Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Bevölkerungswachstum: Wie die Entwicklungshilfe umsteuern muss | BR24

© BR

Weniger Hunger, mehr medizinische Hilfe: Die Bevölkerung in Afrika explodiert. Ein neues Armutsrisiko, jetzt schlagen die protestantischen Kirchen Alarm. Warum die Entwicklungshilfe umsteuern muss

9
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Bevölkerungswachstum: Wie die Entwicklungshilfe umsteuern muss

Weniger Hunger, mehr medizinische Hilfe: Die Bevölkerung in Afrika explodiert. Dadurch droht den Menschen neue Armut und treibt sie in die Flucht. Der Gesamtafrikanische Kirchenverband will die Gläubigen dazu bringen, weniger Kinder zu kriegen.

9
Per Mail sharen
Teilen

Pastorin Lydia Mwaniki leitet den Bereich Frauen und Jugend im Gesamtafrikanischen Kirchenverband, der rund 120 Millionen überwiegend protestantische Christen vertritt. Ein Leitmotiv der Bibel müsse heute anders interpretiert werden, sagt die Pastorin in einer Predigt im kenianischen Nairobi.

"Seid fruchtbar und mehret euch - das gilt nur bis zu der Anzahl an Menschen, die für die Erde noch erträglich sind. Viele denken, sie können so viele Kinder bekommen, wie es ihnen möglich ist, aber das ist ein Missverständnis. Sie missbrauchen diesen Satz." Pastorin Lydia Mwaniki in Nairobi

Kampagne gegen Kinderkriegen

Die überwiegend protestantischen Mitgliedskirchen des Verbands in Afrika sollen die Gläubigen überzeugen, weniger Kinder zu bekommen. Aus Sicht des Verbands ein Akt der Menschlichkeit - denn weniger Kinder bedeutet größere Chancen für die, die da sind.

Schon heute kommen rund 18 Millionen Menschen pro Jahr ins erwerbsfähige Alter, auf sie warten drei Millionen Jobs. Die Bevölkerung dürfe nicht mehr so schnell wachsen, sagt Bright Muwador. Er ist stellvertretender Generalsekretär im Gesamtafrikanischen Kirchenverband.

Für ihn ist offensichtlich, dass sich Entwicklungshilfe grundsätzlich neu aufstellen muss.

"Die Lösung sind nicht weitere Hilfen aus Europa und den USA. Wir müssen die Überbevölkerung in den Griff bekommen. Über 50 Jahre lang haben uns die entwickelten Länder mit Milliarden von Dollars unterstützt. Wenn wir diese Hilfe nicht gegen das Bevölkerungswachstum einsetzen, gibt es keinen Weg, die Armut zu beseitigen." Bright Muwador, Gesamtafrikanischer Kirchenverband

Katholische Kirche schweigt zum Thema Afrika

Inwieweit sich die katholische Kirche in Afrika an der neuen Kampagne beteiligt, ist offen. Gängige katholische Lehrmeinung ist weiterhin: Verhütung ist Sünde, schon deshalb kommt Familienplanung, wie der ökumenische Verband sie anstrebt, nicht in Frage.

Das Thema scheint heikel zu sein, auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks wollte die Deutsche Bischofskonferenz keine Stellungnahme abgeben. Auch internationale Organisationen sind bei diesem Thema zurückhaltend.

Aufklärung über Verhütung

Eine Ausnahme ist die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. Sie betreibt ein Jugendzentrum in einem Slum von Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Jugendliche werden hier zu Coaches ausgebildet.

Eine von ihnen ist Maggy, die mit 16 ein Kind bekommen hat. Sie will andere in ihrem Viertel überzeugen, weniger Kinder zu bekommen und vor allem später damit anzufangen. Gemeinsam mit zwei Freundinnen bricht Maggy auf zu einer Tour durch das Armenviertel. Sie nimmt einen Holzdildo, eine große Packung Kondome und Infos zu anderen Verhütungsmitteln mit. Denn über Verhütung wissen die meisten hier wenig.

Es geht durch eine ärmliche Gegend von Nairobi. Die Straßen sind staubige Pisten, die Häuser erinnern an Auto-Garagen mit Wellblechdächern. Maggy spricht die Jugendlichen direkt an, zeigt, wie man ein Kondom richtig verwendet und klärt Jugendliche über Missverständnisse auf.

"Es gibt das Gerücht, dass man Verhütungsmittel nicht nehmen soll, wenn man noch nicht schwanger war - aber das ist eine Lüge. Du kannst sie nehmen." Maggy klärt in Nairobi Jugendliche auf

Bildung und Arbeitsplätze

Beratung und Aufklärung sind nur ein Weg, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Das mächtigste Mittel sind wirtschaftliche Entwicklung und Bildung. Studien zeigen: Wenn Frauen in Kenia eine weiterführende Schule besucht haben, bekommen sie nur halb so viele Kinder.

Das Problem ist: Auch Bildung spiele in der klassischen Entwicklungszusammenarbeit eine untergeordnete Rolle, sagt Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Die Basisbildung mache weniger als zwei Prozent der Mittel für Entwicklungshilfe aus.

Ein zweiter Faktor sei die wirtschaftliche Entwicklung. Menschen könnten den Sinn von Bildung dann erkennen, wenn sie mit einem Abschluss auch einen Arbeitsplatz finden. Dann gingen auch ungeplante Schwangerschaften zurück.

Deutsche Entwicklungshilfe: Kaum Investitionen in Afrika

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller scheint das Thema durchaus zu erkennen - jedenfalls spricht es der CSU-Politiker in Interviews regelmäßig an. Das Ministerium will es auch den Unternehmen einfacher machen, in Afrika zu investieren. Bisher bleibt der Erfolg allerdings aus. So schreibt das Ministerium selbst von 300.000 exportorientierten Unternehmen in Deutschland. Von denen investieren aber nur rund 1.000 in Afrika. Weniger als ein Prozent.

Dazu kommt: Der Etat des Entwicklungsministeriums sinkt in den kommenden Jahren deutlich.

Bright Muwador vom Gesamtafrikanischen Kirchenverband kann das nicht nachvollziehen. Aus seiner Sicht wird sich das Thema Bevölkerungswachstum für Europa auf Dauer nicht verdrängen lassen.

"Wenn wir weiterhin immer mehr Menschen werden als es unsere Ressourcen hergeben, werden sich diese nach Europa durchkämpfen. Deswegen hat Europa die Pflicht, die Überbevölkerung in Afrika zu bekämpfen. Keine Hilfszahlung der Welt wird die Menschen sonst hier halten." Bright Muwador, Gesamtafrikanischer Kirchenverband

Ein anderes Land macht dagegen vor, wie Investieren in Afrika geht. Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz verweist auf das Engagement Chinas, das in Äthiopien in die Pharmaindustrie und die Textilindustrie investiere. In großen Fabriken seien auf diese Weise rund 40.000 Arbeitsplätze entstanden. Das sei die Form der Entwicklung, die notwendig ist, sagt er.