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Gedenken an die Opfer am Berliner Breitscheidplatz
© pa / dpa / Christoph Soeder

Autoren

Florian Haas
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Gedenken an die Opfer am Berliner Breitscheidplatz

Glühweinbuden, Mandelstände, "Last Christmas" aus Lautsprechern - und in der Mitte ein mit großen glitzernden Kugeln geschmückter Christbaum: Der Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz ähnelt zurzeit vielen anderen Weihnachtsmärkten im Land. Wäre da nicht der Schutzring aus Betonbarrieren, Stahlsockeln und mit Sand beschwerten Gitterkörben. Und wäre da nicht der meterlange, goldverzierte Riss im Boden: Das Mahnmal soll an die Anschlagsopfer von vor zwei Jahren erinnern: Hier, direkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, nach wie vor eine Berliner Touristenattraktion - und der Arbeitsplatz von Dorothea Strauß.

Trauerarbeit: Individuell sehr verschieden

Die gebürtige Schwäbin mit den kurzen Haaren ist hier Pfarrerin. Als sogenannte City-Seelsorgerin kümmert sie sich aber auch um Bedürftige, HIV-Infizierte - und um die Verwandten der Breitscheid-Opfer. Heute wird sie mit einem Kollegen den Gedenkgottesdienst leiten und Gespräche für Angehörige anbieten. Letzteres bei Bedarf. Für die, die wollen. Viele werden nicht wollen, sagt Strauß, denn jede und jeder verarbeite Trauer unterschiedlich. Die einen trauerten lange, die anderen kürzer. Manche suchten Gespräche, Öffentlichkeit, Hilfe bei der Kirche.

Manche wollen nur ihre Ruhe

Wiederum andere hätten mit der Kirche auch sonst nicht viel am Hut, bräuchten also andere Ansprechpartner oder einfach nur Ruhe. Und längst nicht alle wollten an den Anschlagsort zurückkehren, sich an das Erlebte erinnern. Gedenkveranstaltungen wie der heutigen mit Kranzniederlegung und viel öffentlicher Aufmerksamkeit steht sie deshalb skeptisch gegenüber: Der gesellschaftliche Druck könne Angehörige unter Zugzwang setzen, ihren Schmerz öffentlich zu zeigen - gegen den eigentlichen Willen.

Krisenintervention lief nicht optimal

Mit der Trauer umgehen – für viele Angehörige, aber auch für viele Verletzte von damals nach wie vor eine schwierige Aufgabe. Und noch immer gibt es Klagen, Unzufriedenheit, Enttäuschung: Der Staat habe zu wenig geholfen, Fragen zum Anschlag nicht restlos aufgeklärt, Entschädigungen nur schleppend ausbezahlt. Doch nicht nur zahlreiche Angehörige und verletzte Opfer fühlen sich allein gelassen – sondern auch viele der damaligen Rettungskräfte, wie Ulrich Wesemann im Gespräch mit BR24 erklärt. Vieles deutet seinen Erkenntnissen zufolge darauf hin, dass in der Krisenintervention "nicht alles optimal gelaufen ist“, wie es Wesemann höflich umschreibt. Seine Erkenntnisse sind inzwischen ziemlich umfangreich.

Einmalige Studie über Einsatzkräfte

Wesemann ist Psychologe. Er arbeitet im Berliner Bundeswehrkrankenhaus, als Spezialist für posttraumatische und einsatzbedingte Störungen bei Soldaten. Einige Soldaten waren am Abend des 19. Dezember 2016 im Einsatz, noch mehr aber Polizisten, Sanitäter, Seelsorger und allein 300 Feuerwehrleute. Wesemann hat 37 Einsatzkräfte quer durch die Berufsgruppen drei Monate nach dem Attentat befragt und später noch einmal, dann in einer größeren Stichprobe. Alle per Fragebogen, anhand strenger wissenschaftlicher Kriterien. Es ist hierzulande die erste Studie, die nach einem Anschlag bei zivilen Einsatzkräften durchgeführt worden ist - zumindest mit der Zielsetzung, berufs- und geschlechtsspezifische Unterschiede zu erarbeiten.

Feuerwehrleute leiden besonders stark

Die Ergebnisse liegen nun vor und sie sind erstaunlich. Zum Beispiel zeigen sie, dass Polizisten zum Befragungszeitpunkt eine deutliche größere Aggressivität aufwiesen als die Vertreter der anderen Berufsgruppen. Sie hatten häufiger Wutanfälle, waren gereizter. Wesemann sieht einen Grund dafür im Aufgabenfeld der Polizisten, dies war ja etwa die zunächst erfolglose Suche nach dem Attentäter Anis Amri.

Ein weiteres auffälliges Resultat: Feuerwehrleute leiden körperlich und seelisch viel stärker an den Folgen als andere Rettungskräfte, haben öfter Kopfschmerzen und Schlafprobleme. Ob es daran liegt, dass sie bei dem Attentat sehr früh vor Ort waren? Dass sie - wie in Berlin auch sonst oft üblich - Sanitäteraufgaben vielfach mit übernommen haben? Dass sie viele Ehrenamtliche in Ihren Reihen hatten, die mit derlei schockierenden Szenen nicht vertraut, für den Anblick so vieler Opfer - Zwölf Tote, mehr als 50 Verletzte - nicht "gerüstet" waren? Wesemann hat hier noch keine Antwort. Vielleicht gibt eine weitere Untersuchung Aufschluss darüber, die er zu dem Thema durchgeführt hat. Bald sollen auch hierzu Ergebnisse vorliegen.

Eine Belastung vor allem für weibliche Helfer

Interessant sind außerdem die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Das Stress-Level der befragten Frauen war ein Vierteljahr nach dem Attentat höher als das der Männer. Laut Wesemann hätten ähnliche internationale Studien zu vergleichbaren Ereignissen das auch schon gezeigt. Neu sei aber, dass sich Frauen laut seiner Resultate verstärkt zurückziehen, auffallend häufig sogar paranoide Störungen aufweisen. Der Zusammenhalt und das gegenseitige Vertrauen seien beim Einsatz unter Männern offenbar ausgeprägter, meint Wesemann.

Dem Psychologen sind die Schwächen der Studie bewusst, so gibt es - natürlich - keinen Vergleichswert, der zeigt, in welcher Verfassung die Einsatzkräfte vor dem Anschlag waren. Außerdem kann angesichts der Besonderheit der Situation kaum von einer Studie gesprochen werden, die allgemein gültige Rückschlüsse zulässt. Eine solche kann es bei dieser Thematik vermutlich auch gar nicht geben. Gerd-Dieter Willmund, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Berliner Bundeswehrkrankenhaus, verweist darauf, dass es bei der seelischen Nachsorge einen großen Unterschied macht, ob Soldaten einen Anschlag "direkt" mit- und überlebten oder ob sie erst später zum Anschlagsort kamen. Für zivile Helfer sei etwa der Einsatz nach einer Naturkatastrophe mental ein anderer als nach einem Anschlag, und jeder Anschlag für sich "einzigartig" im negativen Sinn.

Verarbeitung: Besser individuell als in der Gruppe

Trotzdem ist für die beiden Experten klar: Während man Helfer auf solche Ausnahmeeinsätze kaum vorbereiten kann und etwa das US-Militär mit diversen Präventionsprojekten eher gescheitert als erfolgreich gewesen sei, gebe es in der Nachbetreuung sowohl von Soldaten als auch von zivilen Rettungskräften großes Potenzial. Entgegen der lange gehandhabten und teils noch immer angewandten Praxis sei es besser, den Fokus auf die momentanen und nicht auf die erlebten Emotionen zu richten. Auch Gruppentherapien seien in der Regel nicht zielführend, sondern oft sogar belastend - besonders ab dem Moment, an dem die Therapie beendet wird. Auch das Reden über das Erlebte bringe viele nicht weiter. Wesemann plädiert für individuelle Strategien. Ähnlich wie Seelsorgerin Dorothea Strauß bei der Trauerbewältigung.