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Aus für Homosexuellentherapien?
© pa/dpa/Michael Hartmann
© pa/dpa/Michael Hartmann

Aus für Homosexuellentherapien?

Heute läuft Mike mit seinem Partner Henning Hand in Hand durch den Stadtpark in Bad Homburg. Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Hinter dem 40-Jährigen liegt ein langer Leidensweg.

Als Jugendlicher erkennt Mike, dass er schwul ist. Die Jahre danach stürzen ihn in eine tiefe Krise. "Ich habe Gott um Verzeihung gebeten, dass ich homosexuell bin. Es tut mir Leid, dass ich solche Gefühle habe und so lebe", beschreibt er heute seine Gedanken von damals.

Mike wird in einer evangelikalen Gemeinde groß, wo Homosexualität als Sünde gilt. Er ist davon überzeugt, dass er sich "heilen lassen muss", weil er über Jahre gelernt hat, der christliche Glaube verlange von ihm Gehorsam.

"Wenn du dein Leben nicht änderst, bist du tot"

Um seine Homosexualität abzulegen, sucht er sich innerhalb der Gemeinde Hilfe und findet sie in einem fundamental-christlichen Therapeuten. Dieser rät ihm zu einer sogenannten Konversionstherapie, um sein Schwulsein "wegtherapieren" zu lassen. Mike lässt sich freiwillig auf die geheime Gesprächsbehandlung ein. "Sie haben mich gefragt, ob ich bereit bin, alte homosexuelle Freundschaften auf Eis zu legen, damit das überhaupt auch funktionieren kann." Voller Motivation habe er damals, vor fast 20 Jahren, Ja gesagt.

Er setzt all seine Hoffnung in die fragwürdige Behandlung. In Gruppengesprächen werden die Beziehungen zu seinen Eltern überprüft. Die Theorie dahinter: Homosexualität sei eine Art Krankheit oder eine psychische Störung, die behandelbar sei.

Anfangs fühlt sich Mike gut aufgehoben, doch dann spürt er einen immer stärken inneren Druck. Um seine Homosexualität einzudämmen, lebt er allein und fühlt sich zunehmend einsam. Die "Therapie" bringt ihn an den Rand eines Selbstmordes. Seine Gedanken kreisen immer mehr um einen Satz: "Wenn du dein Leben nicht änderst, bist du tot, ewig tot."

Länderinitiative für Verbot für Konversionstherapien

Erfahrungen wie Mike machen viele Schwule und Lesben, denn auch heute gibt es noch sogenannte Konversionstherapien. Wenn es nach dem Land Hessen geht, sollen diese Behandlungen zukünftig verboten werden. Zusammen mit den Bundesländern Berlin, Bremen, Saarland und Schleswig-Holstein bringt Hessen daher heute einen Entschließungsantrag in den Bundesrat ein.

Homosexualität sei keine Krankheit und deshalb auch nicht behandlungsbedürftig, so die Begründung der Länder. Damit folgen sie den Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), des Weltärztebundes und des Deutschen Ärztetages.

Zahl der Betroffenen unbekannt

Konversionstherapien werden selten öffentlich beworben. Auch gibt es bislang keine Studien. Daher ist unklar, wie viele Anbieter es in Deutschland gibt und wie viele Personen mit einer Konversionstherapie behandelt werden.

Solche Fragen sollen nach Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn nun in einer Fachkommission beantwortet werden. Auf Bundesebene hatte Spahn Mitte Februar angekündigt, ein gesetzliches Verbot für Konversionstherapien durchzusetzen. Die zukünftige Fachkommission mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft, aber auch mit Betroffenen von Konversionstherapien, soll bis zum Herbst gemeinsame Lösungsvorschläge erarbeiten.

Die Bundestagsfraktion der Grünen hat bereits im Februar einen eigenen Gesetzentwurf mit einem Maßnahmenkatalog eingebracht, in dem sie unter anderem Aufklärungskampagnen fordert und sicherstellen will, dass diese zweifelhaften Behandlungen nicht über die Krankenkasse abgerechnet werden können.

"Ich glaube trotzdem an Gott"

Eine Aufklärungskampagne hätte Mike damals nie erreicht, zu tief steckte er in den fundamental christlichen Strukturen. Zehn Jahre lang versucht er erfolglos, sich umpolen zu lassen. Die psychologischen Folgen und der Leidensdruck sind immens.

Heute hat Mike den Umpolungsversuch hinter sich gelassen und sich von fast allen Freunden aus seiner damaligen Gemeinde getrennt. Er sagt, böse könne er auf seine Gemeinde nicht sein, aber ankreiden könne er ihr, dass "man nicht versucht hat darüber nachzudenken, dass es auch andere Wege gibt".

Mikes langer Leidensweg hat ein Ende. Im Sommer steht die Hochzeit mit Henning an. "Mir konnte nichts Besseres passieren", sagt er. "Und ich glaube trotzdem an Gott."

Autorin: Janine Hilpmann

(Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 12. April 2019 um 06:05 Uhr)