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Bildrechte: picture alliance/K M Asad/dpa

Die Coronakrise hat die für Bangladesch so wichtige Textilindustrie in eine tiefe Krise gestürzt. Aufträge in Milliardenhöhe wurden storniert - das Ende des Billigkleider-Booms? Für die Näherinnen in den Fabriken ist es eine Katastrophe.

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Billigmode aus Bangladesch: Krise trifft Näherinnen

Die Coronakrise hat die für Bangladesch so wichtige Textilindustrie in eine tiefe Krise gestürzt. Aufträge in Milliardenhöhe wurden storniert - das Ende des Billigkleider-Booms? Für die Näherinnen in den Fabriken ist es eine Katastrophe.

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Von
  • Bernd Musch-Borowska

Rund 1.150 Textilfabriken in Bangladesch mit mehr als 2 Millionen Beschäftigten haben den Betrieb eingestellt, manche nur zeitweise, manche endgültig. In der Hauptstadt Dhaka, in Chittagong und an anderen Produktionsstandorten, sind in den vergangenen Wochen immer wieder Tausende Näherinnen auf die Straße gegangen, um gegen ihre Entlassung zu protestieren und ihre seit Monaten ausstehenden Löhne einzufordern.

Näherinnen ohne Arbeit und Lohn

Betroffen ist auch Kabari Khatun, eine junge Mutter aus Dhaka, die bis vor kurzem noch in einer Textilfabrik für Billigkleidung beschäftigt war. Ende März, so erzählt sie, habe ihr Chef gesagt, die Arbeiterinnen sollten ein paar Tage Urlaub nehmen.

"Von Kündigung war keine Rede. Wir sollten zuhause bleiben, bis sie uns wieder rufen. Aber bis heute haben wir nichts gehört", sagt Khatun. Sie hat seit mehr als drei Monaten kein Geld mehr bekommen. Wenn sie in der Fabrik nachfragt, wird sie vertröstet.

Modefirmen kehrten Bangladesch den Rücken

Die Fabrikbesitzer hätten auch anders reagieren können, um zusammen mit ihren Beschäftigten die Krise zu überstehen, klagt die Aktivistin Kalpona Akter vom Zentrum für Arbeiter-Solidarität.

Die Branche habe in den vergangenen Jahren viel Geld verdient. Jetzt hätten die Arbeiterinnen und Arbeiter am stärksten unter der Krise zu leiden: "Die Hauptverantwortung tragen die Modefirmen, die Handelsunternehmen und die Hersteller", so Akter. "Die haben den größten Anteil am Gewinn, nicht die Arbeiterinnen. Doch als die Krise begann, haben die uns den Rücken zugekehrt und sind einfach gegangen."

Fabriken kämpfen um Aufträge und ums Überleben

Die Textilindustrie in Bangladesch ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige des Landes mit einem Exportvolumen, das mit rund 40 Milliarden US-Dollar angegeben wird. 80 Prozent aller Exporte entfallen auf diesen Bereich. In den Textilunternehmen des Landes sind mehr als vier Millionen Menschen beschäftigt.

Die Corona-Pandemie habe die Branche in eine tiefe Krise gestürzt, klagt Atiqul Islam Apu, ein führender Manager der Babylon Group, einem Textilunternehmen, das unter anderem für ZARA und H&M Billig-Klamotten herstellt: "Wir haben 40 Prozent weniger Aufträge", erzählt er. Es gehe nicht mehr um Gewinn, es gehe ums Überleben des Unternehmens.

Ende des Billigmode-Booms?

In der Branche wird bereits darüber diskutiert, dass Billig-Klamotten aus Bangladesch möglicherweise keine Zukunft mehr hätten. Deutschland plant die Verabschiedung eines Lieferkettengesetzes, das alle Unternehmen dazu verpflichtet, auch bei ihren Zulieferern im Ausland auf die Einhaltung von Mindeststandards im Produktionsprozess zu achten.

Zudem wurde im vergangenen Jahr der sogenannte grüne Knopf eingeführt, ein Gütesiegel, das für ökologisch hergestellte Kleidungsstücke vergeben wird, bei deren Produktion auch anspruchsvolle Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden müssen.

An der Billigmode hängen viele Jobs

Bessere Arbeitsbedingungen für die Textilarbeiterinnen wären gut, meint Kalpona Akter. Wichtiger sei es aber, überhaupt einen Job zu haben. "Die Billig-Klamotten sind für niemanden gut", sagt sie. Die Näherinnen verdienten zu wenig, die Umwelt leide. "Aber wenn Sie mich fragen, ob man solche Billig-Klamotten in Zukunft überhaupt noch kaufen soll, dann lautet meine Antwort, ja, auf jeden Fall", so Akter. "Denn diese Jobs sind sehr wichtig für uns."

Sie fordert die Kunden auf, mehr Druck zu machen, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie besser bezahlt werden.

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