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Brexit: "No Deal - No Problem?" | BR24

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Gestern Abend hat das britische Parlament Theresa Mays Brexit-Abkommen die Zustimmung verweigert. Ob es nun zu einem harten Brexit kommt? Unklar. Was denken Briten in Bayern und Deutsche auf der Insel darüber? Ein Stimmungsbild.

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Brexit: "No Deal - No Problem?"

Gestern Abend hat das britische Parlament Theresa Mays Brexit-Abkommen die Zustimmung verweigert. Ob es nun zu einem harten Brexit kommt? Unklar. Was denken Briten in Bayern und Deutsche auf der Insel darüber? Ein Stimmungsbild.

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Die ehemalige Abgeordnete im britischen Parlament Gisela Stuart kann all die Aufregung nicht verstehen. "No Deal? No Problem!" - so könnte man ihre Haltung wohl zusammenfassen. Geboren in Niederbayern gehört die Wahl-Britin zu den größten Brexit-Befürwortern im Land. Selbst wenn es zu einem harten Brexit kommen sollte, einen "no Deal", sei das kein Desaster, sagt sie: "Die Firmen sind vorbereitet. Und auch mit den Flügen beispielsweise - da wird man Schritt für Schritt Lösungen finden."

Viele Unternehmen und auch Fluggesellschaften warnen dagegen vor einem harten Brexit. Gisela Stuart hält das für Panikmache. Es würden immer die allerschlimmsten Sachen vorausgesagt: "Zur Millenniumwende im Jahr 2000 hat man auch schon gesagt: Die PC-Systeme könnten untergehen, weil sie drei Nullen nicht verarbeiten können." In zwei Monaten werde man spätestens sehen, wie schlimm es sei.

Gisela Stuart: deutsche Wurzeln, Labour-Mitglied und Brexit-Befürworterin

Die 63-Jährige ist in Niederbayern geboren und wanderte in den 1970ern nach Großbritannien aus. Dort nahm sie die britische Staatsbürgerschaft an und wurde Labour-Abgeordnete. Als Leiterin der "Vote Leave"-Kampagne setzte sie sich zuletzt maßgeblich für den Austritt Großbritanniens aus der EU ein.

Gisela Stuart ist enttäuscht von der EU-Politik und wurde deshalb auch zur Brexit-Befürworterin. Europa habe zwei Geschwindigkeiten, sagt sie. Das sei nie berücksichtigt worden. Deshalb sei es zum Brexit gekommen. "Die EU war einfach nicht bereit, sich anzupassen. Es tut mir leid, dass es so weit kam. Aber man hat Jahrzehnte aneinander vorbeigeredet." Die Briten hätten sich mit dem Brexit nun einmal dafür entschieden, dass nicht die EU, sondern ihre eigene Regierung über Steuern oder Grenzen bestimmt.

Robert Falkner: deutschstämmiger Wissenschaftler in Großbritannien

Robert Falkner ist ebenfalls in Bayern aufgewachsen und lebt seit 25 Jahren in Großbritannien. Er forscht zum Klimawandel und lehrt an der "London School of Economics and Political Science" im Bereich "Internationale Beziehungen". Er sah sich wegen des Brexit nun dazu gezwungen, sich um die britische Staatsbürgerschaft zu bewerben. "Ich wusste, mit dem Brexit muss ich mich jetzt entscheiden, ob ich mich wieder nach Deutschland zurück orientiere. Allerdings ist meine Familie hier und London bleibt weiterhin mein Lebensschwerpunkt." Mehr als 1.000 Pfund hat das gekostet, viel Papierkram und ein Test: Aber nun ist Robert Falkner auch Brite. Den deutschen Pass wollte er allerdings nicht aufgeben – und hat nun die doppelte Staatsbürgerschaft.

Robert Falkner war nicht für den Brexit. Allerdings hält er die Probleme, die damit verbunden sein könnten, für überschaubar: "Ich glaube nicht an ein Riesenchaos. Es wird natürlich bei der Abfertigung von Schiffen, bei Importen oder in der Landwirtschaft zu Störungen kommen. Aber die werden innerhalb von ein paar Monaten zu beheben sein."

Lösungen finden, damit es nicht zu einem harten Brexit kommt

Auch wenn es sicherlich für alle Seiten Probleme geben wird: Statt immer noch mit dem Brexit zu hadern, müsste man das Votum der Briten akzeptieren, so Falkner. "Deutschland sollte nicht traurig sein über den Brexit. Er ist vielmehr ein Akt demokratischen Selbstbewusstseins hier in Großbritannien", sagt er. Stattdessen müssten Großbritannien und die EU endlich eine Lösung finden, damit es nicht zu einem harten Brexit komme.

"Dass wir nach zwei Jahren an den Punkt gekommen sind, immer noch ohne Deal, dass keine Lösung gefunden wurde, das halte ich für bedenklich. Das spricht von einer tiefen Krise der politischen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU. Wenn wir nicht mal das schaffen, wie soll es weitergehen? Es stehen schließlich noch viel schwierigere Fragen vor uns." Dr. Robert Falkner

Naomi Holdaway, Britin in Bayern: Hauptsache nicht aus EU "crashen"

Naomi Holdaway lebt und arbeitet in München. Die 23-Jährige hatte gehofft, dass das Unterhaus das von Theresa May ausgehandelte Abkommen annehmen wird. "Dieser Deal war nicht perfekt, aber besser als nichts. Wenn wir jetzt aus der EU crashen, findet das keiner gut", sagt sie. Holdaway ist Mitglied in einem englischsprachigen Chor, in dem auch viele Briten singen. Viele dort waren gegen den Brexit, auch Naomi Holdaway: "Ich war immer Europäerin. Ich kenne keine andere Welt. Nach dem Referendum, habe ich mich gefragt: Was ist denn eigentlich meine Identität?" Sie hat nun die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

In ihrer eigenen Familie sorgt der Brexit immer wieder für Spannungen. Sie und ihre Eltern seien etwa gegen den Brexit gewesen, andere wiederum hätten dafür gestimmt. "Wir sprechen das Thema mittlerweile lieber nicht mehr an. Das ist besser, als sich zu streiten", sagt sie.