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Bandenkriminalität: Die neuen Bosse von Rio

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    Bandenkriminalität: Die neuen Bosse von Rio

    In Rio de Janeiro sind kriminelle Milizen auf dem Vormarsch. In vielen Vierteln haben sie Drogenbanden verdrängt, erpressen die Bewohner - und pflegen beste Verbindungen in die Politik.

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    Von
    • Matthias Ebert

    Die 50-jährige Putzfrau Maria hat den Einmarsch der Miliz in ihr Stadtviertel noch genau vor Augen: 2019 wurde in ihrem Stadtteil in der Baixada Fluminense - dem riesigen Häusermeer der Vorstädte weit ab von Cristo und Copacabana - die dort ansässige Drogengang vertrieben. "Es dauerte nur einen einzigen Tag, dann waren die Milizionäre die neuen Bosse in unserem Viertel."

    Maria ist nicht ihr richtiger Name. Sie will anonym bleiben, aus Angst vor der Rache der brutalen Milizen. Diese hatten in Marias Viertel nach dem Einmarsch erst den Inhaber des lokalen Bustransports ermordet, um dessen Geschäft zu übernehmen. "Dann kamen sie von Haus zu Haus und forderten Geld", berichtet sie. "Wir haben anfangs gefragt, was das soll. Dann wurde uns gedroht. Sie fordern Schutzgeld von Apotheken und Supermärkten - und sogar von Kindergärten." Die Milizen erheben auch Gebühren auf Gasflaschen und Fernsehanschlüsse.

    Rücksichtsloses Morden

    Es ist ein profitables Geschäft, das die Kriminellen betreiben. Angeblich lassen sie die Finger vom Drogenhandel. Doch Ermittler wie Rios Staatsanwältin Simone Sibilio erkennen zunehmend, wie Milizen mit Drogenbanden gemeinsame Sache machen. Die Leiterin der Sondereinheit "Gaeco" registriert eine "extreme Zunahme der Gewalt durch Milizen. Anders als früher töten sie ihre Gegner immer rücksichtsloser. Sie verscharren sie in Massengräbern, um keine Aufmerksamkeit zu erregen."

    Der Vorteil der Milizen: Sie sind militärisch ausgebildet. Denn sie rekrutieren sich oft aus ehemaligen Militärpolizisten und Feuerwehrmännern, die vom Dienst suspendiert wurden und ins kriminelle Milieu wechseln. Einmal untergetaucht, profitieren sie von ihrer Ausbildung und von der Bruderschaft als ehemalige Polizisten. Ihr Ziel: Macht über Stadtviertel ausüben und Profite einstreichen.

    Wurzeln in der Militärdiktatur

    Der Soziologe José Claudio Alves von der staatlichen Universität UFRRJ erforscht seit Jahrzehnten die Machenschaften von Rios Milizen. "Ihr Ursprung reicht zurück in die 1990er-Jahre", sagt er. "Damals, während der Militärdiktatur, begannen Polizisten in ihrer Freizeit als Todesschwadron umherzuziehen. Sie wurden von Unternehmern aus der Region für das Ermorden ihrer Widersacher bezahlt."

    Mittlerweile haben die Milizen ihr Machtgebiet rund um den Zuckerhut rasant vergrößert. Waren sie vor 20 Jahren nur im Westen der Stadt, sind sie mittlerweile bereits in der Hälfte der Stadtviertel von Rio präsent. Ihre Macht ist von außen kaum sichtbar, nachdem sie zuvor jugendliche Drogengangs mit militärisch organisierten Angriffen verdrängt haben.

    Eng verwoben mit Verwaltung und Polizei

    Ein wichtiger Pfeiler sind Immobiliengeschäfte. In vielen Vierteln bauen die Milizen Wohnhäuser ohne Genehmigung. "Sie müssen keine Kontrollen fürchten, weil sie die Kontrolleure der Stadtverwaltung kennen", sagt Soziologe Alves. "Sie werden selten bestraft, weil sie die Polizei unterwandert haben." So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie mitten in Rio Straßen und Häuser in ein Naturschutzgebiet gebaut haben. Erst nach Medienberichten wurden die Bauarbeiten gestoppt.

    Ihre kriminellen Immobiliengeschäfte können sogar Menschenleben kosten. Ein Wohnblock der Milizen im Stadtteil Muzema, der ohne Genehmigung gebaut wurde, stürzte 2018 ein. Die Milizionäre hatten beim Bau offenbar gepfuscht. 24 Menschen starben.

    An der Macht der Milizen hat das kaum etwas geändert. Im Gegenteil: Sie treten immer aggressiver auch gegenüber dem Staat auf. Selbst Mitglieder der staatlichen Sondereinheit werden bedroht. Der Ermittler Gabriel Ferrando erklärt, wie sie dabei vorgehen: "Erst wollen sie uns Polizisten bestechen. Wenn das nicht geht, drohen sie dir. Wenn das nichts hilft, versuchen sie deinen Ruf als Polizist zu zerstören."

    Gewährsleute in Stadtrat und Regierung

    Im Stadtrat von Rio sind es rechte Abgeordnete, die als verlängerter Arm der Milizen gelten. Meist handelt es sich dabei auch um ehemalige Militärpolizisten. Politiker, die sich dem kriminellen Kartell in den Weg stellen, müssen um ihr Leben fürchten.

    Die linke Abgeordnete Marielle Franco hatte jahrelang gegen den Einfluss der Milizen in Rios Armenvierteln gekämpft. 2018 wurden sie und ihr Fahrer auf offener Straße erschossen. Der brutale Mord löste in Rio Wut und Fassungslosigkeit aus.

    Den mutmaßlichen Todesschützen nahmen die Ermittler 2019 fest. Seitdem laufen die Ermittlungen. Laut Staatsanwaltschaft soll er der Miliz "Büro des Verbrechens" angehören, die das Armenviertel Rio das Pedras unweit des Olympiageländes beherrscht. Als Drahtzieher machten die Ermittler den dortigen Milizen-Chef Adriano da Nóbrega aus. Dieser wurde auf der Flucht von Polizisten erschossen.

    Ungewöhnlich sind dabei vor allem Nóbregas Kontakte in die Politik. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hatte, als er noch Abgeordneter war, den Milizenchef öffentlich gelobt. Sein Sohn Flavio, der Senator von Rio de Janeiro, verlieh Nóbrega lange vor dem Mord die höchste Auszeichnung der Stadt Rio.

    Außerdem waren die Frau und die Mutter des Milizen-Chefs jahrelang Scheinangestellte im Parlamentsbüro des Präsidentensohns. Auch deshalb wird gegen Flavio Bolsonaro wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt.

    Zweifel am Präsidentenwort

    Jair Bolsonaro hatte Anfang 2020 bestritten, mit Milizionären in Verbindung zu stehen. Für Soziologe José Claudio Alves ist das wenig glaubwürdig. "Die Ehrung von Präsident Bolsonaro als früherer Abgeordneter waren nicht die Worte eines Ahnungslosen. Bolsonaro wusste sehr wohl, welche Verbindungen Männer wie Nóbrega mit dem organisierten Verbrechen hatten", sagt er dazu.

    In Rio sind die Milizen längst eine Art Staat im Staate. Ihren Machtanspruch setzen sie in immer mehr Stadtvierteln durch - mit dramatischen Folgen für viele Menschen, die im Schatten des Zuckerhuts leben.

    Meist trifft es ärmere Brasilianer wie Maria. Die Putzfrau muss monatlich umgerechnet 18 Euro Schutzgeld zahlen. Viel Geld für sie. "Es ist unmöglich, in diesem Viertel in Ruhe zu leben. Wer sich den Milizen widersetzt, den bringen sie um", sagt sie. "Ich habe große Angst - vor allem nachts."

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