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Bundestag berät über Down-Syndrom-Bluttest als Kassenleistung | BR24

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Der Bundestag diskutiert heute über Bluttests, die Trisomien bereits im Mutterleib erkennen können. Gesundheitsminister Spahn will den Test zur Kassenleistung machen. Eine Frage steht dabei über allem: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

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Bundestag berät über Down-Syndrom-Bluttest als Kassenleistung

Der Bundestag diskutiert heute über Bluttests, die Trisomien bereits im Mutterleib erkennen können. Gesundheitsminister Spahn will den Test zur Kassenleistung machen. Eine Frage steht dabei über allem: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

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Stephan Pilsinger ist Arzt. Er arbeitet trotz seines Bundestagsmandats immer noch in Teilzeit in seinem Beruf. Bei der Lebenshilfe hat er viel über Menschen mit Behinderungen gelernt. Als Mitglied der Christlich-Sozialen Union steht für ihn der Schutz des Lebens ohnehin ganz oben. Und trotzdem ist der 32-jährige Münchner nach langem Ringen nun dafür, den Bluttest zur Erkennung von Trisomien zur Kassenleistung zu machen. Zweifel bleiben. Pilsinger sagt, wenn der Test nicht bezahlt wird, würden Frauen eben die gefährlichere Fruchtwasseruntersuchung machen lassen. Das sei seine Abwägung.

💡 Was ist Trisomie 21?

Trisomie 21, oder auch oft Down-Syndrom genannt, ist eine unveränderbare genetische Besonderheit: Anstatt der üblichen 23 Chromosomenpaare in menschlichen Zellen weisen die Zellen der Menschen mit Trisomie 21 ein zusätzliches Chromosom auf. Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreifach vorhanden. (Erklärt von Andrea Lindner, BR24)

Bluttest löste Fruchtwasseruntersuchung ab

Die Fruchtwasseruntersuchung - dabei wird mit einer Nadel in den Bauch der Schwangeren gestochen – ist mit vielen Risiken verbunden. Der Fötus kann verletzt werden, die Wahrscheinlichkeit eines Abgangs ist groß.

So gesehen ist der Bluttest ein Fortschritt, der nach Meinung der Bundestagsabgeordneten der Linken, Petra Sitte, auch nicht mehr rückgängig zu machen ist. Selbst wenn die Kassen die Finanzierung nicht übernähmen, würde weiterhin auf Trisomien geprüft werden, sagt sie. Und auch Axel Gehrke von der AfD gibt zu bedenken: Jede Frau könne den Test heute schon durchführen lassen. Sie müsse ihn halt nur selbst bezahlen.

Sollen die Kassen den Test nur Risikoschwangeren bezahlen?

Der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger will sich deswegen dafür einsetzen, dass der Test wirklich nur Risikoschwangeren bezahlt wird. Als Routine lehnt er den Bluttest ab. Auf diesem Standpunkt steht auch die ehemalige SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Würde der Test bei allen Frauen durchgeführt, wäre die Zahl der falschen Befunde sehr hoch, sagt Schmidt. Es würden Trisomien diagnostiziert, die am Ende gar keine seien.

Die Wissenschaft spricht hier von "falsch-positiven Fällen". Der Test errechnet anhand der DNA des Kindes, die auch im Blut der Mutter schwimmt, wie oft beispielsweise das Chromosom 21 vorkommt. Wirklich nachweisen kann man das aber nur mit einer Fruchtwasseruntersuchung.

Sorge vor "perfekter" Gesellschaft ohne Behinderte

Mediziner stellen fest, dass bei weitem nicht nur Risikoschwangere den Test machen wollen, sondern auch viele junge, gesunde Frauen ohne jegliche familiäre Vorgeschichte. Dabei nimmt Stephan Pilsinger auch seine Mediziner-Kollegen in die Pflicht. Er habe die Sorge, dass dann gesagt werde: "Den Test machen wir doch schnell mit, oder?!" Werdende Mütter müssten dann schon stark bleiben, um zu sagen: "Nein, ich möchte diesen Test nicht machen. Ich nehme es, wie es kommt."

Das Recht auf Nichtwissen wird nicht immer akzeptiert

Die SPD-Politikerin Ulla Schmidt kennt genügend Fälle, in denen sich werdende Eltern mit dem Wunsch nach Nicht-Wissen-Wollen gegen Mediziner durchsetzen mussten. Und sie habe Paare erlebt, die am Ende mitleidig angeschaut wurden mit den Worten: "Das hättest du doch wissen können, das hättest du doch verhindern können." Das Recht auf Wissen steht offenbar manchmal höher als das Recht auf Nichtwissen.

Unklare Zahlen über Abtreibungen nach Trisomie-Test

Der Bluttest ist ab der zehnten Schwangerschaftswoche möglich. Bis zur zwölften Woche kann eine Frau in Deutschland nach einer verpflichtenden Beratung straffrei abtreiben. Wie viele das tun, weil ihr Kind vermutlich eine Trisomie hat, darüber gibt es unterschiedliche Zahlen.

Neun von zehn Kindern werden nach einem solchen Test abgetrieben, heißt es immer wieder. Das Statistische Bundesamt kann sich das nicht erklären. Denn der Grund "Das Kind ist behindert" ist als Kriterium für die Statistik gar nicht erlaubt.

Das Beispiel Dänemark zeigt aber, dass der Test die Gesellschaft durchaus verändern kann. Dort wird der Bluttest seit 2005 allen Schwangeren angeboten. Die Zahl der Kinder, die mit Down-Syndrom geboren werden, hat sich seitdem halbiert.