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Bioresonanz - Fragwürdige Messungen für den Verbraucher | BR24

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Gesundheit messen, das hört sich gut an! In kurzer Zeit über 200 Parameter ohne Blutabnahme. Bioresonanz ist u.a. bei Heilpraktikern, Apotheken oder auch Ärzten zu finden. Experten haben die Geräte untersucht: Ihr Fazit ist ziemlich eindeutig.

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Bioresonanz - Fragwürdige Messungen für den Verbraucher

Gesundheit messen, das hört sich gut an! In kurzer Zeit über 200 Parameter ohne Blutabnahme. Bioresonanz ist u.a. bei Heilpraktikern, Apotheken oder auch Ärzten zu finden. Experten haben die Geräte untersucht: Ihr Fazit ist ziemlich eindeutig.

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Einfach einen silbernen Messstab in die Hand nehmen und 90 Sekunden warten. Gleichzeitig startet ein Computerprogramm, das graphisch darstellt, welche Körperfunktion gemessen wird. Medizinische Sensation oder gefährliche Scharlatanerie?

Was wird gemessen?

Der Kinderarzt und Allergologe Prof. Walter Dorsch hat schon Anfang des Jahres zusammen mit einem Ärzteteam solche Bioresonanz-Geräte untersucht. Das ARD-Magazin report München hat diese Tests mit der Kamera begleitet und damals darüber berichtet. Auf dem Markt gibt es Geräte vieler Hersteller, die alle nach demselben Prinzip funktionieren. Gemessen werden physikalisch nicht nachweisbare sogenannte "Skalarwellen", die angeblich die Bioresonanz des Körpers abbilden.

Die Testgruppe bestand aus Ärzten und Arzthelferinnen der Münchner Kinderarztpraxis des Professors. Das Team testete Geräte verschiedener Hersteller. Die Resultate waren alle ähnlich. Die Befunde hatten nichts mit der realen medizinischen Situation der Testpersonen zu tun. Die Kinderärztin Dr. Cornelia Czap sagte: "Ich fasse ein Gerät an über eine Minute und er bildet sämtliche Werte meines Körpers ab - das kann nicht sein."

Leberkäse hat dieselben Werte wie die Testperson

Deswegen kommt der Verdacht auf, dass überhaupt keine Messung stattfindet. Um das zu untersuchen, wurde in einem zweiten Durchgang mit einem Leberkäse gemessen. Statt der Hand eines realen Menschen bot man dem Messfühler jetzt einen Leberkäse an.

Das Ergebnis war verblüffend: Der Leberkäse lieferte die exakt selben Werte, wie der Patient, unter dessen Namen er gemessen wird. Ein und derselbe Leberkäse produzierte so fünf verschiedene Gesundheitsprofile. Professor Dorsch war entsetzt:

"Wenn meinem Leberkäse ein Erektionskoeffizient im hochnormalen Bereich konstatiert wird, ein phantastisches Samenvolumen und eine Spermienverflüssigung, dann ist das einfach ein Witz. Das sind Begrifflichkeiten, die eine medizinische Terminologie vortäuschen aber keine sind." Kinderarzt und Allergologe Prof. Walter Dorsch

Teure Nahrungsergänzungsmittel

Geht es am Ende darum, mit pseudowissenschaftlichen Methoden Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen? Auffällig: Bei jedem Test, egal ob mit Leberkäse oder Mensch, werden angeblich gesundheitliche Probleme erkannt, die sich durch Nahrungsergänzungsmittel beheben lassen.

Die Testreihe mit dem Leberkäse und die Berichterstattung zeigte aber Wirkung. Eine Reformhauskette, bei der report München die Geräte untersucht hatte, hat das Angebot gestoppt und eine umfangreiche Untersuchung der neun im Betrieb befindlichen Bioscan-Geräte gestartet.

Beschwerde bei der Landesärztekammer

Nach der Berichterstattung meldete sich ein Patient, der anonym bleiben möchte, bei der Redaktion. Er hat Beschwerde bei der Landesärztekammer Bayern eingereicht. Ihm wurden von einem Arzt nach mehreren Tests unter anderem auch mit dem Bioscan, eine Therapie mit teuren Nahrungsergänzungsmitteln der Firma "Mito Care" empfohlen.

Das Pikante daran: Der Arzt ist selbst Teilhaber von "Mito Care". Diesem Fall geht Kontrovers weiter nach. Als wir den Arzt konfrontieren, sagt er: "Das ist richtig, wir empfehlen Produkte auch einer Firma, die uns gehört. Wir empfehlen aber auch Produkte von Firmen, die uns nicht gehören. Was wir machen ist: Wir haben einen Behandlungsvertrag und diesen Behandlungsvertrag bekommt jeder neue Patient, dann wird der Patient aufgeklärt darüber, dass wir mit der Firma "Mito Care" zusammenarbeiten und auch Eigentümer dieser Firma sind und wir lassen uns explizit unterschreiben, ob der Patient diese Naturstoff-Therapie will oder nicht."

Nahrungsergänzungsmittel vom Arzt

In den Apotheken rund um die Praxis tauchen viele Patienten mit Therapieplänen und Privatrezepten auf. Die Mehrheit, so die Apotheker, verlangt nach den Produkten der Firma "Mito-Care".

Was sagt die Landesärztekammer? Dürfen Ärzte das? Mit Therapieplänen Produkte der eigenen Firma verordnen? Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, erklärt: "Die Produktion in eigener Firma ist natürlich etwas, was grundsätzlich nicht verboten ist. Die Abgabe solcher "Nahrungsmittelergänzungsstoffe" in der eigenen Praxis geht natürlich nicht, nach der Berufsordnung, weil es uns im Zusammenhang mit der ärztlichen Tätigkeit nicht gestattet ist, in der Praxis oder in der Ausübung unseres Berufes solche Waren oder solche Leistungen abzugeben."

Ein Arzt darf also seine eigenen Produkte empfehlen, aber nicht verkaufen. Die Untersuchungsmethode bleibt weiter fragwürdig.

Die Reformhauskette, bei der report München die Geräte getestet hatte, überprüfte nach der Berichterstattung neun Bioscan-Geräte. Sie will den Bioscan nicht mehr einsetzen und verhandelt über eine Rückgabe der Geräte. Auch die Burnout-Praxis in München will den Einsatz des Bioscan-Gerätes überdenken und in Österreich hat die Arzneimittelbehörde nach einer Anzeige Ermittlungen aufgenommen.