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Bahnverkehr: Stellwerk-Modernisierungen dauern noch Jahrzehnte | BR24

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Ein Fahrdienstleiter sitzt an seinem Arbeitsplatz im Stellwerk München-Ost am Ostbahnhof.

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    Bahnverkehr: Stellwerk-Modernisierungen dauern noch Jahrzehnte

    Fünf Jahre nach dem schweren Zugunglück von Bad Aibling hat die Deutsche Bahn das Notrufsystem und die Ausbildung der Fahrdienstleiter verändert. Bis die Stellwerke flächendeckend modernisiert sind, dauert es aber noch sehr lange.

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    Von
    • Lorenz Storch

    Der Fahrgastverband Pro Bahn sieht großen Nachholbedarf bei der Modernisierung von Bahn-Stellwerken in Deutschland. Zum fünften Jahrestag des Zugunglücks von Bad Aibling sagte der Vorsitzende von Pro Bahn Oberbayern, Norbert Moy, dem Bayerischen Rundfunk: "Sicher ist da etwas verschlafen worden." Im Netz der Deutschen Bahn gebe es noch zahlreiche alte, mechanische Stellwerke, die zum Teil bis zu 100 Jahre alt sind. "Deswegen müsste hier dringend die Planung vorangetrieben werden und eine Umstellung auf das neue europäische Zugsicherungssystem ETCS vorangebracht werden."

    "Bahnfahren ist sicher, auch im Mangfalltal"

    Gleichzeitig betont Pro Bahn, dass auch die alte Technik durchaus sicher sei: "So ein Unglück löst natürlich bei den Fahrgästen Entsetzen aus. Aber die Eisenbahn ist sicher, und man kann auch im Mangfalltal sicher mit der Eisenbahn fahren."

    Das Stellwerk in Bad Aibling ist weiter unverändert in Betrieb. Freilich war diese Technik auch nicht die Ursache des Zugunfalls im Jahr 2016. Das betont auch die Deutsche Bahn auf BR-Anfrage und zitiert aus dem Urteil des Landesgerichts Traunstein, das deutlich gemacht habe, dass "die Stellwerkstechnik funktioniert und die Gegenfahrt der beiden Züge nicht zugelassen hat." Ursache des Unfalls sei das grob fehlerhafte Verhalten des Mitarbeiters gewesen, der in die funktionierende Stellwerkstechnik eingegriffen und die Sicherungsmechanismen damit außer Kraft gesetzt hat.

    Verhängnisvolles Notrufsystem in Bad Aibling verändert

    Als Konsequenz aus dem Unfall hat die Deutsche Bahn das Notrufsystem im Stellwerk Bad Aibling verändert: Statt zwei Knöpfen gibt es nur noch einen. So ist es nicht mehr möglich, wie beim Unfall einen falschen Knopf zu drücken, sodass die Lokführer nicht erreicht werden. Außerdem hat die Deutsche Bahn das Training der Fahrdienstleiter intensiviert. Sie üben jetzt auch auf Simulatoren, und es wird stärker auf die Gefahr von Ablenkung im Dienst hingewiesen. Außerdem gebe es "engmaschige Kontrollen".

    Erst 2035 sind alle Stellwerke digital

    Die Modernisierung aller Stellwerke in Deutschland allerdings ist eine Aufgabe für Jahrzehnte. Das Ziel ist, flächendeckend das neue europäische Zugsicherheitssystem ETCS einzuführen, das ganz ohne Signale auskommt und mit digitalen Stellwerken arbeitet. ETCS ist zum Beispiel auf der Neubaustrecke Nürnberg-Erfurt bereits in Betrieb. Bis das überall der Fall ist, dauert es nach bisherigen Plänen trotz jüngst angekündigter Sonderinvestitionen bis ins Jahr 2035.

    Die Deutsche Bahn gibt an, dass dann statt der heute 2.600 wenige hundert Stellwerke das gesamte 34.000 Kilometer lange Schienennetz in Deutschland steuern werden.

    Verkehrsminister drängt auf Digitalisierung

    Dieser Umbau der Stellwerke wird einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag kosten. Für die Finanzierung ist die Bundesrepublik zuständig. Bisher ist nur ein kleiner Teil der nötigen Mittel eingestellt. Allerdings hat sich Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) immer wieder vehement zur Digitalisierung des Schienenverkehrs bekannt.

    "Leider kann man bei der Bahn oft erst nach Jahrzehnten beurteilen, ob die Verkehrsminister ihre Versprechen eingehalten haben", sagt Norbert Moy von Pro Bahn, "dann sind sie längst nicht mehr im Amt." Pro Bahn fordert, zumindest die Mittel für eine flächendeckende Planung der digitalisierten Stellwerkstechnik freizugeben. Die Umsetzung werde allerdings trotzdem viele Jahre dauern, das sei unvermeidlich.

    Weniger Langeweile bringt mehr Sicherheit

    In den neuen Stellwerken tun wesentlich weniger Fahrdienstleiter ihren Dienst. Und der gestaltet sich viel weniger monoton als in Stellwerken alten Typs, da viele Routineaufgaben automatisiert sind. Das macht einen Unfall wegen Unaufmerksamkeit wie im Fall Bad Aibling unwahrscheinlicher.

    Außerdem könnte die neue Technik die Gewinnung von Nachwuchs für den Mangelberuf Fahrdienstleiter einfacher machen, so die Einschätzung von Pro Bahn. Und das sei wichtig, weil ein Großteil der derzeitigen Fahrdienstleiter der Bahn in den kommenden zehn Jahren das Rentenalter erreichen wird.

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