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Ausbeutung in der westafrikanischen Kakaoindustrie

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Blutiger Nikolaus: Ausbeutung in der Kakaoindustrie

Während rund um die Nikolauszeit vor allem in Europas Kinderzimmern fleißig Schokolade genascht wird, sind es oft auch Kinder, die unter prekären Bedingungen arbeiten müssen. Trotz zahlreicher Versprechungen nimmt die Kinderarbeit in Westafrika zu.

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Von
  • Dunja Sadaqi

Eine Kakaoplantage in der Region Aboissa im Süden der Elfenbeinküste. Die Polizei ist gekommen, um zu kontrollieren. Wo arbeiten Kindern auf den Kakaoplantagen anstatt zur Schule zu gehen? Sie werden fündig. Ein kleines Mädchen, etwa sieben Jahre alt, mit rosa Pulli weint und klammert sich an seine Mutter.

Die beteuert, das Kind arbeite nicht, aber sie sei dieses Jahr nicht in die Schule gegangen. Sie hätte dieses Jahr kein Geld für die Schulgebühren. Trotzdem kommen Mutter und Tochter mit aufs Revier, sagt Polizeichefin Rosa Kanda der Nachrichtenagentur Reuters. Die Mutter könne zeigen, dass das Kind in Klasse zwei gehört und zumindest im vergangenen Jahr zur Schule gegangen sei.

Kinderarbeit in der Kakaoproduktion ist keine Seltenheit

Hier wird kontrolliert, was in der Elfenbeinküste schon lange ein großes Problem ist: Kinderarbeit. Laut einer aktuellen (Oktober) Studie des NORC-Forschungsinstituts an der Universität von Chicago arbeiten rund 1,6 Millionen Kinder in der Kakaoproduktion in Ghana und der Elfenbeinküste.

Etwa 43 Prozent aller Kinder zwischen fünf und 17 Jahren arbeiten unter besonderen Gefahren, zum Beispiel nachts, mit scharfen Werkzeugen oder sie sind chemischen Mitteln ausgesetzt.

Die Bilanz der Studie ist bitter: Der Gesamtanteil der Kinderarbeit hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen, genau wie die Kakaoproduktion. Nach Angaben der Fairtrade Foundation fließen aber nur rund sechs Prozent der Gesamteinnahmen der Schokoladenindustrie an die Landwirte zurück.

Die Gewinner seien nicht die Erzeuger, erzählt Yao Koffi Jean Baptiste, er ist Kakaobauer in Tafissou, im Zentrum der Elfenbeinküste. Er sagt, viele Bauern hätten schlicht und einfach kein Geld, um Erntehelfer anzustellen. Sie müssten heute das doppelte verdienen, um ihre Existenz zu sichern.

Corona und sinkende Preise verschlechtern Lage

Die sinkenden Kakaopreise und die Corona-Pandemie hätten die Bauern zusätzlich getroffen, auch wenn die Regierung den Preis für ein Kilo Kakao festgesetzt habe auf 1.000 CFA (umgerechnet ca. 1,50 Euro). Das Geld reiche hinten und vorne nicht, so Baptiste. Die Kinder müssten zur Schule gehen, die Arbeiter müssten bezahlt werden, Vorräte könne er sich nicht leisten. Und es gebe nicht genug Kakao, da die Erde nicht mehr so fruchtbar ist, so der Bauer.

Weil das Geld knapp ist und Erntehelfer zu teuer geworden sind, müssen häufig Kinder nach der Schule auf den Plantagen ihrer Eltern mithelfen oder sie arbeiten auf fremden Plantagen, um ihre armen Familien zu unterstützen. Menschenrechtsorganisationen prangern seit Jahren an, dass große Schokoladenhersteller wie Nestlé oder Mars bereits längst hätten Kinderarbeit in ihren Lieferketten abschaffen können.

Problem bleibt - trotz Fortschritten

Doch auch nach gut 20 Jahren an Versprechungen und nach eigenen Zielsetzungen, die immer wieder verschoben wurden, bleibt Kinderarbeit ein Problem der Kakaoindustrie.

Das sieht ein Vertreter der Branche anders. Allatin Brou, stellvertretender Länderkoordinator der International Cocoa Initiative (ICI), einer Organisation von rund 100 führenden Unternehmen der Kakao-Branche. Er sagt, es habe deutliche Fortschritte gegeben.

In der Tat habe der Kakaosektor versprochen, die Kinderarbeit auf Plantagen zu reduzieren, erzählt Brou. Der Zugang zu Bildung habe sich in den vergangenen zehn Jahren stark verbessert, aber geschätzt seien derzeit leider nur etwa zehn bis 20 Prozent der Kakao-Lieferkette in der Elfenbeinküste und Ghana durch wirksame Schutzsysteme abgedeckt.

"Viele unserer Partner sind kürzlich erhebliche Verpflichtungen eingegangen, um diese Abdeckung zu erhöhen, sodass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Brou. Zudem hätten Schokoladenhersteller beispielsweise dabei geholfen Schulen zu bauen. Auch die Studie aus Chicago sage, dass dort, wo Hersteller gezielt agierten, Kinderarbeit deutlich reduziert werde.

Tun Unternehmen zu wenig?

Und da liegt die Hauptkritik: Die Industrie mit ihren Milliardengewinnen hätte schon weitaus mehr tun können, um die Situation von Erzeugern zu verbessern, sodass Kinderarbeit schon heute kein Problem mehr sein müsste. Dazu gehören etwa höhere Preise für die Erzeuger, Hilfe bei der Produktionssteigerung, strengere Kontrollen und Entwicklungsprogramme in den kakao-produzierenden Gemeinden.

Aber auch die großen Schokoladen-Konsumenten wie Europa oder die USA müssten ihre Schoko-Konzerne stärker in die Pflicht nehmen. Vor dem Obersten Gerichtshof in den USA wird gerade darüber verhandelt, ob Schokoladenunternehmen für Kinderarbeit auf den afrikanischen Plantagen verantwortlich gemacht werden können.

Mittlerweile haben auch die kakao-produzierenden Nationen Elfenbeinküste und Ghana gemeinsam reagiert. Seit Oktober müssen Käufer von Kakaobohnen eine Prämie von etwa 400 US-Dollar (ca. 334 Euro) pro Tonne zahlen. Große Hersteller von Schokoladenprodukten stehen auch in diesem Zusammenhang am Pranger, schon jetzt versuchen sie laut Kritikern die Prämien durch Tricks zu umgehen.

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