Erdgas-Verdichterstation im bayerischen Waidhaus

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Bundesnetzagentur warnt vor Verdreifachung der Gaspreise

Bundesnetzagentur warnt vor Verdreifachung der Gaspreise

Immer offener wird ausgesprochen, was werden könnte, wenn das Gas knapp wird. Die Bundesetzagentur appelliert an die Verbraucher, sich auf massive Preiserhöhungen vorzubereiten. Und der Lehrerverband warnt vor einer "Zitterpartie" in den Schulen.

Dreimal so hoch – oder noch höher: So schätzt der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, die Gaspreise im kommenden Jahr ein. Nach seinen Worten ist es "absolut realistisch", dass Kunden, die derzeit 1.500 Euro im Jahr fürs Gas bezahlen, künftig mit 4.500 Euro und mehr zur Kasse gebeten werden.

An den Börsen hätten sich die Preise bereits zum Teil versiebenfacht, sagte Müller den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Das komme zwar nicht alles sofort und auch nicht in vollem Umfang bei den Verbrauchern an. Aber irgendwann müsse es eben bezahlt werden.

Vorsorge treffen – finanziell und technisch

Dem Netzagentur-Chef geht es nicht um Panikmache, sondern darum, die Menschen vorzubereiten: "Ich habe zwei Botschaften. Erstens: Erhöht freiwillig euren Abschlag oder legt jeden Monat etwas Geld zurück, etwa auf ein Sonderkonto. Zweitens: Redet mit eurem Vermieter oder einem Handwerker, wenn er noch verfügbar ist. Was kann man tun, um die Heizung zu optimieren?

Laut Müller ist etwa die Hälfte der Gasthermen in Deutschland nicht gut eingestellt. Dabei lasse sich mit kleinem Aufwand "ein großer Spareffekt erzielen".

Patientenschützer kritisieren Habeck

Die Preise sind das eine. Die Frage, ob überhaupt genug Gas bei den Verbrauchern ankommt, das andere. Laut einer EU-Verordnung haben Verbraucher im Fall einer Gasmangellage den Vorrang – etwa vor der Industrie. Das allerdings hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zumindest teilweise in Frage gestellt. Aus seiner Sicht müssen auch die privaten Haushalte in die Pflicht genommen werden. Sonst gebe es im schlimmsten Fall massive Folgen für die Industrie, für die Gesamtwirtschaft und am Ende dann auch für die Verbraucher.

Scharfe Kritik an Habecks Äußerungen kommt von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Deren Vorsitzender Eugen Brysch sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", Habeck verunsichere damit pflegebedürftige und kranke Menschen. Brysch sieht in der Frage der Priorisierung den Bundestag gefordert: "Wer tatsächlich Gas im Winter bekommt, darf nicht ein Bundesminister entscheiden."

Aiwanger: "Verteilungskampf wird bitter"

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) kann Habeck einerseits verstehen. Im BR-Politikmagazin "Kontrovers" betonte er, natürlich könne man niemanden in der Wohnung erfrieren lassen. Aber der Verteilungskampf werde bitter, und am Ende könne man auch die Wirtschaft nicht "mit Vollgas an die Wand fahren".

Andererseits übt Aiwanger scharfe Kritik: Er fordere seinen Amtskollegen im Bund schon seit Monaten auf, endlich ein Konzept auf den Tisch zu legen, um beispielsweise private Haushalte davon zu überzeugen, auf Pelletheizungen oder Strom umzustellen. Wer dazu bereit sei, solle entsprechend entschädigt werden, schlägt Aiwanger vor.

Lehrerverband warnt vor "Zitterpartie" in Schulen

Besorgt zeigen sich der Deutsche Lehrerverband und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Beide pochen darauf, dass die Schulen zu den besonders geschützten Gas-Kunden zählen müssen. Die GEW-Vorsitzende Maike Finnern denkt dabei auch an Corona: Weil es noch kaum Filteranlagen für die Luft in den Klassenzimmern gebe, werde man auch in diesem Winter regelmäßig stoßlüften müssen. Wenn dann gleichzeitig die Heizungen heruntergefahren würden, werde die Schule zur "großen Zitterpartie".

EU-Kommission: "Jeder kann Gas sparen, jetzt"

In Brüssel hat man mittlerweile einen Entwurf für einen Gas-Notfallplan ausgearbeitet. Er sieht unter anderem vor, dass öffentliche Gebäude, Büros und kommerzielle Gebäude ab Herbst bis maximal 19 Grad beheizt werden sollen. Zur Begründung heißt es in dem Text, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt: "Jetzt handeln kann die Auswirkungen einer plötzlichen Versorgungsunterbrechung um ein Drittel reduzieren."

Ziel sei es, Industriebetriebe zu schützen, die für Lieferketten und für die Wettbewerbsfähigkeit besonders wichtig seien. Und auch die EU-Kommission sieht eine Mitverantwortung bei den privaten Haushalten. Sie sollten freiwillig ihren privaten Verbrauch senken: "Jeder kann Gas sparen, jetzt."

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