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Jair Bolsonaro hustet am 10. März 2021 in seinen Mund-Nasen-Schutz.

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    Und wieder ein neuer Minister: Brasilien in der Coronawelle

    Die zweite Welle überrollt Brasilien. Die Intensivstationen sind noch voller als bei der ersten Covid-19-Welle. Die Zahl der Toten steigt weiter. Prädident Bolsonaros Land hat keine klare Richtung. Nun kommt der vierte Gesundheitsminister ans Ruder.

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    Von
    • Ivo Marusczyk

    Wieder einmal wird der Krisen-Manager ausgewechselt. Mit Marcelo Queiroga hat Brasilien jetzt den vierten Gesundheitsminister seit dem Ausbruch der Pandemie. Sein Vorgänger, der frühere Armeegeneral Eduardo Pazuello, wurde zuletzt immer schärfer kritisiert. Denn die zweite Infektionswelle hat Brasilien praktisch unvorbereitet getroffen. In der zweiten Märzwoche wurden Tag für Tag mehr als 2.000 Tote nach einer Corona-Infektion gezählt.

    Zu wenig Impfstoffe

    Die Regierung hat es versäumt, Impfstoffe zu besorgen. Mit Queiroga übernimmt wieder ein Arzt das Gesundheitsressort. Pazuello war eher durch seinen bärbeißigen Kasernenhofton bekannt geworden als durch Sachkenntnis. Im vergangenen Jahr hatten zwei Ärzte an der Spitze des Ministeriums das Handtuch geworfen, jeweils aus Protest gegen die Corona-Politik Bolsonaros. Der hatte statt auf Impfungen und Lockdowns auf das Malariamedikament Cloroquin gesetzt - im Einklang mit Donald Trump, aber im Widerspruch zu allen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    Sauerstoff fehlte: Patienten in Manaus erstickt

    Die zweite Welle hatte Mitte Januar im Amazonasgebiet begonnen. In Manaus erstickten Patienten, weil es keinen Sauerstoff mehr gab. Es dauerte Tage, Sauerstoff-Nachschub zu organisieren. Inzwischen spitzt die Lage sich auch im Süden des Landes zu, wo die Infrastruktur viel besser ist. Jean Gorynchteyn, der Gesundheits-Staatssekretär den Bundesstaates Sao Paulo, sagt, die Krankenhäuser seien schon gefährdet, viele schon zu 100 Prozent ausgelastet. Man komme daher an die Grenzen.

    Über 3.000 Tote am Tag befürchtet

    Bald schon könnten es mehr als 3.000 Tote pro Tag sein, befürchtet Miguel Nicolelis, einer der bekanntesten Mediziner Südamerikas. Er sagte dem ARD-Studio Südamerika: "Ganz klar ist das eine Pandemie, die außer Kontrolle geraten ist. Jetzt Prognosen abzugeben wird schwieriger, weil in einigen Bundesstatten bereits die Gesundheitssysteme kollabieren. Das kann die Todeszahlen beschleunigen, weil Betten - vor allem Intensivbetten – fehlen."

    Virusmutation aus dem Amazonasgebiet

    Wie viele der neuen Fälle auf "P.1", die Mutation aus dem Amazonasgebiet zurückzuführen sind, weiß niemand. In Brasilien werden die Viren kaum sequenziert. Es bestehe aber die Gefahr, dass neue Corona-Mutationen auftreten oder sogar Virenstämme, die die Eigenschaften mehrere Mutationen verbinden. Der Mediziner sieht nur einen Ausweg: Drei bis vier Wochen Lockdown im ganzen Land: "Brasilien hat keine andere Wahl außer einem nationalen Lockdown. Plus Masken und mehr Impfungen, Kontrolle der internationalen Flughäfen und auf den Straßen, mehr Tests, um das öffentliche Gesundheitssystem zu entlasten. Das steht vor dem ersten Kollaps seiner Geschichte. Das ist in Brasilien noch nie passiert."

    Bolsonaro will Lockdowns verhindern

    Einzelne Bundesstaaten oder Städte haben die Maßnahmen verschärft. Aber das geschieht auch nur halbherzig. Die Sperrstunde wird aber immer wieder geändert. Kaum jemand weiß, welche Regeln gerade wo gelten. Und Präsident Bolsonaro sind nach wie vor alle Maßnahmen gegen das Virus ein Dorn im Auge: "Ich kann nicht zulassen, dass diese Lockdowns weitergehen. Denn die wollen keine Leben retten, die wollen die Macht übernehmen", sagt er über Gouverneure und Bürgermeister, die es wagen, Ausgangssperren zu verhängen. Damit läuft die Bekämpfung der Pandemie letztlich ins Leere, sagt der Soziologe Demetrio Magnoli: "Lockdowns brauchen einen Mindest-Konsens zwischen Regierung und der Opposition - denn man kann keinen nationalen Lockdown gegen den Willen einer gewählten Regierung durchführen. Die USA haben ja keinen gemacht, weil Trump dagegen war. Und hier macht man keinen Lockdown gegen Bolsonaros Willen. Der hat sich zwar radikal geändert, was die Impfstoffe angeht - aber beim Lockdown wird er seien Position nicht ändern."

    Bolsonaro-Spott: Nach dem Impfen Bart oder Krokodil

    Immerhin versucht Bolsonaro inzwischen auch, Impfstoffe für Brasilien zu organisieren. Das stellt eine Kehrtwende dar. Ursprünglich hatte der Präsident nur Spott für Impfungen übrig. Niemand solle ihn verantwortlich machen, wenn jemand sich nach dem Impfen in ein Krokodil verwandle oder einer Frau ein Bart wachse.

    Schleppende Impfkampagne

    Die Zentralregierung hat erst spät begonnen, sich um Impfstoff zu bemühen. Dabei ist Brasilien eigentlich hervorragend auf groß angelegte Impfkampagnen eingerichtet. Fast alle Impfstoffe wurden in Brasilien getestet, es gibt Forschungsinstitute mit Weltruf und eine eigene Impfstoff-Produktion im Land. Doch der Nachschub mit den Grundstoffen für die Vakzine stockt. Theoretisch kann das Gesundheitssystem täglich zwei bis drei Millionen Menschen impfen - im Moment erreicht man ein Zehntel davon.

    Bis Mitte 2021 will Brasilien 110 Mio Impfdosen produzieren

    Der scheidende Gesundheitsminister Pazuello konnte jetzt immerhin noch Erfolgsmeldungen verkünden: Das Fiocruz-Institut habe Grundstoffe für die Vakzinproduktion erhalten, bis zur Jahresmitte sollen daraus 110 Millionen Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs hergestellt werden. Außerdem habe Brasilien 138 Millionen weitere Impfdosen gekauft, 100 Millionen von BioNtech/Pfizer und 38 Millionen von Johnson & Johnson. Dazu kommt noch das Coronavac-Vakzin, das ebenfalls in Brasilien beim Butantan-Institut abgefüllt wird.

    Coronavac: Geringere Wirksamkeit

    Dieser Impfstoff hat allerdings in Brasilien einen ähnlich schlechten Ruf wie der von Astrazeneca mittlerweile in Europa: In einer Studie des Butantan-Instituts erreichte Coronavac nur eine Wirksamkeit von 50 Prozent. Ähnlich wie bei AstraZeneca in Europa warben Vertreter von Politik und Wissenschaft dennoch für den Impfstoff. Er verhindere die Infektion zwar nicht sicher, aber er schütze trotzdem sehr verlässlich vor schweren oder gar tödlichen Verläufen.

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