BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Auf der Hut vor Fälschungen: Polen und die Belarus-News | BR24

© ARD

Lukaschenko geht gezielt gegen Journalisten vor. Viele wurden verhaftet, viele sind im Gefängnis verschwunden. Da die Arbeit vor Ort immer gefährlicher wird, berichten verstärkt Medienschaffende aus dem Nachbarland Polen, wo sie auch Asyl finden.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Auf der Hut vor Fälschungen: Polen und die Belarus-News

Immer wieder tauchen im Netz Videos von Gewalttaten der belarussischen Sonderpolizei Omon auf. Doch sind die Videos echt? Journalisten im Nachbarland Polen prüfen das akribisch, um nicht von Belarus instrumentalisiert zu werden.

Per Mail sharen

Kann diese Szene echt sein oder ist sie inszeniert? Eine Dorfstraße, landestypische Holzhäuser, die Kamera schwenkt auf ein schwarzgekleidetes Mitglied der inzwischen weltweit bekannten Sonderpolizei Omon. Groß im Bild hält der Maskierte einen Zivilisten am Boden, mit dem Knüppel drohend. Im Hintergrund weitere Gewaltszenen. Ein Mann in Bluejeans wird abgeführt, ein anderer schwarzer Omon-Mann prügelt einen Menschen am Boden.

Das Video, es soll im belarussischen Dorf Lebedsewa nicht weit von der litauischen Grenze entstanden sein, wirft Fragen nach seiner Echtheit auf, fast zu perfekt inszeniert erscheint es. Und wenn es echt ist, stellt sich die Anschluss-Frage, wieso die Staatsmacht in Belarus solche Nahaufnahmen ihrer Gewalt zulässt, denn heimlich kann das Video kaum gedreht worden sein.

Immer neue Videos von Gewalt durch die Sonderpolizei Omon

Jakub Biernat vom Sender Belsat, der von Polen aus für Weißrussland ausstrahlt, aber eigene Teams in Belarus hat, erklärt die Situation: "Die Omon-Leute tragen Masken und haben keine Abzeichen, ihre Autos fahren ohne Kennzeichen. Der Bürger ist außerstande, festzustellen, wer prügelt, wer nimmt fest. Man spürt, dass sie einen Freibrief für Gewalt haben. Sie sind hemmungslos auch, wenn Menschen das aufnehmen, deswegen gibt es so viele schreckliche Videos."

Irgendwann freilich richtet sich die Gewalt oft auch gegen die Filmenden; eine Belsat-Mitarbeiterin etwa zog bei Protesten die Presse-Weste aus, weil sie spürte, dass gezielt in ihre Richtung geschossen wurde, berichtet Biernat. Zahlreiche Mitarbeiter des Senders wurden festgenommen, misshandelt, einem Belsat-Reporter, der sich vor einem Gefängnis in Grodna nach inhaftierten Kollegen erkundigte, schlugen Millizionäre vier Zähne aus, so der Sender, der vom öffentlichen polnischen TVP finanziert wird.

© picture-alliance/Victor Lisitsyn

Der belarussische Erfinder des Telegram-Channels Nexta lebt derzeit im Exil in Polen. Er versucht, die Echtheit belarussischer Videos zu prüfen.

Wenn Verhaftung droht, streamen Journalisten live

"Wir haben viele Teams am Ort, aber wenn man jederzeit verhaftet werden kann, streamen wir am liebsten live ins Netz", so der Journalist. "Der Kameramann hat sein Smartphone, die Journalistin hat ihr Mikro, und sie senden live, bis sie verhaftet werden, aber das Material ist da."

Polen ist nicht nur Sitz von Belsat, auch Nexta operiert von hier, eine Art Video-Börse, deren Nutzerzahlen auf über zwei Millionen explodiert sind, und die dabei den Messanger-Kanal Telegram nutzt, der schwer zu blockieren ist. Der 22-jährige Stepan Putilo begann mit Nexta, als er 17 Jahre alt war. In seinem polnischen Versteck erzählte er dem ARD-Studio Warschau von dem Sturm, in dem er nun steht: "Wir bekommen jetzt sehr viele Hinweise, 200 pro Minute, 100.000 am Tag, nicht alles können wir prüfen und analysieren", so Putilo. "Wir tun alles mit Hilfe unserer Quellen, die Echtheit zu prüfen. Und am liebsten publizieren wir Videos und Fotos, von denen wir genau wissen, dass sie authentisch sind."

Auf der Hut vor Videofälschungen: "Man muss alles untersuchen"

Andrzej Poczobut, polnisch-belarussischer Journalist aus Grodna im Westen von Belarus arbeitet schon lange dort. Dieser Tage zieht er rund um die Uhr durch seine Stadt, um selbst aufzuzeichnen, was passiert, und weil er die Gegend kennt, kann er auch bei fremden Aufnahmen Authentizität gut einschätzen. "Ich sehe mir immer genau die Details an, die Uniformen, das Wetter, den Ort", erklärt er seine Vorgehensweise. "Man muss alles untersuchen und ich gebe nur weiter, worüber ich zu einhundert Prozent sicher bin."

Auch jenes Video aus einem Dorf nicht weit von seiner Stadt leitete Poczobut weiter, es stammt nicht von ihm selbst. Tatsächlich gibt es weitere Quellen und sogar Fotos von der Gewaltorgie im Dorf aus anderer Perspektive, die dafür sprechen, dass das Video echt ist. Und so wichtig es ist, dass Journalisten viel riskieren, um der Welt zu zeigen, was in Belarus passiert, sie dienen doch zugleich womöglich auch ein Stück weit dem Regime beim Verbreiten der brutalen Botschaft ans eigene Volk: Nehmt Euch in Acht, wer aufmuckt, wird von uns gnadenlos verfolgt, wenn es sein muss, bis ins letzte Dorf.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!