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Bundeswehr in Afghanistan: Abzug bis Ende April? | BR24

© dpa/picture-alliance/Michael Kappeler

Bis zum 30. April könnten Deutschland und die Nato ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen.

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    Bundeswehr in Afghanistan: Abzug bis Ende April?

    Verlässt die Bundeswehr am 30. April Afghanistan? Noch sind die Entscheidungen auf NATO-Ebene nicht gefallen. Doch Recherchen des ARD-Hauptstadtstudios zeigen: Hinter den Kulissen sind die Vorbereitungen bereits angelaufen.

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    Der Tag der Entscheidung naht. Ein Abkommen zwischen den USA und den Taliban sieht einen "kompletten Abzug" aller ausländischen Truppen aus Afghanistan bis Ende April kommenden Jahres vor, vorausgesetzt, die radikalen Islamisten halten sich an ihren Teil der Abmachung.

    Der NATO bleibt nicht viel Zeit, diesen Abzug offiziell zu beschließen. Denn nichts wäre aus Sicht der internationalen Truppen schlimmer als der Eindruck, die Mega-Rückholaktion von Soldaten und Material würde ungeordnet, Hals über Kopf, gar fluchtartig geschehen. Im November, allerspätestens im Dezember müsste die Entscheidung fallen.

    Logistik-Experten am Hindukusch

    Normalerweise dauert eine Aktion dieser Größenordnung ein halbes Jahr. Doch man könne das auch in vier bis fünf Monaten schaffen, heißt es in Sicherheitskreisen. Rechnet man von Ende April zurück, landet man also im Dezember. Doch bei der Bundeswehr überlässt man ungerne etwas dem Zufall.

    Die Abzugsvorbereitungen sind längst angelaufen. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios befinden sich bereits bis zu 100 Logistik-Experten der Bundeswehr am Hindukusch. Sie tun das, was sie am besten können und im Militär-Jargon "aggressive housekeeping" genannt wird. Was sich etwa mit "offensives Ausmisten" übersetzen ließe.

    "Wir bringen derzeit eine Rückverlege- und Verwertungsorganisation nach Afghanistan", bestätigt ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam auf Nachfrage. "Das sind insgesamt 150 Soldatinnen und Soldaten. Die Verlegung soll bis November abgeschlossen sein."

    Von der Zeltplane bis zum gepanzerten Fahrzeug

    Ihre Aufgabe: Sämtliches Material, das die Deutschen in den vergangenen mehr als 18 Jahren nach Afghanistan transportierten, von der Zeltplane bis zum gepanzerten Fahrzeug, wird genau unter die Lupe genommen. Verschrotten, verschenken oder verschiffen, so lauten letztlich die Optionen.

    Alles wird darauf geprüft, ob es reif für die Mülltonne ist, ob man es an die Afghanen verschenkt, ob man es aus Sicherheitsgründen vernichtet oder eben nach Hause zurückbringt. Der SPD-Verteidigungspolitiker Thomas Hitschler meint, das Ministerium scheue sich noch, konkret zu benennen, was bereits im Gange ist: "Meine Erwartung ist, dass die nicht nur in die Puschen kommen, sondern uns und der Öffentlichkeit erklären, was dort gerade passiert", fordert Hitschler. "Damit wir nicht im Frühjahr eine Überraschung erleben."

    Erfahrungen mit Rückverlegungen

    Derzeit sind noch etwa 1.200 Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan. Mit Rückverlegungen haben die Deutschen schon jede Menge Erfahrung: Als die Bundeswehr 2013 die Kampftruppen aus Kundus abzog, man die Lager in Kundus und Faisabad dicht machte, und auch mit dem Ende der ISAF-Mission 2014 wurde bereits jede Menge Material zurückgeholt.

    Der übliche Weg für das besonders schwere Gerät: Mit den gigantischen Antonov-Transportmaschinen ging es in die Türkei, von dort dann per Schiff weiter nach Deutschland. Auch diesmal hat man sich für den Fall der Fälle bereits die Transportflieger vertraglich gesichert. Der Vorteil: Schweres Gerät wie der Schützenpanzer "Marder" oder die "Panzerhaubitze 2000", die man einst nach Nordafghanistan geschafft hatte, sind bereits zurück in Deutschland.

    Entscheidung muss bald her

    Eins aber ist klar: Lautet das Enddatum des Bundeswehr-Engagements tatsächlich 30. April, muss bald eine Entscheidung her. "Sollte eine Entscheidung bei der NATO-Außenministertagung im Dezember fallen, sind wir darauf vorbereitet, die Rückverlegung durchzuführen", heißt es aus dem Einsatzführungskommando. Doch noch stellt man sich bei der Truppe auf alle möglichen Szenarien ein, auch darauf, dass es zur derzeit laufenden Trainingsmission "Resolute Support" eine Nachfolgemission geben könnte.

    Die Bundeswehr ist aber nicht nur von NATO-Entscheidungen, sondern auch von den USA abhängig: Wenn die nämlich bestimmte Fähigkeiten, wie medizinische Versorgung oder Luftunterstützung, nicht mehr zur Verfügung stellen, wäre auch der deutsche Einsatz kaum mehr durchführbar. "Gemeinsam rein, gemeinsam raus. Das ist das, was galt und was auch künftig gelten muss", sagt der SPD-Politiker Hitschler.

    Derzeit laufen in Doha, Katar, Friedensgespräche zwischen Vertretern der afghanischen Regierung und den Taliban. Niemand erwartet eine schnelle Einigung. Zu heikel sind die Schlüsselfragen: Wie könnten die Extremisten an einer künftigen Regierung beteiligt werden? Wie können Errungenschaften wie Frauenrechte und eine republikanische Staatsform gewahrt werden, wo doch die Taliban auf der Errichtung eines islamistischen "Emirats" bestehen?

    Fest steht nur eins: Dass der afghanische Staat ohne westliche Hilfe nicht überlebensfähig ist. Ohne finanzielle Unterstützung aus dem Ausland auch in den kommenden Jahren für Wirtschaft, Armee und Polizei würde über kurz oder lang die ohnehin fragile Ordnung wieder zusammenbrechen. Doch wer garantiert nach dem Truppenabzug, dass die Gelder auch in die richtigen Kanäle fließen?

    Szenarien für Nachfolgemissionen

    Daher werden derzeit in den Köpfen von Politikern wie Militärs alle möglichen Szenarien für Nachfolgemissionen durchgespielt. Eins ist ohnehin klar: Selbst wenn der letzte Bundeswehrsoldat Afghanistan verlassen haben wird, dürften Entwicklungshelfer und Diplomaten weiter vor Ort bleiben.

    Von dem Ausgang der Verhandlungen in Doha hängt ab, unter welchen Bedingungen das geschieht und welchen Sicherheitsrisiken sie ausgesetzt sein werden. Eins will man in jedem Fall vermeiden: Dass Afghanistan wieder in Chaos und heillosem Bürgerkrieg versinkt. Dann nämlich würde der Eindruck entstehen, dass mehr als 18 Jahre des Einsatzes der Bundeswehr und der internationalen Truppen vergeblich gewesen wären. Ob sich das verhindern lässt, dafür sind die nächsten Monate entscheidend.

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