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Vom Druck, glücklich zu sein: Bhutans junge Demokratie | BR24

© picture-alliance/dpa

Bhutans junge Demokratie

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    Vom Druck, glücklich zu sein: Bhutans junge Demokratie

    Bhutan, das letzte Paradies auf Erden? Zwischen China und Indien leben 770.000 Einwohner nach buddhistischer Religion. Sinnsuchende Touristen haben den Mini-Staat als Hort der Ruhe für sich entdeckt. Es gilt als Land des Glücks.

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    Das Recht auf Glück ist in Bhutan per Gesetz Ziel allen staatlichen Handelns und in der Verfassung verankert. Nicht die üblichen Parameter wie Wirtschaftswachstum oder Bruttoinlandsproduktion gelten als Maß aller Dinge, sondern die Zufriedenheit der Einwohner. Soweit die Theorie, meint Karma Phuntsho. Er ist Historiker, hat an den Universitäten von Cambridge und Oxford studiert. Phuntsho kennt die Geschichte seines Landes wie kein anderer.

    Der eloquente Wissenschaftler hat 2013 als erster Bhutaner eine Gesamtgeschichte des Landes auf Englisch vorgelegt; in religiöse und philosophische Diskurse mischt Karma Phuntsho sich gerne ein: "Im Westen gibt es zahlreiche Irrtümer über Bhutan. Das ist zum Teil auf die westlichen Orientalisten zurückzuführen. Zum anderen liegt es in der späten Öffnung Bhutans begründet. Aber dass Bhutan sich selbst isoliert habe, das ist völlig falsch! Wenn man ungenügende Informationen hat, dann neigen Menschen dazu, ein exotisches, mystisches Bild sich zu konstruieren: Im Westen sieht man Bhutan als Shangri-La, als das glücklichste Land der Welt. Aber das ist nicht der Fall. Natürlich, wir Bhutaner streben danach, glücklich zu sein, haben Glück auf die Entwicklungsagenda gesetzt. Aber Bhutan ist derzeit sicher nicht der glücklichste Ort der Welt."

    "Welt-Glücks-Bericht"

    Zum selben Ergebnis kommt auch eine Studie des US-amerikanischen Markt- und Meinungsforschungsinstituts Gallup. Der "Welt-Glücks-Bericht" wird jährlich herausgegeben im Auftrag der Vereinten Nation und enthält eine Rangliste zur Lebenszufriedenheit verschiedener Länder der Welt. Berücksichtigt wurden außerdem Faktoren wie Bruttoinlandsprodukt, Lebenserwartung und Korruption in Regierung und Wirtschaft. Von 156 untersuchten Ländern liegt Bhutan 2019 nur im unteren Mittelfeld und rangiert auf Platz 95. An erster Stelle: Finnland - gefolgt von anderen nordeuropäischen Ländern. Karma Phuntsho erklärt das so: "Acht bis zehn Prozent aller Bhutaner leben in bitterer Armut. Wenn man nicht genug Brot zum Essen hat, wenn man über kein sauberes Wasser zum Trinken verfügt, kann man nicht wirklich sagen: Diese Menschen sind glücklich. Natürlich gibt es Bhutaner, die sich trotzdem glücklich fühlen. Aber Menschen brauchen Mindestvoraussetzungen für ein glückliches Leben. Und als Drittweltland kämpft Bhutan mit diesen Bedingungen."

    Demokratie als Experiment

    2008 wandelte sich Bhutan von einer absolutistischen Monarchie in eine konstitutionelle. Es sei keine Volksbewegung gewesen, die den König zum Abdanken gezwungen habe, sagt Phuntsho, sondern freiwilliger Machtverzicht. Der Historiker erklärt diesen Systemwechsel mit dem Konzept des weisen und vorausschauenden Herrschers, der aus den revolutionären Umstürzen der europäischen Geschichte gelernt habe. Seitdem sind die Wähler in Bhutan recht experimentierfreudig. In den drei bisherigen Wahlen wechselten sie stets von einer Partei zur nächsten. Das wertet der Historiker als Unzufriedenheit, obgleich der Staat zuletzt ein wirtschaftliches Wachstum von acht Prozent verzeichnen konnte: "Für eine Nation, die politisch, sozial, wirtschaftlich überleben will, bedarf es mehr, als sich nur auf eine einzelne Person zu verlassen. Der König hat das in seiner Weisheit erkannt und eine konstitutionelle Monarchie eingeführt. Heute mag Bhutan einen wunderbaren König haben. Aber wer weiß schon, wer König in 50 Jahren sein wird und ob das Land sich dann noch auf einen weitsichtigen, edlen Führer stützen kann."

    Der Glücksfilter mit seinen Dutzenden Kriterien, den alle Projekte im Land per Gesetz passieren müssen, behindere die Entwicklung, da ist sich Karma Phuntsho sicher. Gute Regierungsführung oder staatlich verordnete Gängelei? Per Gesetz sind Plastiktüten verboten, die Jagd und die Besteigung der als Sitz der Götter angesehenen Berggipfel. Ein striktes Rauch- und Tabakanbauverbot führt bei Zuwiderhandlungen zu hohen Geldstrafen. Vor einigen Jahren sollte auf Fast Food eine Sondersteuer erhoben werden, aber das ist Geschichte.

    Wirtschaftsfaktor Tourismus

    Heute steht in Bhutan insbesondere der Tourismus im Vordergrund. Er ist die zweitwichtigste Einnahmequelle für den Staatshaushalt im Land. Der zuständige Minister Dorji Dhradhul hat ehrgeizige Pläne. Er will aus Bhutan eine Luxus-Destination machen, um wirtschaftlich unabhängiger vom übermächtigen Nachbarn Indien zu werden. Die Idee ist nicht wirklich neu. Bhutan für den Tourismus zu öffnen, wurde bereits in den 1970er Jahren angepeilt: "Das war anlässlich der Krönung unseres vierten Königs. Er hatte entschieden, dass die Welt nun Bhutan kennenlernen sollte. Deshalb kamen 1974 die ersten 270 Touristen anlässlich der Krönung ins Land. Das war Tag 1 des Tourismus. Der König hatte damit auch die Strategie ins Leben gerufen: "High value, low volume". Und danach arbeiten wir auch heute noch, 50 Jahre später."

    "High value – low volume"

    Zahlungskräftige Urlauber in geringer Zahl lautet die Tourismusstrategie des Königreichs. Wie ein Mantra wiederholt der Tourismuschef diese Staatsdoktrin. Bhutan hat in den letzten Jahrzehnten alles darangesetzt, sich als exklusive Destination zu vermarkten. Waren es 1995 rund 5000 Touristen, so kamen 2018 bereits mehr als 250.000. Die Zahl der Besucher hat sich also innerhalb von 23 Jahren verfünfzigfacht. Tendenz weiterhin steigend. Gleichwohl ist der Tourismus nach wie vor strikt reglementiert – was technologiemüde Sinnsucher aus dem Westen geradezu anzieht. Auf sie hat es der Minister abgesehen: "Bhutan ist ein Shangri-La, und diesen Ruf wollen wir stärken. Der Himmel steht allen offen, aber nicht jeder schafft es in den Himmel – nur wer Gutes getan hat! Wer dagegen gesündigt hat, ist nicht der Richtige."

    Für 2025 wünscht sich der Tourismusminister sogar 400.000 Urlauber im Land, fast doppelt so viele wie heute. Der Wunsch ist nachvollziehbar: Die Touristen bringen Geld, schaffen Arbeitsplätze und sind die einzige Alternative zur ökonomischen Abhängigkeit von Indien. Welche Auswirkungen der wachsende Tourismus auf die stark traditionell geprägte bhutanische Gesellschaft haben werde - Minister Dorji Dhradhul bleibt darauf eine Antwort schuldig.

    Bhutan in Zeiten von Corona

    Wegen der Corona-Pandemie lässt die Regierung derzeit keine Ausländer mehr ins Land einreisen. Es gibt eine Kontaktsperre, die Infektionskurve konnte nach den offiziellen Zahlen bislang flach gehalten werden. Ob das so bleibt, ist nicht sicher. In der aktuellen Berichterstattung beunruhigt die ehemalige Fernsehmoderatorin und heutige Vorsitzende des Journalistenverbandes, Namgay Zam, jedenfalls vor allem eines: "Wir erhalten viele religiös motivierte Fake News, meistens werden irgendwelche Nahrungsmittel, Gebete und religiöse Praktiken gegen das Virus empfohlen. Eine kritische Mediendebatte über das Handeln der Regierung gibt es bislang nicht."

    Schwieriger Umgang mit Systemkritik

    Die Scheu in der hierarchischen Gesellschaft des Landes, sich kritisch mit dem Staat auseinanderzusetzen ist in Bhutan weitverbreitet. Hierin spiegelt sich vielleicht eines der größten Paradoxe der von oben verordneten Demokratisierung. Obwohl der König persönlich diesen Prozess angestoßen und seine Macht freiwillig dem Volk übergeben hat, betrachten viele Bhutaner Kritik am Handeln staatlicher Institutionen weiter als Anmaßung. Eine Zivilgesellschaft wie im Westen gibt es in Bhutan kaum. Öffentlicher Protest wird als Form der Gewalt betrachtet. Der König habe den Menschen in Bhutan die Demokratie geschenkt. Mit Leben erfüllen müssten sie sie aber selber, sagt die Vorsitzende des Journalistenverbandes Namgay Zam.

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