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Britisches Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch | BR24

© BR/Jens-Peter Marquardt

Der NHS, der staatliche Gesundheitsdienst, kann schon normale Grippewellen nicht bewältigen. Unter der Coronavirus-Pandemie werden die kaputt gesparten Krankenhäuser voraussichtlich kollabieren.

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Britisches Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch

Der NHS, der staatliche Gesundheitsdienst in Großbritannien, kann schon normale Grippewellen nicht bewältigen. Unter der Coronavirus-Pandemie werden die kaputt gesparten Krankenhäuser voraussichtlich kollabieren. Eine Analyse.

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"Wir können das Blatt innerhalb von zwölf Wochen wenden", erklärte Premierminister Boris Johnson. Selbst, wenn er damit Recht behält: Viele, wahrscheinlich sehr viele Briten sind in akuter Gefahr, das Ende dieser zwölf Wochen nicht zu erleben. Denn das britische Gesundheitssystem, der staatliche National Health Service (NHS), ist denkbar schlecht vorbereitet auf diese Pandemie.

Weniger als sieben Beatmungsgeräte pro 100.000 Einwohner

Vor dem Ausbruch des Coronavirus hatten die britischen Krankenhäuser gerade einmal 5.000 Beatmungsgeräte auf den Intensivstationen. Also nicht einmal sieben pro 100.000 Einwohner. Das ist Platz 24 unter 31 europäischen Ländern. Zum Vergleich: In Deutschland gab es schon vor dem Ausbruch fast 30 Beatmungsgeräte pro Hunderttausend Einwohner. 6,6 in Großbritannien zu 29,2 in Deutschland.

Dr. Alison Pitard, die Chefin der britischen Intensivmediziner-Vereinigung, stellte deshalb in der BBC klar: Großbritannien liege weit hinter dem europäischen Durchschnitt und auch hinter vielen anderen Ländern zurück.

Rolls Royce soll Beatmungsgeräte bauen

Inzwischen sollen auf der Insel 3.000 weitere Beatmungsgeräte hinzu gekommen sein, auch das ist aber immer noch weit entfernt von der Versorgung in Deutschland. Premier Johnson hat deshalb Autohersteller wie Rolls Royce und Bagger-Produzenten wie JCB aufgerufen, die Produktion auf Beatmungsgeräte umzustellen. Eine Koalition von britischen Industrieunternehmen arbeite daran, schnell Beatmungsgeräte liefern zu können.

Im Zweiten Weltkrieg hätten es solche Firmen ja auch geschafft, auf den Bau von Spitfire-Jagdflugzeugen umzustellen, meint Johnson.

Gesundheitssystem kurz gehalten

Einen Spezialisten wie das Drägerwerk in Lübeck gibt es in ganz Großbritannien nicht. Ein Schweizer Hersteller hatte die Briten schon früher vor dem Mangel in den Intensivstationen gewarnt. Doch die konservativen Regierungen haben das staatliche Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren so kurz gehalten, dass auch die Notfallversorgung immer schlechter wurde. Nicki Cridland vom Verband der Intensivpflegekräfte, der British Association of Critical Care Nurses, beklagt, Großbritannien habe einfach nicht die ausreichende Zahl von Intensivkrankenschwestern und –Pflegern.

In den nächsten Wochen werde sich eine Intensivkrankenschwester wohl nicht mehr wie üblich um einen schwerkranken Patienten, sondern um fünf, sechs, sieben oder acht kümmern müssen.

NHS rein vom Staat finanziert

Der NHS wird in Großbritannien aus dem Staatshaushalt bezahlt. Die Leistungen sind gratis für die Patienten. Die Briten müssen deshalb in keine gesetzliche Krankenversicherung einzahlen. Damit ist das System aber auch direkt von der Haushaltspolitik der Regierung abhängig. Und die Konservativen haben in den vergangenen Jahren vor allem gespart, auf Austerität und einen schlanken Staat gesetzt. Großbritannien hat nach der jüngsten Vergleichsstatistik 228 Krankenhausbetten pro 100.000 Einwohner, Deutschland hat fast drei Mal so viel. Ähnlich ist das Verhältnis bei den Ärzten.

Patienten mussten wegen Sparkurs sterben

Die Folge: Der NHS ist in den letzten Jahren immer wieder schon unter normalen Grippewellen zusammen gebrochen. Zum Beispiel mussten Notfallpatienten sterben, weil keine Rettungswagen mehr frei waren: Sie standen auf den Parkplätzen der Krankenhäuser, weil die Stationen und auch die Flure so überfüllt waren, dass die Sanitäter ihre Patienten nicht mehr in den Notfallambulanzen abliefern konnten.

Es soll noch schlimmer kommen

Wenn jetzt die Coronavirus-Pandemie voll zuschlägt, wird es Experten zufolge noch viel schlimmer werden. Dr. Rosena Alinn-Khan, Ärztin und Abgeordnete der Labour-Opposition, hielt dem Premierminister im Unterhaus vor, dass es in den Kliniken nicht annähernd genug Schutzkleidung und Coronavirus-Tests für das Personal gebe, und forderte Johnson auf, endlich zu handeln.

Brexit verschärft die Lage

Der Brexit hat den Mangel noch weiter verschärft. Zehntausende Stellen für Pflegekräfte und Ärzte sind unbesetzt. Bisher arbeitete viel Personal aus anderen EU-Ländern auf der Insel. Doch Tausende, vor allem Osteuropäer, sind zurückgekehrt in ihre Heimat, weil sie sich nicht mehr willkommen fühlen. Neue sind nicht mehr gekommen.

Und dabei ist das Land jetzt noch in der Übergangsphase. De jure ausgetreten, aber de facto weiter im Binnenmarkt. Großbritannien könnte zum Beispiel in diesem Jahr noch auf den Notfallpool der EU zurückgreifen, hätte auch noch Zugang zur gemeinsamen Beschaffung von Beatmungsgeräten. Doch die Regierung des Brexiters Johnson setzt lieber auf Rolls Royce und JCB, die noch nie ein einziges Beatmungsgerät hergestellt haben.

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