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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Marcos Correa

Jair Bolsonaro während der Corona-Krise

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Bolsonaro: Ein Populist stürzt Brasilien ins Verderben

Weltweit ist Brasilien nach den USA am schwersten von der Corona-Pandemie betroffen. Armut und strukturelle Probleme haben dem Virus den Weg geebnet. Doch vor allem erweist sich die Verharmlosungspolitik von Präsident Jair Bolsonaro als fatal.

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Von
  • Henryk Jarczyk
  • Ivo Marusczyk

"Eine kleine Grippe oder ein Schnüpfchen" – das war und das ist die Meinung von Jair Bolsonaro zur Corona-Pandemie. Nach wie vor spielt Brasiliens Präsident die Krankheit herunter – selbst jetzt noch, nachdem er selbst an Covid-19 erkrankt ist.

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"Das Leben geht weiter, die meisten machen sich ja vor allem um ihren Arbeitsplatz Sorgen. Wir müssen wieder zurück zur Arbeit, sonst könnte die Wirtschaft in eine sehr schwierige Situation geraten." Jair Bolsonaro, brasilianischer Präsident

Dabei wütet die "kleine Grippe" – wie Bolsonaro die Pandemie nennt – weltweit nur in den USA noch schlimmer als in Brasilien. Das Land verzeichnet mittlerweile über zwei Millionen Fälle und fast 79.000 Tote. Seit Wochen werden jeden Tag rund tausend Covid19-Tote gezählt. In einigen Städten des Landes brach das Gesundheitswesen zeitweise zusammen; vor allem die Bilder von Massengräbern in der Urwaldmetropole Manaus gingen um die Welt.

Keine Entwarnung

"Ich habe schon keine Tränen mehr, weil wir so viel geweint haben. Meine Großmutter ist gestorben, weil es kein Beatmungsgerät mehr für sie gab. Hätte es auf der Station noch ein Beatmungsgerät gegeben, hätte sie überlebt." Angehörige

In Manaus und auch in den großen Metropolen im Süden hat sich die Lage inzwischen etwas entspannt. Es gibt wieder freie Krankenhausbetten. Doch für eine Entwarnung ist es zu früh. Das Virus ist nicht verschwunden, es grassiert jetzt im "Interior", im Hinterland. Dort, wo keine Kamera Bilder von Särgen einfängt, oder von Patienten, die um Atem ringen.

"Wir sehen eine ganz klare Tendenz, dass die Krankheit ins Hinterland zieht. Das sind Regionen, aus denen wir viel weniger Meldungen über Fälle bekommen. Damit verlieren wir den Überblick über die Epidemie." Cecília Hirata, Ärzte ohne Grenzen

Kritische Lage in den Armenviertel

Nach wie vor bereiten aber auch die Elendsgürtel der brasilianischen Metropolen Sorgen. In manchen Favelas haben sich an die 30 Prozent der Menschen angesteckt, wie Reihenuntersuchungen ergaben. Abschottung, Ausgangssperren und Abstandsregeln funktionieren nicht, wo Menschen dicht auf dicht gedrängt leben. Und wo die Menschen darauf angewiesen sind, Tag für Tag ein bisschen Geld zu verdienen. Wie in Vila Cruzeiro, am Rand von Rio.

"Das ist viel schlimmer als eine kleine Grippe. Gegen Grippe kann man sich ja impfen lassen, aber gegen das gibt es nichts. Deshalb geht man dem Virus besser aus dem Weg." Bewohner von Vila Cruzeiro
"Uns allen ging es richtig schlecht. Viele Leute hier hatten diese Grippe. Aber wir waren nicht im Krankenhaus. Dort grassiert ja jetzt diese Pandemie und sie behandeln uns ohnehin nicht. Ganz ehrlich, uns haben doch alle im Stich gelassen." Bewohner von Vila Cruzeiro

Sorglosigkeit am Strand von Rio

So erklärt sich wohl, wie Brasilien zum Hotspot der Pandemie wurde. Vom Staat gibt es eine finanzielle Soforthilfe, die allerdings bei vielen nicht ankommt, Millionen von Menschen fallen durch das Raster. Dazu kommen widersprüchliche und manchmal unklare Anordnungen. Denn für die Corona-Regeln sind die einzelnen Bürgermeister zuständig. An den Stränden von Rio lässt sich beobachten, dass sich kaum noch jemand an die Regeln gebunden fühlt. Obwohl Schwimmen und auch Sonnenbaden eigentlich noch verboten sind.

"Ach, weiß nicht. Ist, glaub' ich, für alles freigegeben. Fürs Sonnenbad, zum Spielen, für alles. Man kann ja nicht die Leute daheim einsperren." Bewohner von Rio
"Soviel ich weiß, ist der Strand nur für Sport freigegeben, aber nicht zum Baden, aber nicht mal die Polizisten haben doch Masken auf!" Bewohner von Rio
"Da passt gar nichts mehr zusammen, ständig ändert sich alles. Der Gouverneur und der Bürgermeister wissen ja nicht, was sie machen. Gestern war die Polizei hier und hat alle vertrieben, am Nachmittag haben die Polizisten dann aber alle an den Strand gelassen. Heute auch." Bewohner von Rio

Und aus der Quarantäne heraus ermuntert der Präsident seine Anhänger noch, Corona nicht zu ernst zu nehmen. Ihm gehe es ja auch ganz gut mit dem Virus.

"Lasst uns auf die Älteren aufpassen, die schon Vorerkrankungen haben. Die Jüngeren sollen vorsichtig sein, aber wenn ihr Euch das Virus einfangt, bleibt ruhig - die Gefahr, dass Euch was Schlimmes passiert, ist fast null." Jair Bolsonaro, brasilianischer Präsident

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