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Abholzung im Regenwald
© dpa-Bildfunk/Werner Rudhart

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Anne Herrberg
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Abholzung im Regenwald

Schwarzer Rauch steigt auf, die Luft flimmert vor Hitze und dort, wo einst dichter, grüner Wald stand: ein Flammenmeer. Herbert Pereira da Silva springt aus dem Wagen – der Beamte von Brasiliens Umweltbehörde IBAMA ist hier, im Bundesstaat Mato Grosso, auf Patrouille unterwegs

"Was macht ihr hier, wer hat das Feuer gelegt?" Herbert Pereira, brasilianische Umweltbehörde

Er ruft das zwei Männern zu, die verdächtig nahe am brennenden Waldstück herumlungern. Ein Schwein, sie seien auf der Suche nach einem Schwein, das sich verirrt habe erwidern die. Herbert Pereira glaubt ihnen nicht. Ausweise!

"Falls es keine Genehmigung für diese Feuer gibt und davon gehe ich aus, verstößt das gegen Auflagen, dann können wir den Besitzer belangen und das Gebiet sperren." Herbert Pereira, brasilianische Umweltbehörde

Sperren, damit auf der wahrscheinlich illegal gerodeten Fläche keine kommerzielle Landwirtschaft betrieben werden darf. Hier, im Norden von Mato Grosso verläuft die Agrargrenze Brasiliens – man sieht sie auf Satellitenbildern: dort, wo früher dichter Amazonas-Urwald stand, liegen heute Felder und Weiden – dort wachsen Soja, Weizen, Mais oder grasen Rinder.

Brasiliens Rinderzüchter-Lobby will Rinderzucht statt Regenwald

Das meiste ist für den Export bestimmt, auch nach Europa. Mathias Krause leitet die Umweltbehörde in der Region, er überwacht ein Gebiet so groß wie Deutschland.

"Wir sind hier in einem Gebiet, in dem für Landwirtschaft bereits viel abgeholzt wurde, die Felder dringen immer weiter vor in den Amazonas-Urwald. Dafür werden Kontrollen ausgehebelt und das Umweltgesetz gebrochen. Die Agrarlobby ist stark und sie versucht, ihre Nutzflächen auszuweiten, denn für die Landwirtschaftsprodukte werden harte Dollar bezahlt." Mathias Krause

Profit statt Umweltschutz. Es ist ein Konflikt, der weit über Brasilien hinausreicht. 2015 hat sich das Land im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, die illegale Abholzung zu stoppen und gerodete Flächen teils wieder aufforsten. Schließlich gehen 70 Prozent der Treibhaus-Emissionen Brasiliens auf das Konto von Abholzung und landwirtschaftlicher Nutzung.

Greenpeace prangert Abholzungs-Rekorde an

Doch Greenpeace warnte bereits, die Entwaldung habe 2018 schon wieder einen Rekord erreicht. Und auch der neue Präsident Jair Bolsonaro, der im Wahlkampf von der mächtigen Agrarlobby gestützt wurde, will statt den Rodungen lieber die Klimapolitik bremsen.

"Unserer Wirtschaft geht es heute nur im Sektor der Landwirtschaft gut, aber der wird erdrückt von Umweltauflagen, die weder der Umwelt noch ihrem Schutz dienen. Das klingt wie ein Widerspruch, aber es ist wahr." Jair Bolsonaro, Präsident Brasiliens

In Sachen Umwelt- und Klimapolitik hatte Brasilien bisher eine Vorreiterrolle eingenommen, war aufgetreten als Bindeglied zwischen Industriestaaten und Schwellenländern. Damit ist Schluss.

Brasilien: Vorreiter im Klimaschutz schwenkt auf Trump-Kurs ein

Ganz im Stile seines Geistesbruders aus den USA hält auch der 'Trump der Tropen' nichts vom Klimapakt, wie überhaupt von multilateralen Absprachen. Die Androhung, gleich ganz aus dem Klimaabkommen auszusteigen, steht ebenfalls im Raum – das wäre eine Katastrophe, sagt André Trigueiro, einer der bekanntesten Umweltjournalisten Brasiliens:

"Es ist noch nicht klar, ob Brasilien da die desaströse Haltung der Trump-Regierung an den Tag legt. Ich hoffe nicht, denn es wäre ein fatales Signal, wenn die USA und Brasilien, der zweit- und der sechstgrößte Produzent von Treibhausgasen diesem Abkommen den Rücken kehren. In dem Sinne, dass andere Staaten dann sagen, was soll ich mich da noch anstrengen, das bringt doch ohnehin nichts. Und ebenfalls zurückrudern. Das wäre ein Desaster." André Trigueiro, brasilianischer Umweltjournalist

Doch die Zeichen stehen auch in Brasilien auf Rückschritt: Bolsonaro verglich Indigene mit Tieren im Zoo, will die Umweltschutzbehörde schwächen. Die Ausrichtung der Weltklimakonferenz, geplant für November 2019, hat er abgesagt. Kein Geld. Dabei war die COP 25 schon im Haushalt eingeplant. Sein designierter Umweltminister steht im Visier der Justiz, weil er Karten von Schutzgebieten manipuliert haben soll - zu Gunsten der Ausbeutung von Rohstoffen. Den Klimawandel hält er für zweitrangig, Bolsonaros Außenminister legte nach: die Erderwärmung sei die Erfindung marxistischer Verschwörungstheoretiker.

Bevölkerung Brasiliens mit hohem Umweltbewusstsein

Die Mehrzahl der Brasilianer ist da allerdings anderer Meinung, glaubt, beziehungsweise hofft Umweltjournalist André Trigueiro.

"In Brasilien fürchtet die absolute Mehrheit der Bevölkerung die Effekte des Klimawandels, schlichtweg, weil er in vielen Regionen des Landes zu spüren ist. Und die Natur wird als ein Schatz wahrgenommen, den es zu schützen gilt. Daher muss man sehen, was Bolsonaro wirklich umsetzt und wie die Bevölkerung darauf reagiert, auch seine eigenen Wähler." André Trigueiro, brasilianischer Umweltjournalist

Auf dem Spiel steht die Zukunft der größten Waldgebiete und Süßwasserreserven der Welt, darunter die grüne Lunge Amazonas – Menschen, die sie schützen wollen und damit den Interessen von Großbauern, Holzfällern oder Energieunternehmen im Weg stehen, wie Herbert Pereira von der Umweltbehörde Ibama leben gefährlich. In keinem Land werden so viele Umweltaktivisten bedroht oder sogar getötet wie in Brasilien. Der Druck dürfte unter der Regierung Bolsonaro nochmal zunehmen.