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Bürgermeisterwahl in Istanbul: Jede Stimme zählt? | BR24

© dpa-Bildfunk/Emrah Gurel

Bürgermeisterwahl in Istanbul.

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Bürgermeisterwahl in Istanbul: Jede Stimme zählt?

Die Wiederholung der Bürgermeisterwahl in Istanbul findet international Aufmerksamkeit. Viele Istanbuler sind extra aus dem Urlaub zurückgekehrt. Aber auch Wahlbeobachter sind aus der ganzen Türkei angereist.

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Punkt 8 Uhr Ortszeit haben in Istanbul die ersten Wahllokale für die Bürgermeisterwahl geöffnet. Die beiden wichtigsten Kandidaten sind Binali Yildirim von Erdogans Regierungspartei AKP und Ekrem Imamoglu von der Republikanischen Volkspartei CHP.

Istanbuler unterbrechen für die Bürgermeisterwahl ihren Urlaub

Der Ortsvorsteher des Stadtteils im Zentrum von Istanbul begrüßt die Wähler am Wahllokal persönlich, schüttelt Hände, auch die eines Mannes in kurzen Hosen. Der zieht einen pinkfarbenen Rollkoffer hinter sich her. Er hat extra seinen Urlaub in London unterbrochen:

"Das hat mich natürlich viel Geld gekostet. Weil sich die Türken, die in London Urlaub machen, alle verantwortlich fühlen und kommen wollen, sind die Flugpreise immens gestiegen."

Seinen Namen will er nicht nennen, er ist Beamter. Allein für den Flug hat er umgerechnet rund 260 Euro bezahlt, erzählt er und zuckt mit den Schultern:

"Die Menschen im Ausland wundern sich sehr darüber, dass wir sowas machen. Wahrscheinlich haben wir hier in der Türkei die höchste Wahlbeteiligung weltweit."

Jetzt bleibt er ein paar Tage in Istanbul. Dann geht’s wieder zurück in den Urlaub nach London.

Wahlbeobachter aus dem ganzen Land nach Istanbul angereist

Ein ähnliches Urlaubsprogramm hat Mukaddes Inal. Die 70-Jährige mit kurzen grauen Haaren und sportlichem Top ist braungebrannt. Eigentlich sollte sie jetzt in Antalya am Strand liegen, hat sich aber gestern Abend in den Bus gesetzt – zwölf Stunden dauert die Fahrt – aber das war ihr egal. Um sechs Uhr heute Morgen kam sie an, und nicht alleine:

Es sind sehr viele gekommen. Wir haben unsere Bustickets für die Hin- und Rückfahrt früh gebucht. Denn für den Flieger haben wir keinen Platz mehr gekriegt. Es gab einfach unglaublich viele, die herkommen wollten. Und es kommen immer noch welche an." Mukaddes Inal

Sie war eine der ersten im Wahllokal. Auch Yasemin Akbeniz ist für die Wahl extra angereist. Die 63-Jährige wohnt aber gar nicht in Istanbul, sondern in Denizli. Das liegt rund 600 Kilometer südlich. Die ehemalige Lehrerin darf also auch gar nicht ihre Stimme abgeben. Sie ist aber eine von tausenden Wahlbeobachtern.

"Erst einmal werden wir, damit alles mit Rechten Dingen zugeht, darauf achten, dass bei der Stimmabgabe kein Druck auf den Wähler ausgeübt wird. Abends werden wir dann aufpassen, dass die Stimmzettel korrekt ausgezählt werden." Yasemin Akbeniz, Wahlbeobachterin

Natürlich hat sie auch insgesamt ein Auge drauf, was mit den Wahlumschlägen passiert und wie schließlich die Auszählung läuft. Yasemin Akbeniz ist ein Fan von Ekrem Imamoglu, das zeigt nicht nur ihre gute Laune an diesem Vormittag. Allerdings wird sie kurz ernst, die Schultern gehen zurück. Nach der letzten Wahl hatte der AKP-Kandidat Binali Yildirim behauptet, ihm seinen Stimmen gestohlen worden. Selbstverständlich passt sie als Wahlbeobachterin nicht nur auf die CHP-Stimmen auf, betont sie.

"Ich war schon Wahlhelferin bei der Wahl am 31. März. Da wollte der Wahlaufseher eine AKP-Stimme für ungültig erklären. Da bin ich dazwischen gegangen und habe dafür gesorgt, dass die Stimme gültig wird. Denn wir stehlen nicht das Recht anderer Menschen, wir lassen uns aber auch unser Recht nicht stehlen. Das war ja auch der Slogan von Imamoglu: Alles wird gut!" Yasemin Akbeniz, Wahlbeobachterin

Auf einem Mauervorsprung vor dem Wahllokal sitzen ein paar Männer und rauchen in der Sonne. Darunter ist auch ein schmaler Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart. Muzaffer Sert hat sich extra den guten Anzug aus dem Schrank geholt. Der 55-jährige ist ebenfalls Wahlbeobachter. Schnell ist klar, seine Stimme geht an die AKP. Auch er sagt, Stimmen stehlen, egal von welcher Partei:

"Das geht nicht, auch da würde ich protestieren. Ich würde nicht wollen, dass die Stimme eines CHP-Wählers verloren geht. Es soll geschehen, was der Bürger will." Muzaffer Sert, Wahlbeobachter

Der 55-Jährige beobachtet alles sehr genau, will wissen, warum sich ausländische Medien für die Istanbuler Bürgermeisterwahl interessieren. Als Mukaddes Inal, die Urlauberin aus Antalya, einem italienischen Fernsehsender von Imamoglu vorschwärmt, hält es ihn nicht mehr auf seinem Mäuerchen.

Er versucht die Polizisten herzuwinken. Die Frau betreibe noch Wahlkampf, obwohl das doch jetzt am Wahltag gar nicht erlaubt sei, beschwert er sich. Die Beamten hören zu, greifen aber nicht ein. Mukaddes Inal befasst sich gar nicht mit ihm. Nach dem Interview steigt sie die steile Treppe zur Straße hoch. Ihre Stimme hat sie abgegeben, jetzt geht ihr Bus zurück nach Antalya in den Urlaub.

© BR

Nach der Annullierung der Wahl in Istanbul stimmen die Bürger heute ein zweites Mal ab.