Tschechien, Decin: Die Firma Inflatech aus der tschechischen Grenzstadt Decin stellt aufblasbare Attrappen von schweren Militärfahrzeugen her.
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Aufblasbare Panzer aus Tschechien

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Mit aufblasbaren Panzern täuschen: Was Experte Masala sagt

Zur Kriegskunst gehört auch der Versuch, Gegner zu täuschen. Eine Möglichkeit ist der Einsatz von Attrappen - ein altbekanntes beliebtes Mittel, sagt Militärexperte Masala im Gespräch mit BR24. Anlass ist eine Entwicklung aus Tschechien.

In einer Halle in der tschechischen Grenzstadt Decin sitzen Näherinnen an Maschinen, um grüne Stoffbahnen zusammenzufügen. Sie arbeiten für die Firma Inflatech, die aufblasbare Attrappen von schweren Militärfahrzeugen herstellt.

Aufblasbare Panzer, Kampfflugzeuge und Kanonen finden in der nordböhmischen Stadt nahe Deutschland reißenden Absatz. Ob sie auch in der Ukraine eingesetzt werden, will Geschäftsführer Vojtech Fresser nicht sagen. Allerdings habe das Geschäft im vergangenen Jahr um mehr als 30 Prozent zugenommen. Vieles ist streng geheim. Die Vorteile der Täuschungstechnik liegen für Fresser auf der Hand. Produkte wie aufblasbare Kampf- und Schützenpanzer kosten umgerechnet bis zu 100.000 Euro.

Panzer aus Holz schon im Zweiten Weltkrieg

Inflatech schneidert die Waffenattrappen aus Kunstseide und anderen leichten Materialien. Trotzdem wiegt ein falscher Panzer bis zu 100 Kilogramm. Um ihn zu entfalten und aufzubauen, brauchen vier Soldaten etwa zehn Minuten.

Der Militärexperte Carlo Masala von der Bundeswehruniversität in Neubiberg bei München hält viel von derartigen Attrappen. Schon im Zweiten Weltkrieg seien in Nordafrika Panzer aus Holz in den Einsatz geschickt worden, um Panzerdivisionen stärker erscheinen zu lassen, berichtet Masala auf Anfrage von BR24. Auch die ukrainische Armee habe bereits derartige Taktiken angewandt und den russischen Gegner erfolgreich mit Holznachbauten des Mehrfachraktenwerfers Himars getäuscht.

Auch russische Militärblogger berichteten, dass es spezielle Einheiten in der russischen Armee gebe, die sich auf solche Täuschungsmanöver spezialisiert hätten. Ende Januar hatte der ukrainische Generalstab mitgeteilt, dass die russischen Truppen im Gebiet Saporischschja versuchten, mit aufblasbaren Panzern eine größere Präsenz vorzutäuschen.

Experte Masala: Attrappen nicht kriegsentscheidend

Die Attrappen aus Tschechien können als Köder für feindliche Geschosse dienen. Der Trick besteht darin, für Drohnen, Wärmebildkameras und Radar des Feindes den Eindruck zu erwecken, sie hätten ein hochwertiges Ziel aufgespürt, schildert Geschäftsführer Fresser. Das soll den Gegner dazu verleiten, mit teuren Raketen und Marschflugkörpern auf bessere Luftballons zu schießen.

"So gewinnen wir auf dem Schlachtfeld auch wirtschaftlich", sagt Fresser. Zwei seiner Mitarbeiter tragen eine große schwarze Tasche auf den Hof vor dem Firmengebäude. Mit wenigen Handgriffen falten sie eine Kampfpanzer-Attrappe US-amerikanischer Bauart wie ein Schlauchboot auseinander. Ein Kompressor bläst Luft hinein, schon reckt sich das Gefährt aus Kunstseide in die Höhe. Eine Metallstange gibt der Kanone die nötige Stabilität, während manche Anwohner etwas verwundert dreinblicken.

Ein aufblasener Panzer
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Ein aufblasener Panzer

"Wenn man kein Fernglas zur Hand nimmt, kann man aus 150 bis 200 Metern Entfernung nicht mehr unterscheiden, ob es sich um echte Technik oder eine Attrappe handelt", so Fresser. Viel wichtiger sei es indes, die Wärme- und Radarsignatur vorbildgetreu nachzuahmen. Wie genau das geschieht, will er nicht verraten. Nur so viel: Eine eigens konstruierte Vorrichtung sorge dafür, dass die Bereiche warm seien, die warm sein sollten.

Derzeit produziert Inflatech pro Monat etwa 50 aufblasbare Täuschungsmanöver. Das Unternehmen hat auch eine Attrappe des US-Mehrfachraketenwerfers Himars im Angebot. Experte Masala sieht in den Attrappen eine gute Möglichkeit für erfolgreiche Kriegsführung. Allerdings beobachtet er auch Einschränkungen. "Mit Mehrfachraketenwerfern lässt sich die russische Luftaufklärung gut täuschen. Bei Panzer-Attrappen sieht das anders aus." Ein Krieg, so Masala, lasse sich dadurch ohnehin nicht entscheiden.

Ursprünglich sollten Soldaten mit Attrappen trainieren

Vojtech Fresser will nicht direkt sagen, ob die Ukraine auch aufblasbare Inflatech-Produkte nutzt, um die russischen Invasoren zum Narren zu halten. Er drückt sich lieber so aus: "Ich kann mir vorstellen, dass wir einem Partnerland, das in Schwierigkeiten steckt, aufblasbare Köder schicken, wenn wir es unterstützen wollen. Oder es hat sie schon und falls nicht, wird es sie sicher bald bekommen."

Ursprünglich wurden die Attrappen entwickelt, damit Soldaten daran trainieren können. Pro Stück kosten sie bis zu 95.000 Euro. Das sei zwar teuer, sagt Fresser, aber ein echter Panzer könne 20 Mal so viel kosten.

Fresser rechnet damit, dass das zweistellige Umsatzwachstum seiner Firma noch drei bis fünf Jahre anhält. Eigentlich würde er lieber Kinderspielzeug bauen, sagt er. "Aber zuerst müssen wir dafür sorgen, dass es eine sichere Welt für sie gibt. Dann werden wir hoffentlich zu zivilen Projekten zurückkehren können."

Angefangen hatte das Unternehmen 2014 als Garagenfirma, die zeitweise auch Hüpfburgen für Kinder herstellte. Dass zwei seiner Mitgründer ursprünglich aus Russland stammen, sieht Fresser nicht als Problem an. Sie seien längst in Tschechien integriert. Geliefert wird an Nato-, EU- und Partnerstaaten. Inzwischen habe die Firma 20 Mitarbeiter - bald sollen es doppelt so viele sein. Für dieses Jahr rechne man mit einem Umsatz von mindestens 150 Millionen Euro. In der strukturschwachen Region an der Grenze zu Sachsen ist das viel Geld.

Tschechien ein wichtiger Unterstützer der Ukraine

Im Kampf gegen die russische Invasion zählt Tschechien zu den wichtigen Unterstützern der Regierung in Kiew. Die Liste dessen, was die Regierung in Prag und Rüstungskonzerne bisher an echtem Militärgerät geliefert haben, ist lang: 89 Kampfpanzer, 226 Schützenpanzer, 33 Mehrfachraketenwerfer - und vieles mehr.

"Vom ersten Moment an wussten wir - auch aufgrund unserer eigenen historischen Erfahrungen -, dass wir uns für die Ukraine einsetzen müssen", sagte jüngst Ministerpräsident Petr Fiala. Die Warschauer-Pakt-Staaten waren im August 1968 in die damalige sozialistische Tschechoslowakei einmarschiert, um die Demokratiebewegung Prager Frühling niederzuschlagen. Die letzten russischen Soldaten zogen erst im Juni 1991 ab.

Mit Informationen von AP und dpa

Zivilisten nehmen an einer militärischen Übung des Prawyj Sektors, einer rechtsextremen ukrainischen politischen Organisation, in der Nähe von Lwiw teil. Die russische Armee hatte die Ukraine am 24. Februar 2022 überfallen. Foto: Mykola Tys/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Ukraine-Krieg

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