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Woran es beim Ausbau von Windkraft hakt | BR24

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In Deutschland ist Flaute angesagt. Heute ruft der Bundeswirtschaftsminister nun zum Krisengipfel. Denn es werden viel zu wenige Windräder gebaut. Und in Bayern fast gar keine mehr. Das sind die Gründe.

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Woran es beim Ausbau von Windkraft hakt

In Deutschland ist Flaute angesagt. Heute ruft der Bundeswirtschaftsminister nun zum Krisengipfel. Denn es werden viel zu wenige Windräder gebaut. Und in Bayern fast gar keine mehr. Das sind die Gründe.

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Die Bundesregierung hat sich ein Ziel gesteckt: Bis 2030 sollen 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen – also aus Wasser, Biomasse, Sonne und Windkraft. Stand jetzt sind es 44 Prozent, davon kommt etwa die Hälfte durch Windkraft. Das Problem ist allerdings: um das Ökostromziel zu erreichen, müssten mehr Windparks gebaut werden. Genau das passiert nicht.

Abstandsregel in Bayern

Grundsätzlich dürfen innerhalb und in der Nähe von Siedlungen, Straßen, Schutzgebieten und sogenannten Vorranggebieten für Erholung und Naturschutz keine Windkraftanlagen gebaut werden. Hinzu kommt in Bayern noch die sogenannte 10-H-Regel. Sie besagt, dass Windräder zehn Mal so weit entfernt von Siedlungen sein müssen wie sie hoch sind.

Das heißt: 200 Meter hohe Windräder müssen mindestens zwei Kilometer Abstand zur nächsten Siedlung halten. Nach der 10-H-Regel bleibt im Oberland gerade mal eine Fläche von 0,15 Prozent für Windkraft übrig.

Ministerpräsident Markus Söder hat nun angekündigt, mehr Windräder in den Staatsforsten aufstellen zu wollen. Die Grünen im Landtag halten das allerdings für eine Luftnummer, solange die Abstandsregel bestehen bleibt. Die 10-H-Regel macht es nahezu unmöglich im Wald weitere Standorte zu finden. Hinzu kommt, dass Windräder im Wald Vögel und andere Tiere stören und gefährden können.

Die 10-H-Abstandsregel gibt es nur in Bayern. Nach Protesten aus der Bevölkerung hatte der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sie eingeführt. 2018 wurden gerade einmal acht neue Windkraftanlagen in Bayern in Betrieb genommen.

Das Ziel ist kaum einzuhalten: 65 Prozent Ökostrom bis 2030

Aber auch in anderen Bundesländern ist der Ausbau der Windenergie drastisch zurückgegangen. Während 2018 noch Windkraftanlagen mit Leistungen von 2.800 Megawatt installiert wurden, sind es im ersten Halbjahr 2019 nur 300 Megawatt. Um die angepeilte Ökostromquote zu erreichen, müssten allerdings jedes Jahr Windkraftanlagen mit einer Leistung von 2.800 Megawatt aufgestellt werden, schätzt die Bundesregierung. Der Bundesverband Erneuerbare Energien geht sogar von noch höheren Zahlen aus – und zwar 4.700 Megawatt Windkraft an Land und weitere 1.000 Megawatt Offshore auf hoher See.

Problematisches Fördersystem

Um zu verstehen, warum heute zu wenig neue Windkraftanlagen gebaut werden, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Anfang der 2000er Jahre war das große Ziel der Regierung, die Energiewende voranzutreiben. Deshalb gab es laut Erneuerbare-Energien-Gesetz für jeden, der Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz einspeiste, eine fixe Vergütung pro Kilowatt-Stunde. Diese Förderung läuft aber Ende 2020 für die ersten Windparks aus.

Die Anschubfinanzierung reicht aus, die Subventionen sind zu teuer, meinte Umweltminister Peter Altmaier und änderte das Fördersystem 2017. Wer seitdem eine neue Windkraftanlage bauen will, muss an einer Ausschreibung teilnehmen. Derjenige, der angibt, am wenigsten Fördergelder zu benötigen, bekommt den Zuschlag. Da sich an der Energiewende aber nicht nur die großen Unternehmen beteiligen sollten, sondern auch Privatpersonen und Kommunen, hat man die Bedingungen für solche "Bürgerenergiegesellschaften" gelockert. Sie mussten keine komplizierten Genehmigungsverfahren durchlaufen.

Die Konsequenz: über 90 Prozent der Zuschläge gingen 2017 an Bürgerenergiegesellschaften. Wie sich dann allerdings herausstellte, steckten dahinter trotzdem häufig Unternehmen. Der Kriterienkatalog war zu locker und häufig wurde zu Preisen geboten, zu denen die Betreiber womöglich hinterher gar nicht produzieren können. Viele Zuschläge werden wohl verfallen, schätzt der Bundesverband Windenenergie (BWE).

Stau bei Genehmigungen

Dann wurde das Gesetz geändert: Auch Bürgerenergiegesellschaften brauchen nun Genehmigungen – das kann aber dauern. Da sich die Anträge mittlerweile auf den Tischen türmen, dauert eine Genehmigung etwa drei Jahre, danach beginnt der Ausschreibungsprozess. Außerdem gibt es viele Klagen von Windkraftgegnern, Umwelt- und Naturschutzverbänden. Die Folge: Es werden kaum neue Windkraftanlagen gebaut.

Verbände fordern schnellere Verfahren und mehr Flächen

Windkraftverbände fordern nun mehr Unterstützung für Windkraft aus der Bevölkerung und vor allem auch schnellere Genehmigungsverfahren und mehr Flächen für den Ausbau von Windenergie. Der Bund könnte zum Beispiel im Raumordnungsgesetz festlegen, dass die Länder zwei Prozent der Flächen als geeignet für Windkraft ausweisen sollen. Das könnte Bayern unter Druck setzen, die 10-H-Regel zu ändern.

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Der Ausbau der Windkraft könnte die Energiewende in Deutschland deutlich voranbringen. Doch in den meisten Bundesländern - auch in Bayern - werden kaum noch Anlagen gebaut.

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Interview mit Prof. Horst Wildemann, Experte für Produktions- und Logistikmanagement, zum Thema Windkraft in Deutschland.