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Autoritarismus-Studie: Ein Viertel hat Angst vor "Überfremdung" | BR24

© picture alliance/Pacific Press Agency

Demonstranten schwenken Deutschland-Fahnen

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    Autoritarismus-Studie: Ein Viertel hat Angst vor "Überfremdung"

    Die Leipziger Studien zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland werden seit 2002 alle zwei Jahre von einer Arbeitsgruppe der Universität Leipzig durchgeführt. Ergebnis diesmal: Die Ausländerfeindlichkeit bleibt auf hohem Niveau.

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    Als die Leipziger Forscher 2002 ihre erste Autoritarismus-Studie veröffentlichten, wurden sie zum Teil als "Nestbeschmutzer" beschimpft, erinnert sich Prof. Elmar Brähler von der Universität Leipzig.

    Das habe daran gelegen, dass man ein großes Ausmaß an Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus, aber auch Antisemitismus festgestellt hatte. Und das Argument, dass der Forschergruppe damals entgegen schlug, war, dass es doch überhaupt keine Partei gebe, die damit in den Bundestag eingezogen sei. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert.

    Rechte Tendenzen nehmen zu

    Spätestens seit 2015, den Pegida-Protesten und dem Erstarken der AfD sind rechte Tendenzen in Politik und Gesellschaft nicht mehr zu übersehen. Mit dem Mord an Walter Lübcke und den Anschlägen von Halle und Hanau ist inzwischen in den Medien zunehmend auch von rechtem Terrorismus die Rede.

    Die Studie soll Auskunft darüber geben, wie weit rechte und autoritäre Haltungen verbreitet sind - etwa die Befürwortung einer Diktatur. Laut Prof. Oliver Decker, Rechtsextremismusforscher, wünschen sich 17 Prozent der Befragten eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft - dieses Reizwort einer ethnozentrischen und NS-Ideologie ist hier enthalten - insgesamt verkörpert.

    Ostdeutschland: Rechte Einstellungen stärker gestiegen

    Ein Viertel der Befragten stimmten bei der Aussage zu, die Bundesrepublik sei durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet. Auch hier wurde mit der "Überfremdung" ein Reizwort der Rechten in die Frage eingebaut. Decker erklärt, dass der höchste Anteil im Osten mit 38 Prozent liege und immer noch tatsächlich ein Viertel der bundesweiten Bevölkerung diese Aussage zumindest teilweise für richtig halte.

    In den westlichen Bundesländern haben die rechten und autoritären Einstellungen in der Langzeitbetrachtung über die letzten 20 Jahren eher abgenommen. Mit der Wirtschafts- und der Flüchtlingskrise, 2010 und 2015, ist teilweise ein kurzzeitiger Anstieg verbunden, der dann wieder zurückgegangen ist. In Ostdeutschland hingegen sind die Zahlen bei einigen rechten Einstellungen auch in den letzten Jahren weiter gestiegen, etwa bei der Verharmlosung des Nationalsozialismus.

    Verschwörungsmythen auf dem Vormarsch

    Aber die Forscher betonten auch: In einer Kategorie gab es seit der letzten Studie eine positive Entwicklung. Decker erklärt, dass es sowohl im Osten als auch im Westen einen Rückgang bei der Ausländerfeindlichkeit gibt. Allerdings seien die Zahlen im Osten immer noch höher als im Westen, so Decker.

    Da Antisemitismus in Deutschland von Politik und Gesellschaft stark verurteilt werde, gebe es tendenziell weniger offene Judenfeindlichkeit. Dennoch stimmten zehn Prozent der Befragten der Aussage zu, dass der Einfluss der Juden zu groß sei, so Decker weiter.

    Versteckter Antisemitismus finde sich auch im Glauben an Verschwörungsmythen. Brähler sagt, dass es hier allerdings einen eklatanten Ost-West-Unterschied gebe. Das betreffe etwa Aussagen wie "Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte". Unter den geheimen Mächten stellen sich Verschwörungstheoretiker nicht selten eine jüdische Weltverschwörung vor. "Im Osten teilen diese Verschwörungsfragen mehrheitlich über die Hälfte der Befragten", so Brähler. "Im Westen sind es noch 35 Prozent. Im Osten ist die Anzahl seit 2018 rapide angestiegen."

    Mysterium Corona-Virus

    Auch mit Blick auf die jüngsten Verschwörungserzählungen: Dass die Hintergründe der Corona-Pandemie nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen, glauben etwa die Hälfte der Befragten - im Osten sind es mehr als im Westen. Und der Aussage, dass die Krise um das Virus groß geredet wurde, damit einige wenige davon profitieren, stimmten etwa ein Drittel der Befragten zu.

    Decker erklärt, dass anti-moderne Ideologien eine Scharnierfunktion in den Rechtsextremismus übernähmen, dazu gehöre als "Einstiegsdroge" zum einen die Ausländerfeindlichkeit. Aber auch Verschwörungsmythen seien tragfähige Bindeglieder zwischen antidemokratischen Milieus.

    So wundere es nicht, dass auf Demonstrationen gegen die Corona-Politik plötzlich Neonazis mit Reichsflaggen aufmarschieren.

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