislamischen Al-Kaida sympathisieren, gewinnen mehr und mehr an Einfluss.

    Nun zieht also die Fußpatrouille durch Gao. Die Soldaten hoffen, dass die Menschen hier Vertrauen zu ihnen haben und ihnen berichten, ob, was und wer sich in ihren Straßen bewegt. Ob Kriminelle unterwegs sind, plündern und rauben. Und ob es verdächtige Gruppen gibt, die sich organisieren.

    Bundeswehr-Camp vor Angriffen schützen

    Auch die Camps, in denen die Uno-Truppen stationiert sind, werden immer wieder angegriffen. Zum Teil mit Mörserraketen. Das Camp Castor in Gao, in dem 750 Deutsche während ihrer Einsatzzeit leben, grenzt direkt an den Flughafen. Hauptmann Sandra M. ist stellvertretende Kompaniechefin bei den Gebirgsjägern in Bischofswiesen. Sie erklärt den Sinn, mit schwerem Gerät wie Dingos oder Fuchs durch die Straßen zu fahren und dann abzusitzen, um mit den Maliern zu reden:

    "Wir sind vor allem in den Morgen- und Abendstunden unterwegs. Um dann den möglichen Angreifern die Chance zu nehmen, sich Flugzeugen zu nähern, in denen deutsche Soldaten sitzen, die hier ankommen oder abfliegen." Sandra M., Hauptmann

    Es geht durch zentimeterhohen Sand. Die Straßen sind eigentlich nur bucklige Pisten, oft führt der Weg der Fußpatrouille über ganze Hügel von Müll. Es gibt kaum Strom oder fließend Wasser. Schnell ist es dunkle Nacht in Gao, nur die Kopflichter spenden den Soldaten Sicht.

    Es ist immer noch heiß, die Splitterschutzwesten wiegen rund 15 Kilo. Der Weg ist beschwerlich. Angst habe Markus H. nicht mehr, sagt er. Er habe sich an die latente Gefahr gewöhnt. Natürlich sorge sich seine Familie. Aber er versuche, ihnen zu erklären, dass es wichtig sei, was er macht.

    "Insgesamt denke ich schon, dass es sinnvoll ist, dass wir hier sind. Zum einen, wenn wir hier nicht hier wären, wäre es noch schlimmer" und zum anderen versuchten die Soldaten den Leuten zu helfen. Natürlich nur "im Rahmen der UNO-Mission", die Möglichkeiten gebe, aber auch Grenzen setze.

    Mali: Eine Uno-Mission mit Grenzen

    Vor allem die Grenzen sind es, die Beobachter kritisieren. Bernd Schwenk ist Landesdirektor der Welthungerhilfe in Mali und moniert, dass die Minusma-Truppen "zwar präsent im Land sind, aber sie sind in einem Camp präsent, in einer Kaserne und haben ein Mandat, was in erster Linie besagt, dass sie überwachen und untersuchen, was in einem Gebiet vor sich geht." Sie dürften nicht eingreifen. "Das hilft der Bevölkerung so erst mal nicht", sagt Schwenk.

    In Mali sind mehr als die Hälfte der Menschen Analphabeten. Es fehlt also an Bildung, es fehlt an Jobs. Da ist Sicherheit dennoch das höchste Gut. Das räumt auch Schwenk ein. Denn nirgends finden islamisitsche Gruppen besser Nachwuchs, als dort, wo in keinen Dörfern und Regionen Männer ohne Perspektive leben. Sich zu radikalisieren, ist da nur ein kleiner Schritt, wenn es darum geht, sich oder die Familie zu ernähren.

    Malische Soldaten stärken

    Neunhundert Kilometer von Gao entfernt, in Koulikoro ist der zweite Bundeswehr-Standort in Mali. Bei der europäischen Mission EUTM bilden Soldaten ihre Kameraden aus Mali aus. Auch hier sind 150 Deutsche im Einsatz. Ausbilder vermitteln den Einheimischen, eine Waffe zu bedienen, Karten zu lesen oder militärische Strategien zu verstehen.

    Andreas B. vom Panzerpionierbataillon in Bogen ist Oberstabsarzt. Der 29-jährige sorgt für die medizinische Betreuung. Seinen Einsatz sieht er durchaus skeptisch.

    "Es ist ein Ansatz, den man so verfolgen kann, dass man die Malier hier ausbildet, dass sie ihr Land selber in den Griff kriegen. Aber groß aktiv sind wir hier nicht, wenn wir ehrlich sind. Die Malier müssen hier ihre Gefechte selber führen. Für das sind wir hier nicht da." Oberstabsarzt Andreas B.

    Aber die Malis seien froh, dass sie da seien, das erfahre er immer wieder im Gespräch, fügt der Bayer hinzu. Doch Zweifel daran, dass die Missionen reichen, bleiben. Auch der deutsche Chef der EUTM-Mission, Brigadegeneral Peter Mirow, räumt ein gemischtes Fazit ein. Er gibt nach sieben Monaten die Führung an die Österreicher ab.

    "Ich sehe, dass die Zusammenarbeit von Soldatinnen und Soldaten und Zivilisten aus 28 Nationen tatsächlich sehr reibungsarm funktioniert. Auf der anderen Seite habe ich in den letzten Monaten eine signifikante Verschlechterung der Sicherheitslage in Mali beobachten müssen." Brigadegeneral Peter Mirow

    Vor allem im Zentrum des Landes. Dort, wo eben kaum Militärs und Sicherheitskräfte präsent sind. Die Uno denkt jetzt über eine Ausweitung auf diese Gebiete nach.

    Zur Belohnung ein alkoholfreies Bier

    Zurück nach Gao. Hier ist es heute ruhig geblieben. Nach neun Stunden Fußmarsch und Observierung sitzen die 42 Männer und Frauen wieder auf. Es ist schon nach Mitternacht, als sie im Camp ankommen. Heute war ein guter Tag: Mehrere Malier haben mit ihnen gesprochen, vielleicht auch verwertbare Informationen weitergegeben. Die Patrouille ist für heute beendet.

    Schon ein paar Stunden später ziehen andere Soldaten erneut los. Jetzt heißt es zusammenpacken, Waffen entleeren. Zur Ruhe kommen. Sonst spielt Markus H. am Abend gerne noch eine Runde Tischtennis, aber dafür ist er heute zu müde. Nach einem solchen Ausflug bei Temperaturen bis zu 50 Grad sei er froh, "ins Bett zu kommen".

    "Vorher mache ich mir noch ein kühles Bier auf." Natürlich ein alkoholfreies, denn im Camp Castor ist Alkohol für alle Soldaten verboten.