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"Berliner Zeitung" unter Leitung eines Ex-Spitzels der Stasi | BR24

© BR/Daniel Bouhs

Der ehemalige Stasi-Spitzel Holger Friedrich hat die "Berliner Zeitung" übernommen. Jetzt tauchen im Blatt immer mehr Berichte "in eigener Sache" auf - den Dank an einen alten DDR-Granden inklusive. Wohin driftet die "Berliner Zeitung"?

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"Berliner Zeitung" unter Leitung eines Ex-Spitzels der Stasi

Der ehemalige Stasi-Spitzel Holger Friedrich hat die "Berliner Zeitung" übernommen. Jetzt tauchen im Blatt immer mehr Berichte "in eigener Sache" auf - den Dank an einen alten DDR-Granden inklusive. Wohin driftet die "Berliner Zeitung"?

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Holger Friedrich ist einst mit dem Verkauf eines Softwareunternehmens an SAP zu Reichtum gekommen. Im September überraschte er mit der Nachricht, dass er zusammen mit seiner Frau Silke Friedrich, die eine Privatschule betreibt, die "Berliner Zeitung" übernimmt.

Dank an Egon Krenz

In den vergangenen Tagen hat die "Berliner Zeitung" auf ihren ersten Seiten immer wieder Geschichten mit dem Zusatz "In eigener Sache" platziert. Zum Jubiläum des Mauerfalls schrieben die Friedrichs eine sogenannte "Berliner Botschaft" - fragten, warum man Wladimir Putin nicht die Hand gereicht habe. Egon Krenz, dem letzten zweiten Mann des DDR-Regimes, seien sie ausdrücklich dankbar.

Privat-wirtschaftliche Interessen des Verlegers

Für noch größere Aufregung aber sorgten zwei Enthüllungen anderer Medien über Holger Friedrich. Der Anlass: Seine Zeitung hatte auf der Titelseite einen wohlwollenden Text über den Börsengang einer ostdeutschen Biotech-Firma gedruckt. Erst der "Spiegel" informierte die Öffentlichkeit später über ein nicht unwesentliches Detail: Zeitungsbesitzer Holger Friedrich hält selbst Aktien an dieser Firma, sitzt sogar im Aufsichtsrat - eine fünfstellige Vergütung inklusive.

Ehemaliger IM als Zeitungsverleger

Dann meldet die "Welt am Sonntag": Friedrich, der eine Zeitung besitzt, die früher SED-Organ war und sich in den Neunzigern von einstigen Inoffiziellen Mitarbeitern trennte, war selbst einer. Die Akte der Stasi-Unterlagenbehörde belegt: Bei der Armee horchte er Kameraden aus.

"Es ist alles schiefgelaufen, was man aus Sichtweise von Krisenkommunikation sagen kann", sagt Brigitte Fehrle. Sie stand bis vor drei Jahren bei der "Berliner Zeitung" an der Spitze der Redaktion. Zuletzt hat sie beim "Spiegel" die Aufarbeitung der Relotius-Affäre geleitet. Sie kennt sich aus mit Krisen.

"Krisenkommunikation heißt, man muss die Hoheit über die Abläufe haben und man muss die Deutungshoheit über die Inhalte haben. Und beides ist hier an allen Punkten schiefgegangen." Brigitte Fehrle

Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit im eigenen Haus

Interviews gibt Holger Friedrich seit Bekanntwerden seiner Stasi-Akte vorerst keine. Er reagierte wieder im eigenen Blatt: Die Stasi habe ihn erpresst: Knast oder Konspiration. Seine Redaktion geht in die Offensive: Fünf Redakteure recherchieren nun offiziell die Vergangenheit ihres Verlegers – zusammen mit einem Wissenschaftler und der früheren Leiterin der Stasiunterlagenbehörde, Marianne Birthler.

Trennung von Verlag und Redaktion geplant

Die Redaktion der "Berliner Zeitung" wirbt auch sonst um Vertrauen. "In eigener Sache" betont sie: Sie sei und bleibe unabhängig. Bald soll ein Statut die Trennung von Verlag und Redaktion regeln. Brigitte Fehrle schlägt zusätzlich die Gründung einer Stiftung vor: So könnten die Friedrichs beweisen, dass ihnen wirklich an Unabhängigkeit gelegen sei.

Stasi-Akte ins Netz?

Der Journalist Lars-Marten Nagel, der beim "Handelsblatt" über Wirtschaftskriminalität berichtet, rät der "Berliner Zeitung", radikal alles öffentlich zu machen, um einen Schlussstrich unter die Affären zu ziehen.

"Am besten die Akte ins Netz stellen. Offensiv damit umgehen. Viele andere Wege sehe ich da ehrlich gesagt nicht." Lars-Marten Nagel, Journalist