Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Bildung im Kosovo – Versagen eines jungen Staates | BR24

© picture alliance / AP Photo

Schulkinder in Pristina malen die US Flagge

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Bildung im Kosovo – Versagen eines jungen Staates

Die Republik Kosovo ist erst seit elf Jahren unabhängig. Wie Politik in diesem jungen Staat funktioniert, lässt sich gut im Bereich Bildung beobachten. Vielen arbeitslosen Akademikern steht ein Mangel an Facharbeitern und Handwerkern gegenüber.

Per Mail sharen

Bernd Baumgarten geht über das Gelände der Diakonie Kosova Der 68-Jährige lebt seit zehn Jahren in Mitrovica, einer 80.000-Einwohner-Stadt im Norden des Kosovo. Dort organisiert Baumgarten vor allem Ausbildungskurse für junge Kosovarinnen und Kosovaren.

Soziologen kämpfen mit Lockenwicklern

In einem der holzverkleideten, einstöckigen Gebäude kämpfen an diesem Morgen einige junge Frauen mit den Widrigkeiten von Lockenwicklern. Auch Ylberina Ozturk versucht sich an dem Übungskopf mit Perücke. Sie zählt mit 32 Jahren eher zu den Älteren hier – ist aber nicht die Einzige, die schon ein Studium hinter sich hat.

"Ich habe einen Master-Abschluss in "European Policy", habe an einer privaten Hochschule in Pristina studiert. Ich bin aber auch verheiratet, Mutter von zwei kleinen Kindern und kann nicht jeden Tag zur Arbeit nach Pristina fahren. Und in Mitrovica finde ich keinen Job. Dafür müsste ich als Politologin Mitglied einer Partei sein." Ylberina Ozturk

Ähnlich sieht es bei Kaltryna Hasani aus, die ebenfalls Friseurin werden will - gezwungenermaßen. Die 28-Jährige hat vor sechs Jahren ihren Master in Soziologie an der staatlichen Universität Pristina gemacht – und seitdem vergeblich eine Arbeit gesucht.

"Ohne Beziehungen läuft da gar nichts in dem Bereich, so ist das eben im Kosovo. Ich kann nur sagen: Von hundert Soziologie-Absolventen aus meinem Jahrgang haben vielleicht zwei einen Job, der mit ihrem Studium zu tun hat. Der Rest ist ins Ausland gegangen, jobbt irgendwo anders oder sitzt zu Hause herum." Kaltryna Hasani

Wertlose Diplome, verlorene Zeit

Was die beiden Frauen berichten, ist laut Bernd Baumgarten symptomatisch für das gesamte Bildungswesen im Kosovo. Besonders auf die vielen privaten Hochschulen mit ihrem zweifelhaften Ruf ist er nicht gut zu sprechen:

"Das ist eben ein Markt, auf dem Sie Geld verdienen können und ich kann das immer nur so hart sagen: Da werden wirklich junge Leute verarscht, die in ihre Zukunft investieren wollen und dann nach Jahren auf einmal merken: Das Diplom hat einen Wert, der tendiert gegen Null." Bernd Baumgarten

Friseurinnen hingegen werden gesucht. Genauso gut sehen die Job-Perspektiven für Klempner, Fliesenleger oder Elektriker aus. Auch die werden in fünfmonatigen Kursen im Trainingszentrum der Diakonie ausgebildet. Dafür zahlen sie einen Eigenanteil zwischen 35 und 70 Euro pro Monat.

Ausbildung ohne Praxiserfahrung

Dabei gibt es durchaus staatliche Berufsschulen, aber ihre Ausbildungskonzepte hätten eben nichts mit dem Berufsalltag zu tun, bemängelt Bernd Baumgarten:

"Bei uns sind alle Trainings so, dass wir etwa 70 Prozent Praxis haben, denn wir brauchen in dem Land keine Theoretiker, sondern Praktiker. Die technischen Schulen hier sind aber ganz anders ausgerichtet. Da können sie drei Jahre lang Installateur lernen, nur theoretisch. Die haben keine Praxisräume, die kommen dann zu uns einmal die Woche. Und wir helfen der Schule, damit die ein bisschen Praxiserfahrung kriegen." Bernd Baumgarten

Der Kosovo: ein junger Staat mit überdurchschnittlich vielen jungen Menschen – denen ihr Heimatland jedoch zu wenige Perspektiven bietet. Das Thema Bildung und Ausbildung wird letztlich auch darüber mitentscheiden, wie zukunftsfähig die kleine Balkanrepublik Kosovo ist.