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Vor 35 Jahre geschah der Super-Gau in Tschernobyl. Eine schädliche Wolke zog über Europa, erst Richtung Schweden, dann nach Österreich und Bayern. Für Pilze und Fleisch von Wildschweinen weisen Stichproben der Behörden noch immer Spitzenwerte auf.

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35 Jahre nach Tschernobyl: Wildschweine in Bayern verstrahlt

Das Reaktor-Unglück in Tschernobyl vor 35 Jahren macht Jägern in Bayern immer noch zu schaffen: Wildschweine sind nach wie vor radioaktiv verstrahlt — und das wird wohl auch noch länger so bleiben.

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Von
  • Johannes Hofmann

Beatrice Jäger ist Jägerin - und als Forstwirtin verantwortlich für ein Revier in der Nähe von Augsburg. Dort will sie heute ein Wildschwein schießen, es wäre das erste dieses Jahr. Die Frage ist nur: Kann sie das Wildschwein dann auch essen? "Das ist immer eine Überraschung, um ehrlich zu sein", sagt sie. Im Frühjahr letzten Jahres sei die Strahlenbelastung sehr hoch gewesen: "Da hatten wir tatsächlich nur ein Wildschwein, das wir verwerten durften, das die Grenze der 600 Becquerel nicht überschritten hat."

Schuld ist die Katastrophe von 1986. Im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl kommt es damals zum Gau. Der Wind trägt die radioaktive Strahlung auch nach Bayern - und das Augsburger Land bekommt im Vergleich besonders viel ab. Weil Wildschweine ihre Nahrung oft im Boden finden, sind auch sie belastet - bis heute.

Immer noch steckt Tschernobyl in den Wildschweinen

"Das ist für mich ein Stück weit unvorstellbar, wie weit wirkend die Folgen sind, weil es ist ja jetzt schon 35 Jahre her, das heißt, eine Halbwertszeit ist schon rum", sagt die 25-jährige Beatrice Jäger. Doch noch immer steckt Tschernobyl in unseren Wildschweinen - mal mehr, mal weniger. Wie hoch die Belastung heuer hier ist, will die studierte Forstwirtin rausfinden.

Wie es der Zufall will, schießt Jäger in dieser Woche einen Überläufer-Keiler, also ein männliches Wildschwein im Alter von etwa einem Jahr. Nun muss sie eine Probe entnehmen, in Bayern ist das bei Wildschweinen Pflicht. "Wichtig ist, dass es 500 Gramm reines Muskelfleisch sind. Der Anteil an Fettgewebe oder Sehnen sollte nicht zu groß sein. Letztlich geht’s um die Vergleichbarkeit der Proben", berichtet Jäger.

Proben des Wildschweinfleischs auf radioaktive Belastung kontrolliert

Das Fleisch bringt die Jägerin zu Manfred Pösl von der Jägervereinigung Schwabmünchen. Er betreibt eine von 124 Messtationen des Landesjagdverbands und kennt damit die Cäsium-Belastungen aus der Umgebung. "2020 haben wir von Januar bis Juli 75 gute gehabt, und 220 schlechte. Also voriges Jahr um diese Zeit hat man mit nur schlechten Schweinen angefangen", sagt Pösl.

Bei einem Schwein hat er sogar schon knapp 10.000 Becquerel gemessen - die Messeinheit für Radioaktivität. Der Grenzwert liegt bei 600. Nur was darunter liegt, darf weiterverarbeitet werden. Manfred Pösl packt das Fleisch von Jäger in einen Zylinder und startet die Messung. Nun muss sich der Becquerel-Wert über mehrere Minuten einpendeln.

Grad der Verstrahlung hängt vom Futter ab

Jörg Richter von der Jägervereinigung Schwabmünchen hat sich als Student wissenschaftlich mit dem Thema befasst. Das Ergebnis: Wie verstrahlt Wildschweine sind, hängt vor allem davon ab, wie viel Futter sie aus dem Boden ziehen müssen. Je mehr Fruchtmast von oben zur Verfügung steht, desto niedriger die Belastung. "Wenn viele Kastanien, viele Bucheckern, viele Eicheln da sind im Herbst, dann ist im Frühjahr keine Belastung im Schwarzwild", sagt Richter.

Seit Tschernobyl verringert sich die Belastung durch Cäsium 137 immer weiter, aber nur sehr langsam. Richter glaubt, "dass wir da nicht mehr von wegkommen. Das ist im Boden drin. Und da werden wir noch gefühlt 150, 200 Jahre mit zu kämpfen haben."

Hoffnung auf gute Grillsaison

Die Messung von Beatrice Jägers Fleisch ergibt an diesem Tag 36 Becquerel, ist also zum Verzehr geeignet. Die Freude ist groß, vor allem nach dem schlechten Jahr 2020. "Es ist immer brutal schade, wenn man das Wild, das man erlegt hat, in die Tierkörperverwertung geben muss", sagt sie. Ihr erstes Wildschwein heuer lässt jedenfalls auf eine gute Grillsaison hoffen.

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/epa Tass

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