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Attentäter von Christchurch: "Wir sehen uns in Walhalla" | BR24

© Mark Mitchell / AAP Image /dpa

Brenton Tarrant bei einer Anhörung vor Gericht

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Attentäter von Christchurch: "Wir sehen uns in Walhalla"

Brenton Tarrant hat seine Tat mit einem obszönen Propaganda-Feldzug im Internet begleitet: einem Live-Video seines Massenmords und einer 74-seitigen "Begründung" voll rechtsextremer Denkmuster. Auch Deutschland spielt darin eine Rolle.

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Vor Gericht in Christchurch erschien der Mann, der kurz zuvor in zwei Moscheen 49 Menschen erschossen hatte und wohl noch weitere ermordet wollte, in einem weißen Gefängnishemd, ohne erkennbare Gefühlsregung und zunächst ohne Aussagen zu machen. Nur seine in Handschellen gefesselten Hände machten eine in rechtsextremen Kreisen gebräuchliche Geste, die vermuteten Gesinnungsgenossen wohl zeigen sollte: Mir geht es gut.

Scheidungskind, Body Builder und Weltreisender

Was man gesichert über Tarrant weiß: Der 28-Jährige stammt aus Australien, wo er in der Kleinstadt Grafton im Norden von Sydney in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist. Nach der Scheidung seiner Eltern lebte er bei seinem Vater, einem Müllwerker und passionierten Triathleten. Brenton Tarrant selbst arbeitete als Fitnesstrainer.

Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2010 nahm sein Leben verschlungenere Wendungen. Tarrant spekulierte - anscheinend erfolgreich - mit Kryptowährungen, verbrachte zunehmend mehr Zeit mit Videospielen und diversen Social-Media-Aktivitäten im Internet. Und er unternahm Reisen: Nach Nordkorea und Pakistan ebenso wie nach Frankreich und Osteuropa. Im Visier der neuseeländischen Sicherheitsbehörden war Tarrant nicht, obwohl er sich im Internet immer wieder rechtsextremistisch geäußert hatte. Ob er ein Einzeltäter oder Teil eines Netzwerks ist, wird derzeit noch ermittelt.

Die Selbstdarstellung eines Massenmörders

Er werde bald vergessen sein, schreibt Tarrant im Internet, und das sei ihm egal: Schließlich sei er ein zurückhaltender und meist introvertierter Mensch, ein, so Tarrant an anderer Stelle, ganz normaler weißer Mann aus der Arbeiterklasse. Seine exzessive Selbstdarstellung im Netz spricht eine andere Sprache.

Um sein Verbrechen so prominent wie möglich zu machen, filmte Tarrant die Tat mit einer Helmkamera und übertrug sie live ins Internet. Das Video ist 17 Minuten lang. Auch wenn das Video und Tarrants Instagram-Profil nach einiger Zeit von Facebook gesperrt wurden, verbreitete sich das Video schnell weiter. Peter Neumann, Extremismusforscher am Londoner King's College, sieht darin eine "narzisstische Selbstinszenierung" des Täters - aber auch eine sehr bewusste "Propaganda-Strategie". Dafür spricht auch eine 74-seitige Selbstdarstellung, die Tarrant kurz vor der Tat ins Netz stellte.

Wahnideen vom großen "Bevölkerungsaustausch"

Überschrieben ist Tarrants Dokument des Hasses mit "The Great Replacement". Der Attentäter bezieht sich darin auf eine auch in identitären Kreisen hierzulande verbreitete Verschwörungstheorie des französischen Rechtsextremisten Renaud Camus, der zufolge die "weiße" Bevölkerung westlicher Länder von ihren Regierungen gezielt durch Zuwanderer ersetzt werden solle. Als verantwortliche Politiker, deren Tod Tarrant herbeiwünscht, nennt er noch vor Recep Tayip Erdogan und dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan Bundeskanzlerin Merkel, die er als "mother of all things anti-white and anti-germanic" bezeichnet. Am Ende des Dokuments - den Worten "Europa rises" - hat Tarrant noch eine Montage mit Stock-Photos "nordischer" Menschen und Landschaften eingefügt.

Warum dann aber Moslems in Neuseeland? Da lebe er halt gerade, schreibt Tarrant. Außerdem habe er zeigen wollen, dass die fremden Eindringlinge ("Invaders") inzwischen selbst in die entlegensten Teile der Welt vorgedrungen seien.

"Waren oder sind Sie ein Faschist? Ja."

Aufgebaut ist Tarrants Machwerk in großen Teilen als "Frage-und-Antwort-Spiel", das wohl zugleich als eine Art Katz-und-Maus-Spiel mit der fassungslosen Öffentlichkeit gedacht ist. Ein Nazi sei er nicht, behauptet Tarrant, schließlich würden die seit über 60 Jahren keine Rolle mehr spielen. Die selbstgestellte Frage: "Where/are you a fascist?" beantwortet er hingegen mit Yes. "Die Journalisten werden es lieben."

Zu den Motiven, die Tarrant in seinem Text voller "Name Dropping", Scheinbegründungen und kruder Referenzen für seine Tat anführt, zählen die Ausschreitungen in deutschen Städten zum Jahreswechsel 2015/16 ebenso wie seine "Segnung" durch den norwegischen Massenmörder Anders Breivik. Sein Abschiedsgruß an Gesinnungsgenossen: "Wir sehen uns in Walhalla."

Tarrants Ziel: Die gesellschaftliche Spaltung vertiefen

Ein reiner Wirr- und Dummkopf scheint Tarrant indes nicht zu sein. An einer Stelle argumentiert er, er habe bewusst Feuerwaffen ausgewählt, weil er sich davon eine besondere mediale Wirkung in den Vereinigten Staaten und nachfolgend im Rest der Welt erhofft habe. Er wolle die Waffendebatte weiter anheizen, um "die soziale, kulturelle, politische und rassische Spaltung" der Gesellschaft weiter zu vertiefen.

Die ersten internationalen Reaktionen auf die Tat geben Anlass zur Hoffnung, dass ihm das nicht gelingen wird.

© BR

Gedenken an die 49 Opfer nach dem Terroranschlag in Neuseeland: Die Bestürzung ist immer noch groß in dem bisher recht friedlichen Land. Der Attentäter hatte Verbindungen zur rechtsextremen Szene. Er plante wohl weitere Angriffe.