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Immer mehr Corona-Tote in Brasilien

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Brasiliens Corona-Politik: kaum Widerstand gegen Bolsonaro

Die Corona-Krise spitzt sich in Brasilien weiter zu. Behörden haben innerhalb eines Tages mit 1.349 eine Rekordzahl an Corona-Toten gemeldet. Präsident Bolsonaro spricht sich dennoch strikt gegen Ausgangssperren aus. Kritik erntet er dafür wenig.

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Von
  • Ivo Marusczyk

Die Kurve wird immer steiler und noch steiler. Die WHO spricht vom neuen Epizentrum der Corona-Pandemie. In Brasilien sterben Tag für Tag mehr als 1.000 Menschen an Covid19. Dabei ist die Dunkelziffer hoch. Vermutlich bleiben die meisten Infektionen unerkannt, weil das Land nicht genügend Tests durchführen kann. Sicher ist nur: Das Virus breitet sich immer schneller in Brasilien aus.

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Doch Präsident Jair Bolsonaro hält nach wie vor nichts von Corona-Beschränkungen. Von einem Lockdown oder von Abstandsregeln und auch von Mitgefühl hält der Präsident ebenso wenig. Vor dem Präsidentenpalast in Brasilia bat eine Anhängerin ihn um ein paar tröstende Worte für Menschen, die um Angehörige trauern. Die Antwort Bolsonaros lautete. "Ich beklage jeden Toten, aber der Tod ist unser aller Schicksal."

Vereinzelter Protest - aber keine breite Front gegen Bolsonaro

Trotzdem gibt es kaum Widerstand gegen den Präsidenten, der derart zynisch und teilnahmslos mit der Katastrophe umgeht. Ganz vereinzelt regt sich Protest, aber es gibt keine breite Front gegen Bolsonaro. Am Wochenende protestierten Gruppen von Fußballfans auf der Avenida Paulista in São Paulo. Es gab "Fan-Gesänge" für die Demokratie - aber dahinter steckt keine große Bewegung. Andere Gruppen halten sich von diesen "Fan-Protesten" fern. Sie vermuten, dass dort eher Hooligans Auseinandersetzungen mit Bolsonaro-Anhängern suchen. Die Polizei löste die Kundgebung in São Paulo letztlich genau deswegen auf.

Angst vor Corona: Bolsonaro-Gegner gehen nicht auf die Straße

Zwei Umstände kommen Bolsonaro zu Gute. Zum einen überlassen seine Gegner die Straße seinen Anhängern. Schließlich sind es die Bolsonaro-Fans, die ohne Abstand, ohne Maske, ohne Angst vor dem Virus jede Woche in der Hauptstadt Brasília demonstrieren. Und dabei vereinzelt auch nach einer Diktatur rufen, nach der Abschaffung von Parlament und Justiz, die Bolsonaro immer wieder in die Schranken weisen. Wer anderer Ansicht als Bolsonaro ist, wer die Seuche ernst nimmt, der kann im Moment seinen Protest nicht auf die Straße tragen.

Resignation statt Kampfstimmung

Doch auch in den sozialen Netzwerken ist von breitem Protest nichts zu spüren. Eine Online-Petition gegen Bolsonaro erreichte 200.000 Unterschriften. Der bekannte Fotograf Sebastião Salgado ruft zur Unterstützung für die bedrohten indigenen Völker auf. Aber unter Bolsonaros Gegnern herrscht eher Resignation als Kampfstimmung.

Zum anderen ist die Opposition gespalten und zerrissen. Oppositionsparteien haben inzwischen 35 Anträge auf Amtsenthebung gegen Bolsonaro eingereicht. Doch die haben keine Chance, durchzukommen. Es war schon eine Nachricht, als sich zwei linke Parteien auf einen gemeinsamen Antrag einigen konnten. Bolsonaro betreibt ganz offen Postengeschacher, umwirbt die Klein- und Kleinstparteien des "Centrão", des Mitte-Rechts-Lagers, und bietet ihnen Ämter und Pöstchen an. Um ihn abzusetzen, bräuchten die Gegner letztlich eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Senat. Die ist im Moment in weiter Ferne.

Linkes Lager zerstritten und kaum handlungsfähig

Brasiliens Linke hat ihre Wahlniederlage von 2018 immer noch nicht verdaut. Ihre Galionsfigur Lula da Silva war im Gefängnis und durfte nicht antreten. Viel zu lang hielt die Arbeiterpartei trotzdem an ihm fest, baute keinen anderen Kandidaten auf und ebnete letztlich damit Bolsonaro den Weg. Inzwischen ist Lula da Silva zwar wieder frei. Doch die linke Galionsfigur fährt einen eigenartigen Kurs in der aktuellen Krise – vor allem lehnt er eine Zusammenarbeit mit anderen linken Kräften ab. Einerseits fordert er, andere, jüngere müssten seine Rolle in der Arbeiterpartei übernehmen, andererseits macht er den Weg nicht frei. So bleibt Brasiliens linkes Lager zerstritten und ist weit entfernt davon, an alte Erfolge anknüpfen zu können.

Auch Volkes Stimme ist verstummt

Im März und April waren in Brasilien "Panelaços" zu hören. Die Menschen schlugen auf ihren Balkonen auf Töpfen und Pfannen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Eine Form des Protests, die sich von Chile aus über ganz Lateinamerika verbreitet hat und inzwischen auch in Spanien und sogar in den USA zu hören ist. Doch in den letzten Wochen sind diese "Panelaços" in Brasilien nach und nach verstummt.

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