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Das Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising schlägt weiter Wellen

Bildrechte: BR/Eckhard Querner
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"Benedikt verstrickt sich immer mehr in seine Lügengebilde"

In den vergangenen Tagen prasselte auf den emeritierten Papst Benedikt XVI. heftige Kritik ein. Nun hat er eine "versehentliche" Falschaussage zum Missbrauchsgutachten eingeräumt. Ein Kirchenrechtler betont, Joseph Ratzinger beschädige das Papstamt.

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Andrea NeumeierAndrea NeumeierVeronika WawatschekVeronika WawatschekAntje DechertAntje Dechert
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Systemversagen, Multi-Systemversagen, Kirchen-Beben – so titeln Zeitungen und Online-Medien nach der Veröffentlichung des Gutachtens der Münchner Kanzlei WSW am vergangenen Donnerstag. Vier Tage nach der Veröffentlichung des Gutachtens wird das Beben immer heftiger. Grund sind weitere Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt XVI., der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising war.

Benedikt XVI. hat am Montagvormittag seine Aussagen zum Missbrauchsgutachten korrigiert. Konkret hat er Falschaussagen in seiner Stellungnahme zum Fall des pädophilen Priesters H. eingeräumt, der die Verantwortlichkeit Joseph Ratzingers als ehemaliger Erzbischof von München und Freising berührt. Dass der ehemalige Papst nun zurückruderte, ist wohl auch auf die enorme Kritik zurückzuführen, die auf Benedikt seit der Veröffentlichung des Gutachtens eingeprasselt war.

Pädophiler Pfarrer H. wird in Bayern aufgenommen

Der Fall des pädophilen Pfarrers H. macht seit 2010 international Schlagzeilen. H. konnte sich jahrzehntelang an Jungen vergehen, weil ihn die Kirchenleitung immer wieder in der Seelsorge einsetzte. Statt den Pfarrer anzuzeigen oder kirchenrechtlich zu belangen, wurde er versetzt: In seinem Heimatbistum Essen war H. seit Anfang der 1970er Jahre wegen sexueller Übergriffe auf minderjährige Buben aktenkundig. Das Bistum Essen bat damals Eltern, die den Missbrauch anzeigen wollten, H. nicht der Staatsanwaltschaft zu melden und versprach den Fall intern zu regeln: H. solle weit weg versetzt werden und nie wieder Kontakt zu Kindern haben. 1980 stimmte der damalige Erzbischof von München und Freising, Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt, zu, H. im Erzbistum aufzunehmen. Dieser sollte in Bayern eine Therapie machen.

Ein kircheninternes Dokument, das dem BR vorliegt, legte bereits vor Veröffentlichung des neuen Missbrauchsgutachtens nah, dass der damalige Erzbischof Joseph Ratzinger, in "Kenntnis der Sachlage" war. Doch dessen Privatsekretär Georg Gänsewein dementierte gegenüber dem BR und ließ ausrichten, dass Joseph Ratzinger damals "weder Kenntnis von den gegenüber H. erhobenen Vorwürfen, noch von dem Therapiegrund hatte".

Benedikt war bei entscheidender Sitzung dabei

Auch in seiner 82 Seiten umfassenden Stellungnahme streitet der ehemalige Papst und Münchner Erzbischof jede Verantwortlichkeit im Fall H. ab. Er sei in der entscheidenden Sitzung des Ordinariats am 15. Januar 1980, auf der über die Aufnahme H.s ins Bistum entschieden wurde, schlicht nicht anwesend gewesen, so Benedikt. Doch die Anwälte verwiesen auf ein Sitzungsprotokoll, wonach der damalige Erzbischof Joseph Ratzinger doch anwesend war.

Ein Papst, der die Unwahrheit sagt und schlicht nicht wahrhaben will, welchen Anteil er an dem Leid hat, das Jahrzehnte in der katholischen Kirche stattgefunden hat? Eine Frage, die deutschlandweit nicht nur die Medien, sondern auch viele Gläubige beschäftigt.

Vier Tage nach der Veröffentlichung des Gutachtens nun lässt Papst Benedikt seine Aussage durch seinen Privatsekretär Georg Gänswein korrigieren. Er habe an der Sitzung teilgenommen. Die falsche Angabe sei allerdings nicht aus böser Absicht heraus geschehen, sondern sei Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme. Ein Eingeständnis, das in den Augen der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" nicht ausreicht. "Was immer noch fehlt, ist sein persönliches Schuldeingeständnis", heißt es in einer Mitteilung von "Wir sind Kirche". "Durch die von ihm selber oder aber in seinem Namen vom Generalvikar getroffene Entscheidung im Fall des Pfarrers H. ist vielen Betroffenen großes Leid zugestoßen, das hätte durch ihn verhindert werden können."

"Verstrickt sich immer mehr in Lügengebilde"

Obwohl Benedikt nun einräumt, bei der Sitzung dabei gewesen zu sein, bleibt er dabei, nichts über die Vorgeschichte von Pfarrer H. gewusst zu haben. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller hält auch das für unglaubwürdig: "Joseph Ratzinger verstrickt sich immer mehr in seine Lügengebilde und wird (...) den irreparablen persönlichen Schaden für sich und sein Lebenswerk nicht mehr beseitigen können. Er beschädigt damit dauerhaft das Papstamt und damit die katholische Kirche", sagte Schüller der dpa.

Obwohl Benedikt sonst mehrfach auf sein gutes Gedächtnis verwiesen hatte, gab er zu Pfarrer H. an, "dass ich an die Person keinerlei Erinnerung habe". In einem anderen Missbrauchsfall in einem anderen Bistum erinnert sich Benedikt dagegen an Jahrzehnte zurückliegende Details.

Der Privatsekretär Benedikts, Erzbischof Georg Gänswein, teilte der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA) mit, dass es demnächst eine weitere Stellungnahme Benedikts zum Missbrauchsgutachten geben werde. Allerdings erst, wenn der emeritierte Papst das Gutachten vollständig gelesen habe.

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