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In keinem EU-Land sind so wenige Menschen gegen das Coronavirus geimpft wie in Bulgarien.

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    Bulgarien: Europas Schlusslicht beim Impfen

    In keinem EU-Land sind so wenige Menschen gegen das Coronavirus geimpft wie in Bulgarien. Selbst unter Ärztinnen und Ärzten ist die Skepsis groß. Woran liegt das?

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    Von
    • Clemens Verenkotte

    "Ich bin sehr skeptisch gegenüber diesen Impfstoffen. Man hat sie zu schnell produziert", sagt ein Mann in der Innenstadt von Sofia. "Nein, ich habe keine Angst vor dem Coronavirus. Und ich will mich nicht impfen lassen. Ich glaube nicht daran", sagt ein anderer. Und so wie diese beiden Männer in Bulgariens Hauptstadt denkt offenbar der ganz überwiegende Anteil der Bevölkerung: Denn die Impfquote in Bulgarien ist äußerst gering - obgleich seit Monaten alle zugelassenen Impfstoffe frei verfügbar sind.

    Eine Impfquote von 15,5 Prozent

    Etwas mehr als eine Million Menschen in Bulgarien wurden bis Mitte August vollständig geimpft. Das entspricht 15,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dabei gibt es Impfangebote nahezu überall: in Parkanlagen, großen Einkaufszentren, in entlegenen Dörfern, bei Behörden, in Firmen und Schulen. Aber sie werden kaum angenommen.

    Woran das liegt? Angel Kuntschew, Chefaufseher über das bulgarische Gesundheitswesen im Gesundheitsministerium, nennt einen der Gründe: "Diese Entscheidungen, wie zum Beispiel die Impfung, trifft man eher auf emotionaler Basis als infolge rationalen Denkens", sagt er. "Ich kenne kein anderes Land in Europa, das ein so weites Feld für die Äußerungen offener Anti-Impf-Gefühle bietet, auch unter Ärztekollegen."

    Soziale Netzwerke verbreiten Verschwörungen

    Konspirationstheorien finden in den sozialen Netzwerken nicht nur weite Verbreitung. Ihnen wird auch vielfach geglaubt. Bulgarien ist nach einer jüngsten Medienerhebung EU-weit das einzige Land, in dem Jahr für Jahr immer mehr Menschen den Inhalten auf sozialen Netzwerken Glauben schenken - ganz im Gegensatz zu allen anderen EU-Ländern, in denen dieser Trend umgekehrt sei.

    "Es gab eine direkte Verbindung zwischen der Neigung, Desinformationen und Konspirationstheorien über Covid zu bevorzugen und einem geringen Vertrauen in die Regierung", sagt die Medienexpertin Raliza Kowatschewa. "Wir hatten zwei Ärzte-Gremien, die zwei widersprüchliche Aussagen über Covid und Eindämmungsmaßnahmen getroffen haben."

    Viele Ärzte gegen Corona-Impfungen

    Vom Anfang an verbreiteten die Behörden gegensätzliche Botschaften über die Impfstoffe gegen das Coronavirus. Viele Ärzte sprachen sich zudem gegen die Impfung aus. Auch die Aufklärungskampagne der Gesundheitsbehörden war wenig überzeugend. Hinzu kommt: Bulgarien befindet sich seit dem Frühjahr dieses Jahres in einer Art Dauerwahlkampf. Zweimal gingen die Wählerinnen und Wähler bereits zur Stimmabgabe - und zweimal scheiterte eine Regierungsbildung.

    Nun wird es im November die dritten Parlamentswahlen in diesem Jahr geben. Daher, so sagt die Rechtsanwältin Maria Scharkowa, die sich auf Gesundheitsrecht spezialisiert hat, hielten sich Politiker mit klaren Impf-Aussagen zurück. "Eigentlich wird diese Epidemie nicht fachmännisch gehandhabt. Es werden eher politische Entscheidungen getroffen", sagt sie. "Die Politiker wollen gerade angesichts der laufenden Wahlkaskade, in der wir uns gerade befinden, selten ihre Komfortzone verlassen und haben Angst vor unterschiedlichen Reaktionen in der Gesellschaft."

    Kaum geimpfte Lehrerinnen und Lehrer

    Vergleichsweise niedrig ist auch die Impfquote unter Lehrerinnen und Lehrern. Nikolaj Denkow, Bildungsminister der Interimsregierung, blickt daher mit Sorge auf das neue Schuljahr, das Mitte September beginnt. "Relativ wenige Lehrer in Bulgarien haben sich impfen lassen", sagt der Minister, "etwa 30 Prozent". Sie hätten gegensätzliche Botschaften erhalten, auch aus medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen. Das habe sie verwirrt.

    Es sei sehr wichtig, dass sich die verschiedenen Experten darauf konzentrierten, die Lehrer zu überzeugen, dass die Impfstoffe gut für ihre Gesundheit, für die Gesundheit der Kinder und letztendlich entscheidend für den Präsenzunterricht in der Schule seien, sagt Denkow. "Dabei kann die umfangreiche Erfahrung der anderen Länder, einschließlich Deutschland, genutzt werden."

    Eine Impfpflicht für das Schulpersonal einzuführen, würde in Bulgarien aber nicht funktionieren, sagt der Bildungsminister: "Jede Verpflichtung, die den Menschen auferlegt wird, muss eine bestimmte öffentliche Unterstützung haben. In Bulgarien gibt es keine öffentliche Unterstützung für die Impfpflicht. Versuche, die Impfung verpflichtend zu machen, werden einfach scheitern."

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