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Atomunfall-Vorsorge: Deutschland stockt Jodtabletten-Vorrat auf | BR24

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Das Bundesamt für Strahlenschutz hat rund 190 Millionen Jodtabletten bestellt. Die Begründung: Vor allem von grenznahen Atomkraftwerken gingen Risiken aus - und darauf müsse man vorbereitet sein.

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Atomunfall-Vorsorge: Deutschland stockt Jodtabletten-Vorrat auf

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat rund 190 Millionen Jodtabletten bestellt. Die Begründung: Vor allem von grenznahen Atomkraftwerken gingen Risiken aus - und darauf müsse man vorbereitet sein.

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Beim österreichischen Pharmakonzern Gerot Lannach in der Steiermark herrscht Verwunderung: 50 Millionen Packungen Jodtabletten wurden geordert, der größte Einzelauftrag in der Geschichte des Unternehmens - so meldete es Anfang August der österreichische Fernsehsender ORF. Sie sollen als Vorsorge zur Vermeidung von Schilddrüsenkrebs im Fall eines schweren Reaktorunfalls dienen - bestellt ausgerechnet vom Atomausstiegsland Deutschland.

Expertenempfehlung nach Fukushima

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz bestätigte auf Anfrage des WDR den Großauftrag und nannte Einzelheiten. Insgesamt habe man rund 190 Millionen Jodtabletten geordert - fast das Vierfache des aktuellen Bestandes. Grundlage sei eine Empfehlung der Strahlenschutzkommission nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, sagt der Essener Strahlenbiologe Wolfgang Müller, seinerzeit Vorsitzender der Strahlenschutzkommission:

"Fukushima hat uns damals zwei Dinge gelehrt: Das eine ist, dass man auch mit Reaktorunfällen der Stufe INES 7 rechnen muss, also schwerer, als man vorher angenommen hat. Und zum Zweiten, dass es durchaus auch mehrtägige Freisetzungen geben kann, was dann bedeutet, dass unter Umständen die Windrichtungen wechseln und viel mehr Gebiete betroffen sind, als das nach einer eintägigen Freisetzung der Fall wäre." Wolfgang Müller, Strahlenbiologe

💡 INES-Skala für Reaktorunfälle

INES (International Nuclear and Radiological Event Scale) ist die Bewertungsskala der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA). Sie umfasst acht Stufen von Stufe 0: "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung" über Stufe 2: "Störfall" bis zur höchsten Stufe 7: "Katastrophaler Unfall".

Die Mitgliedsländer der internationalen Verträge haben sich verpflichtet, Zwischenfälle oder meldepflichtige Ereignisse der INES-Stufe 2 (Störfall) oder größer in Kernkraftwerken bei der IAEA zu melden.

Notfallzonen vergrößert

Auf Empfehlung dieses Beratungsgremiums der Bundesregierung wurden unter anderem die jeweiligen Notfallzonen rund um die Atomkraftwerke erheblich vergrößert. Als "Fernzone", in der zum Beispiel alle Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere mit Jodtabletten versorgt werden müssen, gilt seitdem das gesamte Gebiet der Bundesrepublik.

Gefahr aus den Nachbarstaaten

Laut Ausstiegsplan wird Deutschland Ende 2022 seine letzten Atomkraftwerke abschalten. Dennoch hält Strahlenbiologe Müller die verstärkte Vorsorge für den Fall einer Nuklearkatastrophe für wichtig und richtig - wenn auch nicht in erster Linie wegen der deutschen Reaktoren: "Es könnte beim Rückbau kleinere Unfälle geben, die aber keine großflächigen Freisetzungen nach sich ziehen würden." Viel dringender sei das Risiko durch grenznahe Kernkraftwerke.

"Denken Sie an Belgien, an Frankreich, an die Schweiz, an Tschechien, Schweden. Und wenn da etwas passiert, müssen wir die deutsche Bevölkerung natürlich genauso schützen." Wolfgang Müller, Strahlenbiologe

Keine Panikmache, sondern gute Vorbereitung

Ähnlich hatte vor zwei Jahren die Städteregion Aachen argumentiert. Wegen des fragwürdigen Zustands des nahe gelegenen belgischen Atomreaktors Tihange hatte man an alle Einwohner unter 45 Jahren vorsorglich Jodtabletten ausgegeben. "Die Ausgabe der Kaliumjodid-Tabletten ist eine vorsorgliche Maßnahme", hieß es in einem Online-Video. "Bitte nehmen Sie die Jodtabletten erst dann ein, wenn Sie hierzu ausdrücklich durch die Katastrophenschutzbehörde aufgefordert werden."

Trotz aller Aufklärung: Aachen erntete viel Kritik für seine Jodtabletten-Aktion. Manche sprachen von Panikmache - ein Vorwurf, den Müller bei der bundesweiten Aufstockung der Jodtabletten-Vorräte nicht gelten lässt:

"Panik wird dadurch nicht hervorgerufen, sondern vielleicht doch sehr viel Verständnis dafür, dass man gut vorbereitet sein soll. Denn, wie gesagt: Die grenznahen Kernkraftwerke würden noch über Jahrzehnte erhalten bleiben." Wolfgang Müller, Strahlenbiologe

"Wenn dort etwas passieren würde und wir nicht vorbereitet wären, wäre das sicher eine schlimme Geschichte", sagt Müller - zumal laut Einschätzung von Fachleuten der Zustand vieler Atomkraftwerke in Europa mit zunehmendem Alter immer schlechter wird. Die Kosten für Beschaffung und Transport der 190 Millionen Jodtabletten liegen laut Bundesamt für Strahlenschutz übrigens bei 8,4 Millionen Euro netto und werden vom Bund getragen. Für Lagerung und Verteilung sind die Länder zuständig.

💡 Jodtabletten zum Strahlenschutz

Bei einem nuklearen Unfall kann radioaktives Jod freigesetzt werden. Damit sich dieses nicht in der Schilddrüse anreichert, sollte zum richtigen Zeitpunkt nicht-radioaktives Jod in Form einer hochdosierten Kaliumiodid-Tablette aufgenommen werden. Dies schützt jedoch ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe. Da die Einnahme von großen Mengen Jod mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist, sollte sie nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die zuständigen Behörden erfolgen.